Hat man vor einigen Jahren noch von künftigen Entwicklungen gesprochen, so ist es längst Realität: das Connected Car kommuniziert in Echtzeit mit anderen internetfähigen Geräten. Auch private Pkws sind zunehmend in der Lage, sich mit der Umgebung zu vernetzen. So ist die Kommunikation mit anderen Fahrzeugen, der Verkehrsinfrastruktur oder auch dem Smartphone des Fahrers möglich. Auf diese Weise können unterschiedlichste Daten generiert, gesammelt und gesendet werden. Das können fahrzeugbezogene Daten (z. B. Grunddaten des Fahrzeugs oder erzeugte technische Daten), vom Fahrer eingebrachte Daten (wie Fahrverhalten, Standort- und Navigationsdaten oder Infotainment-Einstellungen) und Umgebungsdaten (z. B. andere Verkehrsteilnehmer, Wetter oder Verkehrsvorfälle) sein. Die aufgezeichneten Daten werden über das Mobilfunknetz an Hersteller sowie Drittanbieter gesendet. Damit ist es möglich, dass auch die Kfz-Versicherer an diese Daten kommen – aber was können sie damit anfangen und welche Hürden gibt es noch zu überwinden?

Die HUK-COBURG beschäftigt sich sehr intensiv mit Daten aus vernetzten Fahrzeugen. Wir haben mit dem Lead Data Scientist des Versicherers, Dr. Thomas Körzdörfer, über die Chancen der Connected-Car-Daten und die mögliche Auswirkung auf die Tarifierung gesprochen.

Dr. Thomas Körzdörfer

Dr. Thomas Körzdörfer

Lead Data Scientist, Aktuariat Komposit, HUK-COBURG Versicherungsgruppe

„Die aktuell größte Hürde für uns ist, dass wir nach wie vor keinen direkten Zugang zu den Daten aus dem vernetzten Auto bekommen – selbst, wenn viele Kunden damit einverstanden sind, diese mit uns zu teilen.“

Warum beschäftigt sich die HUK-COBURG so intensiv mit Daten aus vernetzten Fahrzeugen?

Daten sind unsere Kernkompetenz, denn wir gewinnen daraus wichtige Erkenntnisse für die Tarifierung. Zukünftig möchten wir über die klassische Kfz-Versicherung hinaus vermehrt mobilitätsnahe Dienstleistungen anbieten. Diese werden zum großen Teil datenbasiert sein. Ein gutes Beispiel dafür, wie Daten mit einem hohen Kundenmehrwert eingesetzt werden können, ist unser Telematik-Tarif. Wer vorausschauend fährt, kann in diesem Tarif bei uns bis zu 30 Prozent auf seinen Beitrag in der Kfz-Versicherung sparen. 

Die HUK-COBURG hat aktuell circa 400.000 Telematik (Plus) Verträge und ist damit Vorreiter in der Branche. Eignen sich die Fahrdaten tatsächlich für eine bessere Risikodifferenzierung?

Absolut. Wir haben inzwischen mit knapp vier Milliarden gefahrenen Kilometern und rund 500 Terrabyte Daten eine ausreichende Basis, um das Fahrverhalten als Tarifierungsmerkmal fundiert bewerten zu können. So wissen wir zum Beispiel, dass Fahrer mit schlechtem Telematik-Plus-Score ein bis zu 10-fach höheres Unfallrisiko haben als Fahrer mit einem guten Score. Im Gegensatz zur Schadenfreiheitsklasse, die erst über viele unfallfreie Jahre „erfahren“ werden muss, können unsere Kunden mit dem Telematik-Tarif eine risikoarme Fahrweise unmittelbar nachweisen und so auch schneller und direkter von Rabatten profitieren. 

Was sind die größten Baustellen, um Daten aus dem vernetzten Fahrzeug tatsächlich für die Tarifierung einzusetzen? 

Am Anfang standen für uns datenschutzrechtliche Fragen im Vordergrund. Diese haben wir in Zusammenarbeit mit den Datenschutzbehörden inzwischen sehr gut gelöst. Dann braucht man eine leistungsstarke IT-Infrastruktur und viel Know-how, um die schiere Masse von Daten zu verarbeiten. Auch hier sind wir inzwischen sehr gut aufgestellt. Die aktuell größte Hürde für uns ist, dass wir nach wie vor keinen direkten Zugang zu den Daten aus dem vernetzten Auto bekommen – selbst, wenn viele Kunden damit einverstanden sind, diese mit uns zu teilen. Daher erheben wir die Fahrdaten über einen kleinen Sensor, der an die Windschutzscheibe geklebt wird. Für uns ist das aber ganz klar eine Übergangslösung. Um den Zugriff auf die Daten vernetzter Fahrzeuge zukünftig zu ermöglichen, führen wir derzeit viele Gespräche mit der Politik, mit Verbänden und natürlich auch mit den Autoherstellern selbst.

 Vielen Dank für das Interview!

Telematik in der Kraftfahrtversicherung

Mit der Webkonferenz wollen wir den Austausch in der Branche zum Thema Telematik und Smart Mobility fördern und die relevanten Player zusammenbringen.

Franz Gündel
Franz Gündel arbeitet seit 2018 bei den Versicherungsforen Leipzig. Im Team Antrag, Vertrag und Schadenmanagement leitet er fachlich themenspezifische UGs und Fachkonferenzen und ist bei Studien und Projekten involviert.