Wie weit sind Versicherer beim Thema Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage und welche Lerneffekte hat die Branche bereits? Antworten auf diese Fragen liefert eine Studie, die der Assetmanager Candriam gemeinsam mit den Versicherungsforen Leipzig durchgeführt hat. Wir haben mit Marie Niemczyk, Leiterin des Bereichs Versicherungsbeziehungen bei Candriam, über die Ergebnisse gesprochen. Im Interview erklärt sie auch, in welchen Bereichen der Kapitalanlage ESG-Kriterien besonders mehrwertig sind und worauf Versicherer bei der Auswahl eines Assetmanagers achten sollten.

Im Interview mit Mary Niemczyk

Im Interview mit Mary Niemczyk

Candriam

„…die Umsetzung von ESG-Kriterien ist ein laufender Prozess – viele Versicherer fangen mit ein oder zwei Anlageklassen und recht einfachen Umsetzungswegen an, und bauen dann – parallel zum Aufbau des internen Know-hows – ESG-Kriterien über weitere Anlageklassen mit fortgeschrittenen Umsetzungswegen aus.“

Frau Niemczyk, was war für Sie das Überraschendste an dieser Studie?

Die Studie bestätigt die Ziele und Bedürfnisse von deutschen Versicherern im Bereich ESG, welche für uns, als langjährige Experten in diesem Bereich, den Ausgangspunkt für unser Service- und Anlagelösungs-Angebot bilden. Auch wenn die Studienergebnisse an sich für uns nicht überraschend oder unerwartet sind, sind sie durchaus höchst interessant. Sie belegen auf empirischem Weg und anhand konkreter Fallbeispiele, dass die Art und Weise der Umsetzung von ESG im Portfolio auf den jeweiligen Versicherer angepasst sein sollte und dass es trotz der Diversität der Ansätze bestimmte Faktoren gibt, die in der Regel den Erfolg der Aufnahme von ESG in die Kapitalanlage beeinflussen.

Ein weiterer interessanter Punkt, der aus der Studie heraussticht, ist, dass der Mythos, dass ESG unbedingt zu Abstrichen bei Performance führen muss, längst der Vergangenheit angehört. Auch wenn die Umsetzung von ESG im Portfolio durchaus mit operationellen Herausforderungen verbunden ist, zeigen die praktischen Erfahrungen der Versicherungsunternehmen, dass die Auswirkungen auf das Rendite-Risiko-Verhältnis als positiv oder neutral betrachtet werden.

Neben steigender Regulierung trägt diese Erkenntnis zur Motivation vieler Versicherer bei, ESG im Portfolio weiter auszubauen. Dabei stoßen viele auf eine Hürde: mangelnde ESG-Daten für bestimmte Anlageklassen, Unternehmen oder Emittenten, die von ESG-Ratingagenturen und Datenanbietern nicht abgedeckt werden. Hier deutet die Studie darauf hin, dass sich manche Versicherer noch ausschließlich auf Ratingagenturen für den Bezug von Daten konzentrieren und alternative Lösungswege für das Datenproblem eruieren könnten und auch müssen –  wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Asset-Managern, die ihr eigenes fundamentales ESG-Research durchführen und dadurch eigene Datenbanken aufgebaut haben.    

Worin sehen Sie den größten Mehrwert für Versicherer in dieser Studie?

Was uns zu dieser Studie motiviert hat, war nicht einfach nur, eine weitere Studie zum Thema ESG durchzuführen und zu veröffentlichen. Davon gibt es schon genug. Es ging uns darum, Versicherern eine Bühne zu geben sowie konkrete Praxisbeispiele zur Verfügung zu stellen. Wir zeigen, was in der Branche bei der Umsetzung von ESG erfolgreich sein kann und wo die Hindernisse liegen. Und das nicht nur zum Thema der Auswirkungen von ESG in der Anlage, sondern auch bei operationellen und organisatorischen Fragen, wie zum Beispiel dem Aufbau und der Ansiedlung von ESG-Know-how im Versicherungsunternehmen.

Die Studie strebt also mehr als eine Bestandsaufnahme zu ESG bei deutschen Versicherern an: Sie soll eine Art Leitfaden sein und Best-Practices-Beispiele aufzeigen, die Versicherern als Anregung für neue ESG-Ansätze dienen können. Also eine Arbeitsgrundlage zur Entwicklung einer ESG-Strategie oder als Ausgangspunkt für tiefergehende Analysen, die Asset Manager und Versicherer auf einem gemeinsamen Weg in Bezug auf Nachhaltigkeit voranbringt.  

In welchen Bereichen der Kapitalanlage schafft der Einsatz von Nachhaltigkeitskriterien (auch ESG-Kriterien) den größten Mehrwert?

Grundsätzlich hat der Einsatz von ESG-Kriterien das Potential, in allen Bereichen der Kapitalanlage Vorteile und Mehrwert zu schaffen. Ob und in welchem Umfang das erreicht wird, hängt davon ab, wie ESG-Kriterien eingesetzt werden: Die Umsetzung muss auf die jeweilige Anlageklasse, auf den Anlagekontext und auf den Versicherer passen und sollte nicht nur einschränkend auf die Kapitalanlage wirken. Zum einen geht es natürlich darum, regulatorische Vorschriften umzusetzen und sich auf zukünftige Richtlinien vorzubereiten, ungewollte ESG-Risiken zu erkennen und eventuell aus dem Portfolio auszuschließen sowie die Reputation des Versicherers als verantwortlichen Anleger zu wahren.

Darüber hinaus kann die Einbindung von ESG aber auch ein umfassenderes Risikomanagement erlauben, helfen neue Anlage-Opportunitäten zu identifizieren und neue kommerzielle Möglichkeiten zu erschließen. Jeder Versicherer sollte also auf das eigene Portfolio und Geschäft bezogen eruieren, in welchen Bereichen der Kapitalanlage ESG Sinn macht. Dazu ist auch zu sagen, dass die Umsetzung von ESG-Kriterien ein laufender Prozess ist – viele Versicherer fangen mit ein oder zwei Anlageklassen und recht einfachen Umsetzungswegen an, und bauen dann – parallel zum Aufbau des internen Know-hows – ESG-Kriterien über weitere Anlageklassen mit fortgeschrittenen Umsetzungswegen aus.

Im ersten Schritt kann es hier hilfreich sein, sich erfolgreicher, etablierter ESG-Strategien in bestimmten Anlageklassen zu bedienen, die nachgewiesenen Mehrwert generieren, wie zum Beispiel  ESG-Strategien in den Bereichen europäische Aktien,  Schwellenländer-Aktien und -Renten, sowie High Yield. Auch thematische Strategien, wie zum Beispiel Strategien zu Klima und Onkologie, haben ihr Potential zur Mehrwertgenerierung gezeigt und bieten den von vielen Investoren gesuchten Impact. 

Hand aufs Herz – man liest sehr viel über Nachhaltigkeitsstrategien in der Kapitalanlage. Auf welche Details sollten Versicherer bei der Auswahl eines Asset Managers besonders achten?

Wichtig ist für Versicherer, bei ESG die richtigen Partner an ihrer Seite zu haben. ESG liegt zwar seit einiger Zeit sehr im Trend, doch es geht darum, Asset Manager zu identifizieren, die wirklich langjährige Erfahrung in diesem Bereich haben und dementsprechend konkrete Resultate und Innovation in diesem Bereich vorweisen können.

Diese Expertise ist notwendig, damit der Asset Manager eine qualitative und bedeutende ESG-Datenbank aufgebaut hat und somit die im Portfolio gehaltenen Titel abdecken kann. Hier ist eine wichtige Frage, die Versicherer stellen sollten: Führt der Asset Manager, zusätzlich zu extern bezogenen ESG-Daten, auch sein eigenes ESG-Research durch? Wie erfahren ist sein Team von ESG-Analysten und welchen Mehrwert produziert es? Denn tiefgreifende Ressourcen – Experten, Prozesse, Daten – sind notwendig, um Versicherer bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit so zu unterstützen, dass es bereichernd und nicht einschränkend wirkt. Das gilt entlang des gesamten Prozesses zur Einbindung von Nachhaltigkeit: von der Entwicklung einer ESG-Politik, Weiterbildung des Personals des Versicherers, über die Auswahl des (der) relevanten Umsetzungsweg(e), Dialog mit Unternehmen und engagierte Stimmabgabe bis hin zur Messung und zum Reporting. Wichtig bleibt hier immer, dass die Herangehensweise auf die Ziele, Gegebenheiten und das Portfolios des einzelnen Versicherers passen muss.

Weiterhin ist es für Versicherer wichtig, auch beim nachhaltigen Investieren mit Partnern zusammenzuarbeiten, die nicht nur die notwendige Erfahrung und operative Mittel haben, ESG auf fördernde Weise umzusetzen, sondern dies auch im versicherungsspezifischen Anlagekontext können. Bei Candriam beispielsweise achten wir darauf auch regulatorische und buchhalterische Anforderungen von Versicherern in die Anlagelösungen mit aufzunehmen.

Die gesamte Studie gibt es zum kostenfreien Download !

Maria Pechan
Maria Pechan ist im Team Aktuariat, Produkt- und Risikomanagement tätig. Zudem ist sie Projektmanagerin bei den Bankenforen Leipzig. Die Themen Nachhaltigkeit und Bancassurance gehören zu ihren Fokusthemen.