Immer mehr Autos verfügen über Frontkameras, die in der Windschutzscheibe verbaut sind und sicherheitsrelevante Fahrerassistenzsysteme mit Bildinformationen versorgen. Vom Spurhalteassistenten bis zum Notbremsassistent sorgen sie für Sicherheit sowie Komfort und sind der Schlüssel zum autonomen Fahren. Gleichzeitig ergeben sich daraus auch immer neue Herausforderungen für die Schadenregulierung.

Die gute Nachricht: Es ist davon auszugehen, dass sich dank immer weiter verbreiteter Frontschutzsysteme die Anzahl der Auffahrunfälle zunehmend reduzieren wird. Diese Tendenz ist schon jetzt zu beobachten. Das Allianz Zentrum für Technik hat für verschiedene Fahrzeuge mit Notbremsassistenten oder vergleichbaren Systemen eine deutliche Abnahme der gemeldeten Vollkasko-Fälle registriert. Meist funktionieren diese Sicherheitssysteme über Frontkameras, die in der Windschutzscheibe verbaut sind.

Der Anteil an Frontkameras nimmt zu

Erst kürzlich hat ein solches System wahrscheinlich ein Leben gerettet. In München hat im März ein 50-jähriger Diabetiker aus Tübingen während einer Autofahrt aufgrund einer Unterzuckerung das Bewusstsein verloren. Sein Mercedes GLS erkannte sofort, dass er nicht mehr aktiv am Steuer war. Das Fahrzeug wurde mitten in der Stadt auf Spur gehalten, kam von allein zum Stillstand und das automatische Notrufsystem im Wagen alarmierte die Rettungskräfte. Dank Fahrassistent, Abstandhalter und Auto-Stopp-System wurde also ein Unfall mit anderen Verkehrsteilnehmern oder ein Aufprall vermieden, niemand kam zu Schaden.

Lag der Anteil an Fahrzeugen mit einer Frontkamera 2018 bei elf Prozent, ist bis 2024 damit zu rechnen, dass 27 Prozent – also mehr als ein Viertel aller Fahrzeuge auf unseren Straßen – über eine entsprechende Ausstattung verfügen werden. Schon heute werden 39 Prozent aller Neufahrzeuge mit Frontkamera ausgeliefert. Das hat das SBD Automotive Institut erst kürzlich für den Carglass Mutterkonzern Belron evaluiert.

Welche Rolle spielt das im Schadenfall?

Was bedeutet das, wenn etwa ein Steinschlag eine Windschutzscheibe irreparabel beschädigt? Wenn die Frontscheibe ausgetauscht werden muss, war dies früher schnell erledigt und kein großes Thema für den Versicherer. Inzwischen wird der Austausch aufgrund der Frontkamera zunehmend komplexer – und entsprechend natürlich auch teurer in der Schadenregulierung. Die hersteller- und modellabhängige Kalibrierung wird zum Standardprozess. Bei 98 Prozent aller Autos mit Frontkamera müssen nach einem Scheibentausch die Systeme wieder neu kalibriert werden. Allein bei Carglass hat sich die Quote der Reparaturaufträge, bei denen kalibriert werden muss, innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Für das aktuelle Jahr ist damit zu rechnen, dass bei jedem fünften Scheibenaustausch eine Frontkamera kalibriert werden muss.

Das ist extrem wichtig, denn die Folgen einer fehlerhaften Kalibrierung können gravierend sein. Beispiel Notbremsassistent: Womöglich erhält der Fahrer unplausible Warnungen, das Fahrzeug interpretiert das Umfeld falsch oder im schlechtesten Fall greift das System nicht ein, wenn es sollte, weil es etwa den Abstand zum vorausfahrenden Auto falsch interpretiert. Auch beim Spurhalteassistenten kann eine falsch kalibrierte Kamera schwerwiegende Folgen haben. Angenommen, die Kameraposition weicht nach dem Austausch der Scheibe um 1° von der korrekten Position ab, kann das auf einer Fahrstrecke von 100 m zu Abweichungen von bis zu 1,75 Meter führen.

Auch im Hinblick auf das Thema „Autonomes Fahren“ wird die Präzision bei der Montage und bei der Kalibrierung immer wichtiger werden. Denn in der Regel sind diese Systeme – jetzt und in Zukunft – auf korrekt kalibrierte Kameras in der Windschutzscheibe angewiesen. Wenn die Kalibrierung nach dem Austausch einer Windschutzscheibe nicht ordnungsgemäß erfolgt, kann das die Unfallgefahr erhöhen.

Wie kann eine fehlerhafte Kalibrierung ausgeschlossen werden?

Allein in den vergangenen Jahren wurde bei Carglass beispielsweise intensiv in die flächendeckende technische Ausstattung investiert. Zudem wird jeder Monteur 40 Stunden in der Kalibrierung geschult. Mit dem ‚Kompetenz-Center Kalibrierung‘ in München wurde ein weitere wichtiger Schritt getan. Branchenweit handelt es sich um den ersten Forschungs- und Entwicklungsstandort, der sich auf die Kalibrierung von Fahrerassistenzsystemen nach dem Austausch der Windschutzscheibe spezialisiert hat. Vor Ort werden neue Technologien getestet, Prozesse optimiert, Fehler analysiert und Schulungsprogramme entwickelt.

Auch ein Kalibrierungsprotokoll kann im Falle eines Unfalls zum Beispiel ein wertvolles Indiz sein, damit nach einem Scheibentausch falsch eingestellte Fahrerassistenzsysteme als Unfallursache ausgeschlossen werden können. Carglass dokumentiert jede einzelne Kalibrierung mit einem entsprechenden Protokoll, das über die OBD-Schnittstelle aus dem Fahrzeug ausgelesen wird. So wird den Kunden zusammen mit der Rechnung auch ein Nachweis über die erfolgte Kalibrierung ausgehändigt. Das schafft Sicherheit und Transparenz für Autobesitzer, Flottenmanager und Versicherungen.

Neue Technologien bringen uns mehr Komfort und Sicherheit, stellen uns aber auch immer wieder vor neue Herausforderungen in der Schadenregulierung. Hätte vor einigen Jahren noch keiner die Windschutzscheibe bzw. deren Austausch als fahrsicherheitsrelevanten Versicherungsfall eingestuft, wird dieses Thema in den kommenden Jahren stetig an Relevanz gewinnen. Entsprechend wichtig ist es, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Letztlich geht es dabei um nicht weniger als die Fahrsicherheit auf unseren Straßen!

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Matthias Wittenberg
Matthias Wittenberg ist seit Anfang 2019 Head of Key Account Management bei Carglass Deutschland und führt ein Team aus Key-Account-Managern und Account-Managern, die die Unternehmenszentralen, Regionaldirektionen und Schadenstellen von Versicherungsgesellschaften betreuen. Er ist Betriebswirt, ausgebildeter Versicherungsfachmann und hält einen Abschluss in internationalem Management. Zuletzt war er als Key Account Manager DACH Hospitality & Food Service bei Diversey Care Deutschland tätig und führte dort ein Team von 90 regionalen Verkaufsberatern.