Überall auf der Welt kämpfen Versicherer mit technologischen und betrieblichen Barrieren. Insbesondere veraltete IT-Systeme bremsen die Transformation. Ziel ist es, agiler zu werden und an Flexibilität aufzuholen, um die Chancen neuer Technologien optimal zu nutzen und zu neuen Kundengruppen vorzustoßen. Start-ups, Tech-Riesen und branchenfremde Akteure drängen bereits jetzt in den Markt und erhöhen den Druck. Ein Blick über den Tellerrand lohnt, denn viele Märkte sind in der Digitalisierung deutlich weiter. 

In Polen haben Versicherer bereits Mitte der 2000er damit begonnen, ihre IT-Landschaft grundlegend zu modernisieren. Dabei wurden im Back-End zumeist Standardsysteme eingeführt, wodurch viele Prozesse automatisiert und die Effizienz drastisch gesteigert wurde, was im hart umkämpften Markt von zentraler Bedeutung war. Natürlich war die Ausgangssituation im Vergleich zu Deutschland deutlich anders und die Strukturen weniger gefestigt. Doch durch die frühe Bereinigung von IT-Altlasten und die Einführung schlanker Prozesse, können Versicherer in Polen und vielen osteuropäischen Ländern ihr Geschäft nun schnell und konsequent digitalisieren. Das Fundament wurde mit starken Kernsystemen vor Jahren gelegt und mit der Zeit konsequent erneuert. So zögert man auch bei Fusionen nicht lange mit der technischen Vereinheitlichung der Gesellschaften. Versicherer in Osteuropa reagieren zunehmend selbstbewusst und beginnen, zu expandieren. ERGO und Vienna Insurance Group haben Polen zu zentralen Standorten ihrer digitalen Erneuerung gemacht.

Auch in Skandinavien suchen Versicherer nach Wegen, die Abwicklung ihrer Kernfunktionen zu vereinfachen und zu beschleunigen. Durch die Modernisierung der Back-End-Systeme soll die Anwendung neuer Technologien vorangetrieben werden. Auch wenn viele Versicherer in den letzten 10 bis 15 Jahren vergleichsweise neue Systeme eingeführt haben, werden die Schwächen jetzt deutlich. Viele Versicherer beginnen Upgrade-Projekte oder ersetzen die Systeme.

Dänische Versicherer sind in puncto Digitalisierung führend. Doch darauf ruht man sich nicht aus und verfolgt weiter ambitionierte Ziele, um die Effizienz weiter zu steigern und den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Wir beobachten, dass viele Versicherer ihren Kunden mehr Self-Service-Möglichkeiten bieten, Services für die Nutzer attraktiver machen und bestehende Kernfunktionen um neue Technologien erweitern. Derzeit modernisieren mehrere Versicherer in Dänemark, Norwegen und Finnland ihre Back-Ends, um das Kerngeschäft effizienter zu steuern.

In Großbritannien sieht die Situation ähnlich aus: Viele Versicherer haben bereits Standardsysteme implementiert und setzen den Fokus nun auf Datenstandards und weitere Effizienzsteigerungen. Sie modernisieren ihre Back-Ends, um die Potenziale der Digitalisierung voll ausnutzen zu können. In diesen Entwicklungen hängt Lloyd’s deutlich hinterher, doch es gibt Bestrebungen, einen kulturellen und technologischen Wandel herbeizuführen. Das wichtigste und emotionalste Thema bei Lloyd’s sind die Abkehr vom Papier und das neue Target Operating Model.

Japan ist mit einem Prämienvolumen von circa 472 Milliarden US-Dollar der drittgrößte Versicherungsmarkt der Welt. Da die japanischen Versicherer unter Druck stehen, intensivieren sie ihr internationales Geschäft. Um sich für neue Märkte vorzubereiten, suchen sie nach einer modernen und flexiblen IT-Infrastruktur. Auch internationale Versicherer, die in Japan tätig sind, streben eine Modernisierung ihrer Infrastruktur an. Bei den Versicherern in Japan sehen wir jedoch auch noch viele papierbasierte Abläufe. Um die Produktivität und Effizienz des Geschäfts zu steigern, sind die Unternehmen auf der Suche nach neuen, digitalen Technologien. Derzeit werden weniger als zehn Prozent des Versicherungsgeschäfts in Japan über digitale Kanäle verkauft. Der Marktanteil der Aggregatoren steigt, liegt aber bei weniger als vier Prozent. Ähnlich wie in Deutschland streben japanische Versicherer danach, sich einem veränderten Kundenverhalten anzupassen und suchen nach Lösungen, um ihre Produkte bei Digital Natives zu platzieren. Der Aufbau digitaler Touchpoints gehört zu den wichtigsten Zielen.

Eins ist sicher – die digitale Transformation ist für Versicherer eine enorme Bewährungsprobe und stellt gewachsene IT-Strukturen infrage. Zudem geraten traditionelle Produktkonzepte und Geschäftsprozesse  auf den Prüfstand. Wir haben weltweit Versicherer bei diesem Wandel begleitet und sehen, dass erfolgreiche digitale Großprojekte nicht nur Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen mit sich bringen, sondern einen nachhaltigen Wandel der Unternehmenskultur erzielen können. Die größte Herausforderung besteht darin, diese Veränderungen mit begrenzten Auswirkungen auf das Tagesgeschäft und innerhalb eines angemessenen Budgets durchzuführen.

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Tobias Hildebrandt
Tobias Hildebrandt ist New Business Consultant bei der Sollers Consulting GmbH in Köln. Er hält einen Master of Science in Betriebswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit Fokus auf Entrepreneurship und Marketing. Für Sollers Consulting analysiert er den digitalen Wandel in der Assekuranz und trifft Prognosen für zukünftige Trends und Entwicklungen. Tobias Hildebrandt begleitet die Erschließung neuer Geschäftsmöglichkeiten und die strategische Weiterentwicklung der Aktivitäten auf dem DACH-Markt.