Der Begriff VUCA ist ein Akronym für die englischen Begriffe volatility (Volatilität), uncertainty (Ungewissheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit). Der Begriff entstammt dem US-Militär-Jargon und wird heute herangezogen, um die Rahmenbedingungen der Unternehmensführung zu umschreiben. Veränderte Kundenanforderungen und die Digitalisierung führen zu einem enormen Veränderungsdruck: Groß ist die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Veränderungen, gering die Vorhersehbarkeit der Zukunft, groß die Anzahl und Vernetzung von Entscheidungsparametern und mehrdeutig die Informationslage. 

Mit Prof. Dr. Monika Burg, Coach, Beirat und Speaker sowie Dozentin an der International School of Management ISM, haben wir über die neue Unternehmenswelt, die VUCA-Welt, gesprochen.

Prof. Dr. Monika Burg

Prof. Dr. Monika Burg

Beirat und Speaker sowie Dozentin an der International School of Management ISM

Warum fällt es den Menschen so schwer, sich in der VUCA-Welt zurecht zu finden? Wie kann ihnen geholfen werden?

Kurz gesagt: Wir sind für die Schnelligkeit und Unkalkulierbarkeit unserer Zeit nicht per se gemacht. Unsere genetische Ausstattung ist dafür verantwortlich, dass wir unbewusst z. B. nach Orientierung, Kontrolle und verlässlichen Beziehungen streben. All das hat uns in der Frühzeit die Chance aufs Überleben gesichert, aber genau das scheint in unserer VUCA-Zeit nicht mehr gegeben. Wir sprechen immer von „unsicheren Zeiten“, weil wir das eben ganz genauso empfinden. Man scheint nichts mehr im Griff zu haben und sich auf nichts mehr verlassen zu können. Wenn das früher so war, wenn wir keine Kontrolle über die Umstände hatten oder unverlässliche Leute uns umgaben, konnte uns der Säbelzahntiger ganz schnell gefressen haben. Den gibt es heute nicht mehr und auch die Lebensgefahr ist zumindest in der Regel in Wirtschaftsunternehmen überschaubar. Aber unsere Gene verändern sich langsamer als die Umstände. Die Reaktion: Widerstand, Kreativitätseinbußen, geringere Kooperationsbereitschaft. Wer denkt oder kooperiert schon leichtfüßig, wenn er ums Überleben kämpft? Was uns hilft: Wir müssen neue Wege gehen, die passend sind für unsere Zeit. Der Homo Sapiens im Allgemeinen und der Mitarbeiter, die Führungskräfte und Unternehmen als Ganzes stehen da gleichsam vor einer Herausforderung.

Was bedeutet die VUCA-Welt für Unternehmen und ihre Führung? Verändert sich das Verständnis von Führung?

 

VUCA beschreibt die Regeln eines komplexen Systems. Die Komplexitätsforschung liefert ganz klare Erkenntnisse, wie man Unternehmen in komplexen Systemen führt: anders! In einfachen oder komplizieren Umfeldern war das Erfolgsprinzip das mehr oder weniger zentral gelenkte Wasserfall-Prinzip, d. h. Prognose, Planung, Kontrolle, Nachsteuerung. Das gab Sicherheit und das Denken in linearen Ursache-Wirkungszusammenhängen liegt uns. Ich sage bewusst „war das Erfolgsprinzip“, weil die Prognosefähigkeit ja eben in der VUCA-Welt nicht mehr so gegeben ist. Die Erfolgsstrategie in komplexen Umfeldern ist die Erhöhung der inneren Komplexität im Sinne der Erhöhung von Eigenverantwortung und der Etablierung von agilen Organisationsformen. So kann man den vielen äußeren Faktoren innen viel entgegensetzen. Die Unternehmensleitung muss also den Rahmen für Eigenverantwortung und Agilität setzen. Geteilte Visionen gehen da vor Detailplanung oder geteilte Werte; das Fördern eines tiefen Verständnisses in der Organisation für Vision und Werte geht vor Ansage. Auch die Klärung der Roles & Responsibilities jedes Einzelnen setzt den Rahmen für deren freie und agile Arbeit. Unternehmenslenker müssen da unbedingt umdenken.

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte, um ihre Mitarbeiter – und sich selbst – fit für die VUCA-Welt zu machen? Welche (alten) Herangehensweisen sollten sie vergessen?

 

Vucability® nennt man die Fähigkeit, die Herausforderungen der VUCA-Zeit erfolgreich zu meistern. Dazu gehören drei Bausteine: Unternehmensführung, Personalführung und Selbstführung. Alle drei brauchen ein Umdenken. Zur Unternehmensführung haben wir schon etwas gehört. Da wird es darum gehen, zu wissen, wie und wo man den Rahmen für Agilität und Selbstverantwortung setzt. Verabschieden muss man sich in bedeutenden Teilen von der klassisch hierarchischen Unternehmensführung und den linear-kausalen Planungs- und Kontrollprinzipien. Das ist viel zu starr und zu langsam, um auf die schnellen Impulse zu reagieren oder sogar agieren zu können. Es müssen viele mitdenken und viele schnell handeln können. In der Personalführung wird man künftig erfolgreich sein, wenn man empathisch führt, d.h. die genetischen Bedürfnisse von Menschen kennt und achtet. Eine Führungskraft, die das Bedürfnis des Menschen auf Orientierung kennt und respektiert, wird mehr Informationen teilen oder Entscheidungen gemeinsam treffen. Wer das Grundbedürfnis auf gute Beziehungen kennt, der wird sich Mühe geben, authentisch zu wirken oder konstruktiv zu kritisieren. Heute sind wir noch sehr rational in den Unternehmen unterwegs. Gefühle sind ja etwas, was nicht in die Welt der Ökonomie zu passen scheint. Der andere hat mehr oder weniger zu funktionieren, ein tief eingewobenes Welt- und Menschenbild, das sich aber ändern wird. Und zuletzt die Selbstführung: Hier wird es darauf ankommen, gute Fähigkeiten zu entwickeln, sich nicht zu verstricken und mit der eigenen Zeit und dem persönlichen Stress professionell umgehen zu können. Außerdem geht es um die Fähigkeit, immer wieder Neues anzunehmen und offen zu sein. Auch die physische Leistungsfähigkeit wird in Zukunft Bedeutung bekommen, da der Zusammenhang mit der psychischen Leistungsfähigkeit gut erforscht auf dem Tisch liegt. All dies geht am Ende durch das Nadelöhr der Selbstreflexionsfähigkeit. Was den bewussten Umgang mit sich selbst betrifft sind wir auch noch nicht wirklich gut in der Wirtschaft. Das Spektrum der Indizien reicht da von den hohen Burnout-Raten bis zum berühmten Hamsterrad, in dem sich schon so mancher verfangen gefühlt hat.

Wie zahlt es sich letzten Endes aus, diese Veränderungen erfolgreich in die Wege zu leiten?

Wenn wir neue Fähigkeiten im Bereich Unternehmensführung, Personalführung und Selbstführung erwerben, dann ist der Lohn vielfältig. Unternehmen werden agiler und aktiver die Herausforderungen der VUCA-Zeit meistern und VUCA nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance begreifen. Mitarbeiter, die von VUCAblen Führungskräften geführt werden, sind schneller, innovativer, können komplexer denken und bauen weniger Widerstand gegen Veränderungen auf. Und zuletzt sind Menschen, die der Selbstführung fähig sind, aufgeräumter, resilienter, stressstabiler und leistungsstärker. Da kann man doch sagen, dass sich der Weg zur Vucability® lohnt.

Themenzirkel Change Mangament

Der Themenzirkel verfolgt das Ziel, aktuelle und drängende Fragestellungen rund um das Thema Change Management in Finanzdienstleistungsunternehmen zu diskutieren und Lösungsansätze zu erarbeiten.

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Magdalena Dröse
Magdalena Dröse unterstützt seit 2013 das Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig. Neben ihren redaktionellen Tätigkeiten für das Online-Wissensportal und die Themendossiers der Versicherungsforen Leipzig, ist sie für die Betreuung der Forenpartner verantwortlich. Zudem unterstützt sie die Fachteams bei der Erstellung von Studien und Whitepapern.