Die Digitalisierung hat die Versicherungswirtschaft voll ergriffen. Ohne Zweifel: Die Industrie ist aufgewacht. InsurTechs haben einen überfälligen Strukturwandel in der Branche in Gang gesetzt. Ob auf der Angebotsseite, im Vertrieb oder im Betrieb: Entlang der gesamten Wertschöpfungskette sorgen neue Digitaltechnologien für Innovationen. Auf jeder Ebene sind InsurTechs tätig, wenngleich in unterschiedlicher Intensität. Die Gefahr aber, dass sich innovative Start-ups daran machen, die Versicherungswirtschaft zu Lasten der etablierten Unternehmen neu aufzuteilen, ist nicht nur theoretischer Natur. Sie ist sehr real.

 

InsurTechs

 

Diese Veränderungen auf dem deutschen Versicherungsmarkt analysieren Oliver Wyman und Policen Direkt in ihrer Studie „Zukunft von InsurTech in Deutschland“ systematisch. In 19 Start-up-Kategorien wurde eine umfassende Analyse entlang der Versicherungswertschöpfungskette von der Angebotsseite über den Vertrieb bis hin zum Betrieb durchgeführt. Dabei wurden Potenziale identifiziert und die Aktivitäten international verglichen. Das Ergebnis zeigt sowohl Segmente, in denen InsurTechs große Erfolgschancen haben, als auch solche, in denen traditionelle Versicherer mit einer konsequenten Digitalisierungsstrategie vorne liegen.

 

Digitale Versicherungsangebote – InsurTechs noch unterrepräsentiert

Die Digitalisierung ermöglicht innovative Versicherungslösungen auf verschiedenen Ebenen: Zum einen lassen sich klassische Versicherungsprodukte mittels digitaler Elemente weiterentwickeln. Daneben entstehen neue Angebote auf Digitalbasis, die risikobehaftete Lebenssituationen in den Fokus nehmen und dabei Versicherungsschutz als einen – meist nicht dominierenden – Bestandteil umfassen. Digitale Versicherungsangebote lassen sich in sechs Kategorien einteilen:

  1. Low-Cost-Versicherungen: Anbieter, die Versicherungsschutz zu einem führenden Preis anbieten und dabei durch die möglichst weitgehende Digitalisierung des Betriebsmodells die eigenen Gestehungskosten so weit wie möglich minimieren
  2. Situative Versicherungen: Eine Evolution klassischer Versicherungsprodukte, die situationsbezogene Kurzzeitdeckungen anbieten
  3. Community-basierte Versicherungen: Angebote, die soziale Mechanismen nutzen, um die Vertriebskosten oder das Versicherungsrisiko zu senken
  4. Internet der Dinge: Versicherungsprodukte, die Daten physischer Objekte nutzen
  5. Von „versichert“ zu „geschützt“: Produkte, die systematisch mehr umfassen als eine reine Versicherungsleistung und umfassend das Kundenbedürfnis nach Schutz adressieren
  6. Neue digitale Risiken: Digitalisierung schafft neue Risiken, die versichert werden können

 

Vertrieb von Versicherungsprodukten – Angriffsziel Nr. 1 der InsurTechs

Die mit Abstand stärkste Start-up-Aktivität ist aktuell im Versicherungsvertrieb zu beobachten. Die Markteintrittshürden für Kundenakquise und -betreuung sinken. Die Herausforderer kommen aus verschiedenen Bereichen, nicht alle sind Neugründungen. Da auch traditionelle Makler in Digitalisierung investieren, wird die Unterscheidung zukünftig schwerer fallen, ob es sich um neue Onlinemakler oder traditionelle Makler mit optimiertem Onlineangebot handelt. Folgende acht Geschäftsmodelle im Vertrieb lassen sich ausmachen:

  1. Direktvertrieb/D2C-Versicherer: Digitaler Direktvertrieb an den Endkunden
  2. Generalisten-Vergleichsportale: Preisvergleichsportale mit einem breiten Produktspektrum
  3. Spezialisierte Vergleichsportale: Auf wenige Themen spezialisierte Preisvergleicher für Versicherungsprodukte
  4. Affiliate Integration: Digitaler Vertrieb von Versicherungen als Koppelprodukt von E-Commerce-Shops
  5. Aggregatoren/Finanzportale: „Kümmerer“ für Finanzangelegenheiten, die auch Versicherungen vertreiben
  6. B2C-Onlinemakler/Versicherungsmanager: Digitale Makler, die Konsumenten digital das Management des eigenen Versicherungsportfolios ermöglichen
  7. B2B-Onlinemakler/Onlinemakler für Gewerbekunden: Das Äquivalent der B2C-Onlinemakler für Gewerbetreibende
  8. „Lebensdigitalisierer“: Anbieter, die „jederzeit Zugriff auf alle Dokumente“ versprechen und diesen Kundenzugang zum Vertrieb von Versicherungsprodukten nutzen

 

Digitalisierung des Betriebs – Großes Potenzial, wenig Neugründungen

Versicherer werden in Zukunft nicht einmal annähernd so aussehen wie heute. Während des Goldrausches am Klondike River waren es Ende des 19. Jahrhunderts die Hersteller und Händler von Ausrüstungsgegenständen, die besonders profitierten. Beim Digitalisierungsboom, der die Landschaft im Versicherungsbetrieb ergreift, sind die InsurTechs die Ausrüster, die vor goldenen Zeiten stehen. Derzeit lassen sich InsurTechs im Versicherungsbetrieb fünf Kategorien zuordnen:

  1. Querschnittstechnologien: Anbieter von Basistechnologien für die Digitalisierung mit spezifischen Angeboten für Versicherer
  2. Enabling Versicherungsvertriebe: Technologien, die die Digitalisierung der Vertriebe/ Gestaltung neuer digitaler Vertriebsmodelle ermöglichen
  3. Underwriting: Digitalisierung der Risikoanalyse und -entscheidungsprozesse
  4. Schaden: Anbieter, die digitale Lösungen für Elemente der Wertschöpfungskette im Schadenprozess anbieten
  5. Bilanz-/Investmentmanagement: Einsatz digitaler Technologien im Bereich Bilanz- und Investitionsmanagement

 

Strategische Bewertung

Die Analyse der existierenden InsurTech-Angebote erfolgt zum einen durch den Vergleich mit Aktivitäten etablierter Versicherer und internationalen Aktivitäten als auch mit der Bewertung von Potenzial und Erfolgschancen nach einer einheitlichen Logik:

Um innerhalb einer Kategorie das Potenzial für InsurTechs zu bestimmen, liegt das Augenmerk auf zwei Fragen: Wie groß ist der adressierte Prämienpool und wie groß ist die adressierte Wertschöpfung? Die Berücksichtigung dieser beiden Faktoren relativiert die ökonomische Relevanz einiger InsurTech-Geschäftsmodelle deutlich.

Auch für die strategische Bewertung der Erfolgschancen schlagen zwei Faktoren zu Buche: Wie marktgängig ist ein Geschäftsmodell (Konsistenz) und wie stark hebt es sich vom bestehenden Umfeld ab (Differenzierung)?

Die folgende Tabelle zeigt den Status quo der InsurTech-Aktivitäten in Deutschland im Überblick:

 

insurtech_wyman

 

Scheu vor Veränderungen dürfen Entscheider in der Versicherungswirtschaft in der aktuellen Situation nicht haben: Der Branche steht der größte Wandel ihrer Geschichte bevor. Noch allerdings nutzen die Etablierten nicht konsequent genug das Potenzial der neuen Technologien. So besteht die akute Gefahr, dass neue Anbieter die bekannten Schwächen ausnutzen und Teile des Marktes für sich erobern. Dieses Muster lässt sich auch in anderen Branchen beobachten.

Die Digitalisierung wird zumindest in Teilen der Versicherungswirtschaft zur Disruption führen, wie das Beispiel der gebundenen Vertriebe zeigt. Schon heute höhlen die Geschäftsmodelle der InsurTechs die Wertschöpfung der Versicherer aus, sie gefährden aber noch nicht grundlegend deren Existenz. Inwieweit der gesamte Sektor mit sämtlichen Wertschöpfungsketten betroffen sein wird, hängt entscheidend von den künftigen Kundenbedürfnissen und Marktstrukturen ab.


 

Dr.-Ing. Dietmar Kottmann
Dr.-Ing. Dietmar Kottmann ist Partner bei Oliver Wyman in München und Experte für Digitalisierung im Versicherungsbereich bei Oliver Wyman. Er betreut europaweit Mandate zu den Themen Technologie, Digitalisierung, sowie Optimierung von Betriebs- und IT-Funktionen für Kunden im Dienstleistungsbereich mit einem speziellen Fokus auf Versicherungen.
Dr. Nikolai Dördrechter
Dr. Nikolai Dördrechter ist CFO & COO der Policen Direkt-Gruppe und für die Bereiche Finanzen, Treasury, Rechnungswesen und Operations zuständig. Er hat in den vergangenen Jahren den strategischen Ausbau der Geschäftsfelder in Richtung InsurTech und Maklermarkt aktiv vorangetrieben. Er ist zudem Geschäftsführer der von Policen Direkt betriebenen Plattform zur Konsolidierung des etablierten Versicherungsmaklermarkts.