Es ist kein Geheimnis mehr: der Kunde von heute möchte selbst aktiv werden und die Produkte und Services die er nutzt auch selbst mitgestalten. Das Konzept der Open Innovation zielt genau auf dieses Grundbedürfnis ab und im JOSEPHS® hat seit Mai 2014, zumindest in Nürnberg, jeder die Chance zum Produktentwickler und -tester zu werden. Was sich genau hinter dem Mitmachlabor verbirgt, verrät uns Prof. Dr. Kathrin Möslein, Inhaberin des Lehrstuhls Wirtschaftsinformatik, insbes. Innovation & Wertschöpfung an der FAU, im Interview.

Unter dem Motto „Innovationen erleben und gestalten“ hat das JOSEPHS® im Mai 2014 in Nürnberg seine Türen geöffnet. Was verbirgt sich genau hinter dieser Denkmanufaktur?

Das JOSEPHS® ist ein Laden in der Nürnberger Innenstadt und bietet auf über 400 m² Fläche »Werkstatt, Denkfabrik, Gadget-Shop und Genusswelt« unter einem Dach. Im JOSEPHS® können die Besucher auf Themeninseln die aktuellen Konzepte der Unternehmen vor Ort und in realem Umfeld testen und mit eigenen Ideen kostenlos weiterentwickeln, so oft sie möchten und zu normalen Ladenöffnungszeiten.

In der „Denkfabrik“ veranstalten wir Workshops und organisieren Vorträge zu verschiedenen innovationsbezogenen Themen. Ein Café gibt es auch noch, in dem sich Besucher entspannen und neue Inspiration tanken können. Entstanden ist das JOSEPHS® als ein Projekt der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS, das in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) durchgeführt und durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie gefördert wird.

 

Blick ins JOSEPHS®

Blick ins JOSEPHS®

 

Open Innovation oder Crowdsourced Innovation zielen darauf ab, den Kunden in die Entwicklung neuer Angebote einzubeziehen. Ganz provokant gefragt: Ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Wurden Kunden nicht seit jeher befragt?

Open Innovation stellt im Gegensatz zu der Befragung von Kunden einen ganzheitlichen Ansatz dar, der natürlich an die bestehenden Ansätze wie Kundenbefragung, Systems Engineering oder Lead-User-Innovationen anknüpft, aber noch viel weiter geht. Vor allem aber stellt Open Innovation und das Crowdsourcing von Innovation einige Prinzipien klassischer Organisation auf den Kopf: Open Innovation basiert auf einer offenen Ausschreibung von Innovationsherausforderungen (dem sog. „broadcast search“) und der freiwilligen Einbringung von Ideen, Feedback und Lösungskonzepten in Eigeninitiative (der sog. „self-selection“). Diese beiden Prinzipien machen Open Innovation so erfolgreich und unterscheiden sich grundsätzlich von dem, was Unternehmen zumeist in ihren eigenen Innovationslaboren tun und was wir von Kundenbefragungen und Marktforschung gewohnt sind. Klassisch geht man auf Akteure zu, die man bereits kennt oder gezielt anspricht, einlädt und fragt. Open Innovation lässt den Zufall zu, denn die Erfahrung zeigt, dass die besten Innovationsideen und Lösungsansätze häufig von Akteuren kommen, an die man nie gedacht hätte. Open Innovation löst damit Grenzen auf und sorgt sowohl auf Seiten der Innovatoren als auch der Unternehmen für ein Umdenken: Offenheit ist hier das Credo und nicht mehr geheimes Entwickeln in Elfenbeintürmen. Hinzu kommt, dass neben der Integration von externem Wissen in das Unternehmensumfeld auch das Externalisieren von ungebrauchtem Wissen an die Umgebung – der sogenannte Inside-Out-Ansatz – ebenfalls ein wichtiger Teil offenen Innovierens ist.

 

Können Sie uns ein paar interessante Beispiele für Unternehmen oder andere Institutionen verraten, mit denen Sie im Rahmen von JOSEPHS® bereits zusammengearbeitet haben? Was ist dabei herausgekommen?

Das JOSEPHS® existiert nun seit über zwei Jahren und in dieser Zeit haben wir mit den unterschiedlichsten Unternehmen zusammengearbeitet und über 40 Innovationsprojekte durchgeführt. Neben sehr etablierten Unternehmen wie SAP, Diehl oder verschiedenen Fraunhofer Instituten hatten wir auch tolle Start-ups wie myboshi, mifitto oder Amoonic im JOSEPHS®. Mit insgesamt fast 20.000 Besuchern in den ersten zwei Jahren erhalten die Unternehmen ein umfangreiches, auf das Unternehmen speziell zugeschnittenes Feedback. Durch die Offenheit des JOSEPHS® und durch die angeregten Diskussionen über die Dienstleistungen und Produkte erhalten die Unternehmen als Auftraggeber neben den Antworten auf die vorher spezifizierten Fragestellungen nach Nutzerfreundlichkeit, Passgenauigkeit, Funktionalität, Anwendungsfeldern oder Preisstrukturen auch immer komplett überraschende Erkenntnisse von den Innovatoren und Mitgestaltern. Dies kann beispielsweise ein komplett neues Einsatzfeld sein, an welches die Unternehmen trotz langer Entwicklungszeit nicht einmal gedacht haben oder es können fundamentale Schwächen aufgezeigt werden, die nur aufgedeckt werden, wenn ein unbedarfter Nutzer und nicht die eigene Entwicklungsabteilung das Produkt oder die Dienstleistung testet.

 

Prof. Dr. Kathrin Möslein

Prof. Dr. Kathrin Möslein

 


Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Kathrin Möslein finden Sie in unserem aktuellen Themendossier „Innovation & Versicherung – Mehr Mut, mehr
Leidenschaft, mehr Offenheit“.

 

Hagen Habicht
Seit Januar 2016 ist Dr. Hagen Habicht als Projektleiter Ansprechpartner für die methodische Ausgestaltung von Veranstaltungsformaten und wissenschaftlichen Studien im Bereich Innovation bei den Versicherungsforen Leipzig. Dr. Hagen Habicht studierte Interkulturelles Management an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promovierte anschließend an der TU München im Bereich Stakeholdermanagement. Von 2009 bis 2016 war er am Center for Leading Innovation & Cooperation (CLIC) der HHL Leipzig Graduate School of Management tätig – zunächst als PostDoc, später als Executive Director.