Es wurde gewählt: Letzten Donnerstag stimmten 51,9 Prozent der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union und wirbelten Europa damit mächtig durcheinander. Die nächste Zeit wird viele politische Herausforderungen und Unsicherheiten mit sich bringen, insbesondere da die nächsten Schritte noch unklar sind und derzeit noch niemand sagen kann, ob, wann und wie der Brexit vollzogen werden wird. Die Wirtschaft reagiert i. d. R. schneller auf unsichere Situationen, weshalb sowohl Pfund- und Eurokurs als auch der Kurs des DAXes bereits an Wert verloren haben. Auch hier ist die zukünftige Entwicklung noch offen. In den letzten Tagen wurde bereits viel über mögliche Konsequenzen geschrieben. Auch wenn Prognosen schwer zu treffen sind, möchten wir heute gerne verschiedene Aussagen zusammenfassen und einen Blick auf die möglichen Folgen und Handlungsfelder werfen, die der Brexit für die Versicherungswirtschaft bereit halten könnte.

 

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Deutsche Versicherer in Großbritannien?

Eine der ersten Fragen, die uns in den Sinn kommt: Was bedeutet der Brexit für deutsche Versicherer, die einen Teil ihres Geschäftes in Großbritannien zeichnen? Angaben der BaFin zu Folge, zeichneten 2014 ein deutscher Lebensversicherer Beiträge aus Niederlassungs- und zwei Lebensversicherer Beiträge aus Dienstleistungsgeschäft in Großbritannien. Der Anteil am gesamten selbst abgeschlossenen Lebensversicherungsgeschäft im In- und Ausland fällt mit weniger als einem Prozent jedoch äußerst gering aus. Im Nicht-Leben-Bereich ist das Engagement höher. 2014 betrieben zehn Versicherer Niederlassungs- und 23 Versicherer Dienstleistungsgeschäft in Großbritannien. Auch hier betrug der Anteil des gesamten selbst abgeschlossenen Nicht-Lebensversicherungsgeschäfts im In- und Ausland unter ein Prozent, im internationalen Vergleich entfällt auf Großbritannien jedoch der größte Anteil der im Ausland gebuchten Brutto-Beiträge.[1] Mit einem Austritt Großbritanniens aus der EU könnte die derzeit bestehende Niederlassungsfreiheit in Frage gestellt werden und es bleibt abzuwarten, welche Möglichkeiten sich deutschen Versicherern bieten, in Großbritannien zu agieren.

Spannend ist auch die Frage nach den Kapitalanlagen deutscher Versicherer im Vereinigten Königreich. Dr. Klaus Wiener, Mitglied der Geschäftsführung des GDV, schätzt den Anteil der direkten Anlagen die dt. Versicherer in Großbritannien investiert haben auf ca. zwei bis drei Prozent (was in etwa einer Höhe von 1,5 Billionen Euro entspricht). Die spürbareren Auswirkungen für die Versicherungswirtschaft durch den Brexit entstehen in diesem Zusammenhang eher indirekt durch Turbulenzen am Finanzmarkt, wie sie die gerade herrschenden Kurs- und Währungsschwankungen verursachen.

Problematisch könnte unserer Ansicht nach jedoch die vielfach bestehende Zusammenarbeit zwischen Versicherern und britischen Kapitalgesellschaften sein. Hier stellt sich die Frage, ob zukünftig auf andere Anbieter ausgewichen oder das Geschäft auf Tochtergesellschaften in der EU verlagert werden muss? Auch eine Abwertung der Finanzkraft Großbritanniens im internationalen Ranking in Folge wirtschaftlicher Risiken oder einer Rezession, bringt Gefahren mit sich. Versicherer könnten gezwungen werden, ihre Portfolios aufgrund von Ratings umzuschichten, um den Risiko- und Rücklageforderungen nachkommen zu können.

Gegenüber den Versicherungskunden betonen aber sowohl der GDV als auch die großen Versicherungsunternehmen, dass sich um die bestehenden Anlagen und die Kapitalsituation der Branche keine Sorgen gemacht werden müsse. Versicherer verfolgen auf Sicherheit bedachte, langfristige Anlagestrategien, die mit entsprechendem Know-how verwaltet werden und auch kurzfristigen Schwankungen standhalten.

Hier wird in der nächsten Zeit jedoch viel von den wirtschaftlichen Entwicklungen abhängen. Je schneller klare Verhältnisse geschaffen werden können, desto schneller kann sich auch der Finanzmarkt wieder stabilisieren, denn Unsicherheit ist seit langem eines der größten Risiken im Finanzgeschäft.

 

Und anders herum?

Und was bedeutet der Brexit für britische Versicherer, die in Deutschland Geschäft zeichnen? Dem »Merkblatt zur Erlaubnispflicht von grenzüberschreitend betriebenen Geschäften« der BaFin[2] zu Folge, bedürfen Finanzgeschäfte einer Erlaubnis. Unternehmen aus Nicht-EWR-Staaten müssen ein Tochterunternehmen oder eine Zweigniederlassung in Deutschland gründen, um diese Erlaubnis zu erlangen. Anbieter aus EWR-Staaten haben hingegen unter bestimmten Bedingungen auch die Möglichkeit, ohne inländische Präsenz zu agieren. Sollte Großbritannien den EWR-Raum verlassen stellt sich die Frage, wie die britischen Versicherer mit dieser Regelung umgehen. Werden eigene Tochtergesellschaften in Deutschland ins Leben gerufen bzw. ausgebaut oder wird das Geschäft in Deutschland vielleicht sogar aufgegeben? Für die Vertriebe der britischen Versicherer in Deutschland ist es wichtig, schnellstmöglich bei ihren Kunden entstehende Fragen und Unsicherheiten zu klären und eine vertrauensvolle Kundenbeziehung aufrecht zu erhalten.

Für viele Unternehmen, insbesondere aus dem US-amerikanischen oder asiatischen Raum gilt Großbritannien zudem als Eintrittskarte in den europäischen Markt, u. a. da durch den einheitlichen Wirtschaftsraum in Großbritannien zugelassene Finanzprodukte EU-weit vertrieben werden können. Mit dem Austritt aus der EU könnte diese Option entfallen und die Unternehmen werden gezwungen, neue Headquarter in anderen EU-Staaten zu eröffnen, um ihr Geschäft aufrecht zu erhalten.

 

Abwanderung von Arbeitskräften und Tschüss Solvency II?

Interessant, nicht nur im Versicherungskontext, ist die Frage der Arbeitsgenehmigungen. In Großbritannien sind derzeit ca. 2,2 Millionen EU-Ausländer (entspricht 6,6 % der Arbeitnehmer in GB) beschäftigt[3], die aufgrund der Arbeitnehmerfreizügigkeit keine Arbeitsgenehmigung benötigen. Müssen bestehende Arbeitsverhältnisse in Frage gestellt werden, sollte eine solche zukünftig nötig sein? Muss aufgrund dessen mit Abwanderungswellen in andere EU-Länder gerechnet werden? Kann Großbritannien den freigewordenen Bedarf an Arbeitskräften selbst decken? Fragen, die erst mit einer weiteren Konkretisierung des Brexit-Vorhabens überhaupt relevant werden und zu bedenken sind.

Ähnlich verhält es sich mit bereits verabschiedeten oder sich noch in Arbeit befindenden EU-weiten Regelungen. Als Beispiel wären die EU-Datenschutz-Grundverordnung oder Solvency II zu nennen. Mit einem Austritt aus der EU, könnten die mit diesen Regelungen verbundenen Verpflichtungen theoretisch obsolet werden. In Anbetracht der Tatsache, dass britische Versicherer jedoch höchstwahrscheinlich auch in Zukunft mit EU-Kunden Geschäfte machen möchten, sowie bereits viel Zeit und Geld in die Umsetzung der Regelungen investiert haben, ist eine Abschaffung dieser jedoch unwahrscheinlich.

 

Der Brexit wirft viele Fragen in den verschiedensten Bereichen auf: Was passiert mit den Rentenbezügen im Ausland wohnender Briten? Wird London seinen Spitzenplatz als Finanzmetropole verlieren? Wird Berlin der neue Start-up-Hotspot Europas? Wie verändern sich kurz- und langfristig Preise und Wirtschaftskraft wenn Im- und Exporte nach Großbritannien wieder mit Zöllen belegt werden? Für die traditionell sehr national geprägte Versicherungswirtschaft hält der Brexit im ersten Schritt vor allen Dingen indirekte Auswirkungen bereit, die sich, je nachdem wie die nächsten Entwicklungen ausgehen, zu ganz konkreten Fragestellungen (z. B. Niederlassungsfreiheit) weiter entwickeln können. Es ist vor allen Dingen die Unsicherheit, die Fragen aufwirft und nicht nur die Versicherungsbranche, sondern alle Branchen, Finanzmarkt und Politik in nächster Zeit nicht zur Ruhe kommen lassen wird.

 

Autoren: Jens Ringel & Magdalena Dröse


 

[1] Statistik der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht: Erstversicherungsunternehmen und Pensionsfonds, 2014, Tabelle 35 & 36, online unter: http://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistik/Erstversicherer/dl_st_14_erstvu_gesamt_va.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[2] BaFin: Merkblatt zur Erlaubnispflicht von grenzüberschreitend betriebenen Geschäften, 1.4.2005, Online unter: https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Merkblatt/mb_050401_grenzueberschreitend.html

[3] Nina Trentmann: Warum der Brexit für EU-Arbeitskräfte zur Gefahr wird, Die Welt, 7.5.2016, Online unter: http://www.welt.de/wirtschaft/article155124302/Warum-der-Brexit-fuer-EU-Arbeitskraefte-zur-Gefahr-wird.html

Magdalena Dröse
Magdalena Dröse unterstützt seit 2013 das Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig. Neben ihren redaktionellen Tätigkeiten für das Online-Wissensportal und die Themendossiers der Versicherungsforen Leipzig, ist sie für die Betreuung der Forenpartner verantwortlich. Zudem unterstützt sie die Fachteams bei der Erstellung von Studien und Whitepapern.