Fitness-Armbänder, Health-Apps, smarte Uhren und smarte Kleidung: Die Vermessung unseres Körpers geht immer weiter, ganz nebenbei und ohne dass wir es merken. Wearable Devices, die mithilfe der Kombination von Sensoren und telematischen Funktionen Fitness- und Bewegungsdaten aufzeichnen, diese mittels Algorithmen interpretieren und an andere Geräte übermitteln, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Und das nicht nur bei den Nutzern. Auch für Versicherer wird der Trend des Quantified Self immer interessanter, da die damit gewonnen Daten völlig neue Tarifierungsmöglichkeiten bieten, Pay as you live ist hier das Stichwort. Waerables und Pay-as-you-live-Modelle können das zukünftige Geschäftsmodell von Versicherungen stark prägen und verändern.

 

Breites Angebot an Wearable Devices

Nutzen für Versicherer und Kunden

Solidarität vs. Individualität

 

Pay as you live

 

Breites Angebot an Wearable Devices

Der Markt für Wearables ist im Jahr 2014 stark gewachsen. Für das Jahr 2015 prognostiziert eine Studie im Auftrag von Samsung sogar eine Umsatzsteigerung von 177 Prozent am deutschen Markt. Besonders beliebt sind derzeit Aktivitätstracker und smarte Uhren. Unsere bisherigen Untersuchungen zeigen, dass die Datenqualität für versicherungstechnische Zwecke noch nicht ausreichend, aber der Fortschritt jeder neuen Gerätegeneration frappant ist. Body Chips (Tabletten mit Chips, welche u. a. die Medikamenteneinnahme überwachen), smarte Kleidung sowie Brillen und Linsen befinden sich noch in früheren Entwicklungsstadien. Durch ihre lebensverbessernden und risikominimierenden Eigenschaften werden sie in Zukunft aber eine wichtige Rolle spielen und zu Veränderungen im Krankenversicherungsbereich führen.

Nutzen für Versicherer und Kunden

Die unterschiedlichen Funktionalitäten und Datenabdeckungen dieser Geräte ermöglichen interessante Anwendungen für die Versicherungsbranche. So kann die Erhebung von Daten über das Kundenverhalten zu einer verbesserten Risikoselektion führen. Auch die Produktgestaltung lässt sich mittels flexibler Deckungen und der Erhebung von verhaltensbasierten Risikomerkmalen individuell anpassen. Pay-as-you-live-Produktmodelle werden damit möglich. Waerables erlauben ebenso eine verbesserte Prozesseffizienz, bspw. im Underwritingprozess. Medical Devices können hier auch ohne langjährige Datenanalysen schon kalkulierbare Zusatznutzen bringen: Während Kunden heute für die Risikoerfassung zu einem Arzt geschickt werden, können Medical Devices die erforderlichen Werte direkt im Kundengespräch bestimmen und automatisiert an Zielsysteme übermitteln. Ein Vorteil für den Kunden ist der eingesparte Arztbesuch und die schnellere Bearbeitung, da ihm bereits zum Abschluss der Beratung der Annahmeentscheid mitgeteilt werden kann.

Für die Freigabe seiner Daten erhält der Kunde im Gegenzug Rückmeldungen, wie er sein Risikoverhalten verbessern kann. Weitere Zusatzservices, schnellere Prozesse und die Möglichkeit, den Versicherungsbeitrag und auch die eigene Gesundheit selbst beeinflussen zu können, stellen weitere Vorteile für den Kunden dar. Neben versicherungstechnisch relevanten Informationen können Versicherer so auch Kunden zu einem bestimmten Thema, wie etwa Gesundheit und Fitness, begleiten, in neue Geschäftsfelder vorstoßen und die Kundenloyalität über mehr Interaktionsmöglichkeiten erhöhen. Noch gehen die Meinungen der Kunden auseinander, wenn es um die Akzeptanz von Pay-as-you-live-Modellen geht. Während laut einer aktuellen YouGov-Studie etwa ein Drittel strikt dagegen ist, seine Daten zu teilen, könnte sich ein Drittel der Befragten dies bei entsprechenden Gegenleistungen und Boni durchaus vorstellen.

Solidarität vs. Individualität

Auch die Reaktion auf die Ankündigung der Generali im Jahr 2014 zur Telematik-Produkteinführung im Personenversicherungsbereich zeigte, dass es aktuell noch große gesellschaftliche Widerstände gibt. Aus ethischer Sichtweise mag man sich tatsächlich die Frage stellen, ob es korrekt ist, dass jeder sein eigenes Risiko trägt und die Solidarität im Versicherungsgedanken damit zunehmend in den Hintergrund rücken könnte.

Die Erhebung neuer Risikomerkmale mittels Wearables kann bei Pay-as-you-live-Tarifen zu einem Risikotransfer der guten Risiken in ein neues Tarifgefäß führen. Die Folge ist eine stetige Neukalkulation des Teilportfolios ohne Wearables. Insofern führt die Einführung von Pay-as-you-live-Modellen nicht nur zu einem neuen Tarif, sondern auch zu einer stetigen Neukalkulation der gesamten betroffenen Produktlinie. Sind viele Quersubventionierungen vorhanden, so sind die Verwerfungen umso größer.

Das bedeutet aus meiner Sicht aber noch nicht das Ende der Solidarität im Versicherungsgedanken. Die Solidarität wird, vielleicht zu Recht, durch das Risikoverhalten der Kunden minimiert. Sie fängt noch Grundrisiken ab, welche wir nicht beeinflussen können. Risikoerhöhendes oder -minderndes Verhalten wird dann zunehmend auf den Kunden übertragen.

 

Wie stehen Sie zu Pay-as-you-live-Tarifen? Werden sie sich in Deutschland durchsetzen? Oder teilen Sie die Befürchtungen, dass Selbstoptimierer-Tarife zu einer Entsolidarisierung der Kollektive und zu Unfreiheiten der Versicherungsnehmer führen könnten?


 

Patrick Bühler
Patrick Bühler ist seit Oktober 2013 beim Schweizer Management-Consulting-Unternehmen Synpulse, ehemals Solution Providers, tätig und verantwortet als Projetkmanager die Themen „Product und Pricing“. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Produkt- und Projektmanagement im Versicherungsbereich und war bereits in verschiedenen Führungsfunktionen bei der Basler Versicherung und der Allianz Suisse tätig.