Industrie 4.0 ist in aller Munde, die Kanzlerin erklärte das Thema jüngst zur Chefsache: die Smart Factory, das Internet der Dinge, der Heilsbringer der Zukunft, die digitale Revolution. Versicherungsprodukte sind allerdings bekanntlich nicht „dinglich“ – obgleich Dinge als versicherte Objekte durchaus eine bedeutende Rolle einnehmen.

 

Industrie 4.0 - Konzept

 

Aber natürlich ist die Digitalisierung, die intelligente (smarte) Fabrik, auch in der Versicherungswirtschaft ein zentrales Thema. Effiziente, medienbruchfreie sowie hochautomatisierte Prozesse sind die Basis für den Überlebenskampf im Wettbewerb – versprechen sie doch eine Kostensenkung bei einer gleichzeitigen Qualitätssteigerung. Hervorzuheben ist hier insbesondere die Digitalisierung der Schadenprozesse. Diese besitzen aufgrund ihrer unternehmensübergreifenden Interaktionsrelevanz – es gilt, eine Vielzahl von externen Partnern und Dienstleistern einzubeziehen – enormes Potenzial. Die Branche hat hier in den letzten Jahren zwar einiges auf die Straße gebracht – beispielhaft seien das GDV-Schadennetz und Kooperationen mit Dienstleistern und Werkstätten erwähnt – in meiner Wahrnehmung ist allerdings noch ein großes Gap in Richtung einer „Smart Claim Factory“ zu schließen.

 

Ohne Standards keine unternehmensübergreifende Prozessinteraktion

Grundlegende Basis der Prozessdigitalisierung sind geregelte und verbindliche Standards für die technische Kommunikation der Prozessteilnehmer. Ohne verbindliche Standards und Spezifikationen wäre beispielsweise der weltweite Siegeszug des Internets undenkbar. Aus meiner Sicht sind im Kontext der versicherungswirtschaftlichen Schadenprozesse aktuell zwei Standards hervorzuheben:

1. Mit dem GDV-Schadennetz stellt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft einen normierten Kommunikationsstandard zur Verfügung. Auf dessen Basis können Prozessbeteiligte über einheitliche Datenformate für definierte Geschäftsvorfälle Prozessdaten austauschen.

2. Kurz vor der Veröffentlichung stehen die Standards des im Jahr 2013 durch das BiPRO (Brancheninstitut Prozessoptimierung) initiierten Normungsprojektes „Marktprozesse zur Schadenbearbeitung“. Der inhaltliche Fokus liegt hier in der Optimierung der Schadenprozesse zwischen Versicherer und Vermittler – von der Schadenmeldung über die Deckungsanfrage bis hin zur Auskunft über den Schadenstatus.

Der GDV-Standard ist etabliert und praxiserprobt – allerdings fokussiert er die Prozesse zwischen Versicherern und Dienstleistern, weniger aber die Schadenprozesse zwischen Versicherer und Makler/Vermittler. Genau diese Lücke versucht das BiPRO mit seinem Normungsansatz zu schließen. Rein technisch verfolgen die beiden Standards dabei unterschiedliche Ansätze: Der GDV setzt auf einer asynchronen nachrichtenbasierten Schnittstelle auf (Message Queuing), das BiPRO verfolgt einen webbasierten synchronen Austausch (SOA und Web Services) der genormten Prozessnachrichten.

Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft: Insofern haben aus meiner Sicht beide Standards ihre Daseinsberechtigung und werden sich im besten Fall gegenseitig voranbringen. Eine echte Marktkonkurrenz sehe ich nicht, denn letztlich unterstützen beide Ansätze die Bemühungen der Branche auf dem Weg zur „Smart Claim Factory“.


 

Wigbert Tabarelli
Der Diplom-Betriebswirt Wigbert Tabarelli absolvierte vor seinem Studium eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann sowie eine Qualifizierung zum Versicherungsfachwirt. Bei der PASS Consulting Group leitet er seit 1991 die Business Unit Insurance, die Services und IT-Lösungen für Versicherungen und Versicherungsmakler bündelt. Sie verfügt neben der klassischen Beratungs- und Projektkompetenz über eigene Standardsysteme. Als verantwortlicher Produktmanager verantwortet Wigbert Tabarelli sowohl die Weiterentwicklung als auch die Kundenbetreuung.