Am Wochenende schaffte ich es endlich mir den STROMBERG-Film anzusehen. Als Fan der Serie hat mich „der Papa“ auch in seinem Kinofilm nicht enttäuscht. Das interessante an dem Film sind aber vor allem die Umstände, wie er entstanden ist und wie erfolgreich die Stromberg-Figuren auch in anderen Formaten eingesetzt werden. Über 3000 private Investoren beteiligten sich mit insgesamt einer Million Euro an einer Crowdfunding-Aktion, um die Realisierung des STROMBERG-Kinofilms zu ermöglichen, der 2014 in den Kinos lief.

Erfolgreiche Serien und Kinofilme lassen auch die Werbebranche hellhörig werden. Figuren aus der TV-Serie treten in Werbespots auf, und in der fünften Staffel finden sich Produktplatzierungen der Firmen Hasbro (Spielzeugpistolen) und Müller (Milchreis).

Auf dem Web-TV-Portal MySpass.de befinden sich die seriell angelegten Produktionen STROMBERG ENERGIE-WELT.DE. Man kann die fünf Videoclips als eine Reihe von Werbespots für ein Online-Angebot des Energiekonzerns RWE betrachten, die Ende 2009 im Fernsehen und später, Anfang 2010, auch im Internet veröffentlicht wurden. Die Clips erschienen parallel zum Start der vierten Staffel der TV-Serie. In diesen erfährt man etwas Neues über die Figur Bernd Stromberg. Die Eigenständigkeit von STROMBERG ENERGIE-WELT.DE ist dadurch gegeben, dass die Kenntnis der TV-Serie nicht als notwendig vorausgesetzt wird, um die Handlung zu verstehen.

Neben RWE hat auch die Firma Nestlé versucht, den STROMBERG-Erzählkosmos für Werbezwecke zu funktionalisieren. Ab Mai 2011 wurde mit ULF, DER PAUSENCHEF ein sogenanntes Branded-Entertainment-Format zur Bewerbung des Schokoriegels Kit Kat auf verschiedenen Internetplattformen veröffentlicht, unter anderem auch auf MySpass.de, wo die vierzehn dazugehörigen Clips heute noch als Webserie zu finden sind. (Quelle: Markus Kuhn und Johannes Noldt | Rabbiteye | 2013)

 

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Das Beispiel zeigt die zahlreichen Mittel, wie sich eine Ge­schichte über den Hauptkanal hinaus entfalten und für den Rezipienten ein Unterhaltungserlebnis schaffen kann. Zwar ist transmediales Storytelling in der Film- und Fernsehwelt beheimatet, allerdings lässt sich dieser Ansatz auch auf die Kommunikation von Unternehmen übertragen. Marken brauchen Geschichten, um über das Produkt hin­aus wahrgenommen zu werden.

Was eine gute Geschichte ausmacht, hat sich mit dem Aufkommen neuer Technologien und auch neuen Möglichkeiten der Rezeption stark gewandelt. Der Rezipi­ent bezieht seine Inhalte nicht mehr nur aus Zeitung oder Fernsehen, seine Aufmerksamkeit verteilt sich auf mehrere Kanäle. Das Nebenein­ander von Printprodukten, Webseiten, Online-Games, Social Media etc. ermöglicht dem »Erzähler«, eine Story über mehrere Kanäle aufzuspannen und den Le­ser auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen. Zusammen­gefasst wird das häufig unter dem Begriff »Transmedia Sto­rytelling«.

Worum geht es beim transmedialen Storytelling?

Geprägt wurde der Begriff von Henry Jenkins, der sich 2007 in seinem Blog ausführlich mit dem Thema auseinan­dersetzte und folgende Definition liefert: »Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a uni­fied and coordinated entertainment experience. Ideally, each medium makes it own unique contribution to the unfolding of the story.« (Henry Jenkins, 2007)

Beim transmedialen Storytelling geht es also darum, dass sich eine Geschichte über mehrere Medien erstreckt. Im Unterschied zum crossmedialen Er­zählen, wo ein und dieselbe Story über verschie­dene Kanäle verbreitet wird, kommt beim transmedialen Erzählen ein weiteres Merkmal hinzu: Die einzelnen Beiträge müssen einander komplementär ergänzen. Man wechselt das Format, um Zusatzinformationen einfließen zu lassen oder parallele Erzählstränge zu schaffen, die inhalt­lich aber in Beziehung zur übergeordneten Story stehen. In der Summe entsteht ein eigener übergeordneter Erzählkosmos.

Von Sorgenmännchen und Versicherungen

Eignet sich der Ansatz auch für Versicherer? Ja, wenn nicht das Versicherungsprodukt, sondern eine Geschichte im Mittelpunkt steht. Statt einer platten Botschaft, man bräuchte diese und jene Versicherung, macht eine Geschichte die Botschaft spürbar und weckt den Bedarf indirekt. Im Zusammenhang mit Versicherun­gen spielen Themen wie Familie, Sicherheit, Sorgen und Ängste eine wichtige Rolle.

Erste Ansätze in Richtung transmedi­ales Storytelling verfolgt auch eine Kampagne der Gothaer Versicherung. Unter dem Motto „sorgenfreies Leben“ sind seit 2012 Sorgenmännchen im Auftrag des Versicherers unterwegs, die die klassischen Alltagssorgen der Menschen personifizieren und sich dank Versicherung in Luft auflösen. Neben TV-Spots und Print-Anzeigen sind die Männchen auch auf Facebook und YouTube präsent. In einem Video werden die Sorgen auf ahnungslose Passanten losgelassen. Sie laufen die personifizierten Sorgen durch Hamburg und suchen nach neuen Menschen, denen sie Sorgen machen können. Auf Facebook wurde ein „Alle Sorgen los“-Spiel integriert, bei dem man die Menschen von ihren Sorgen befreien muss. Der Wiedererkennungswert ist in diesem Fall ebenso wie in den Clips zur Serie STROMBERG vorhanden, in denen Bernd Stromberg selbst Versicherungsprodukte in Anspruch nimmt.

Vielleicht haben es Anbieter von Lifestyle-Produkten etwas leichter, das Konzept des transmedialen Storytellings für sich zu nutzen, aber ich bin mir sicher: Auch unter den Versicherern finden sich gute Geschichtenerzähler und freue mich auf spannende und lustige Storys, die mich auf verschiedenen Kanälen mitnehmen. „Denn die Identität einer Marke ist soziologisch betrachtet die Summe aller Geschichten, die eine Marke über sich erzählt und der Geschichten, die über eine Marke erzählt werden.“ (Christian Riedel, Transmedia Storytelling 2011).

 

Kennen Sie gute Beispiele zum Thema aus der Finanzbranche? Teilen Sie diese mit uns! Wir würden und freuen.

 

Einen ausführlichen Artikel zum transmedialen Storytelling und weitere Beiträge zur Unternehmenskommunikation in der Versicherungswirtschaft finden Sie in unserem Themendossier „Medienrisiken, Imageprobleme, Wertschöpfungsbeitrag – Was beschäftigt die Unternehmenskommunikation von Versicherern?“. Das Dossier kann hier heruntergeladen werden:

www.versicherungsforen.net/uk.

 

Weitere Quellen:

Henry Jenkins: Transmedia Storytelling 101, 22. März 2007, online unter: http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html

Christian Riedel: Transmedia Storytelling, 10. Januar 2011, online unter: http://creativeglasses.blogspot.de/2010/12/transmedia-storytelling-mein-thema-des.html


 

Mareen Rühle
Mareen Rühle war 2013 bis 2015 im Team „Unternehmenskommunikation, Wissensportal und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Ihre Verantwortung lag unterstützend in der redaktionellen Pflege der Webseite, der Betreuung der Forenpartner sowie der Pflege der Kundendatenbank.