Es fällt aktuell nicht wirklich schwer, einen Aufhänger für einen Bericht über die Digitalisierungstrends im Gesundheitswesen zu finden. Denn entgegen unser aller Willen hat sich die Corona-Pandemie selbst zum zentralen Thema 2020 emporgehoben und zog in ihrem Windschatten Diskussionen über Lösungen zur Digitalisierung in alltäglichen Bereichen mit sich. Das aktuelle Interesse an Gesundheit und digitalem Wandel nehmen wir als Anlass, um uns in diesem Beitrag mit einem Bereich zu beschäftigen, in dem sich beide Themen zuspitzend vermengen: Hierbei wollen wir einen Überblick über die zentralen Trends im Gesundheitswesen, über aktuelle Technologien sowie deren Anwendungsfälle und Nutzenpotenziale für Personen- und Kompositversicherer skizzieren.

Corona beschleunigt den Wandel im Gesundheitswesen

Laut einer aktuellen Studie von Strategy& führt die Pandemiesituation zu einem gesteigerten öffentlichen Interesse an digitalen Gesundheitslösungen. So stiegen die Nutzerzahlen von Fitness- und Health-Apps in kürzester Zeit um 16 Prozent, die damit mittlerweile rund ein Viertel der deutschen Bevölkerung erreichen. [1] Diese Entwicklung lassen nicht nur HealthTech-Start-ups optimistisch auf die folgenden Finanzierungsrunden hoffen, sondern treiben ebenso den digitalen Wandel im Gesundheitswesen im Ganzen voran, welcher im Vergleich mit anderen Branchen hinsichtlich seines Digitalisierungsgrads traditionell nur mittelmäßig gut abschneidet. [2]

Dass den bekannten Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, den veränderten Erwartungen digital-affiner Generationen sowie dem Ärztemangel im ländlichen Raum durch Ausbau der digitalen Infrastruktur begegnet werden kann, hat die Bundesregierung mittlerweile erkannt und reagiert mit wesentlichen Gesetzesänderungen. So wurde 2018 das generelle Fernbehandlungsverbot gekippt, sodass seither telemedizinische Behandlungen in berechtigten Einzelfällen möglich sind. Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie bis 2025 [3] werden digitale Services zunehmend für Arztpraxen und Krankenversicherer verpflichtend. Ab 2021 haben Patienten einen Anspruch auf eine Dokumentation ihrer Behandlung in einer elektronischen Patientenakte. Indem sie ihre Gesundheits- und Behandlungsdaten selbstbestimmt managen können, nehmen Patienten eine aktivere Rolle bei ihrer Behandlung ein. Die Funktionen sollen im Weiteren mit einem auf der Gesundheitskarte gespeicherten E-Medikationsplan ergänzt werden. Die entsprechenden Medikamentenrezepte sollen ab 2022 ausschließlich elektronisch übermittelt werden. [4]

Während bisher unter anderem die hohen regulatorischen Anforderungen und Markteintrittsbarrieren zu einem Abwandern von HealthTechs aus Deutschland führte, lässt sich gemäß der Strategie des Gesundheitsministeriums eine zunehmende Innovationsdynamik für die nächsten Jahre erwarten. Ein zentrales Motiv dieses Wandels stellt die Personalisierung der Patientenbehandlung mithilfe von Daten aus Wearables sowie der Paradigmenwechsel von einer krankheitsbehandelnden „Sick Care“ zu einer gesundheitsbewahrenden, präventiven Health Care, dar.

HealthTechs als Digitalisierungsbeschleuniger

HealthTechs stellen sich dabei als entscheidende Träger und Katalysatoren dieses Wandels dar. Im Allgemeinen werden hierunter Start-ups verstanden, welche die Wertschöpfung von Gesundheit an verschiedenen Stationen vornehmlich durch digitale Technologien gewinnbringend unterstützen.[5] Ihre Lösungen basieren auf Technologien, die aktuell auch in anderen Bereichen weiterentwickelt werden: KI, Big Data, Internet of Things und Blockchain. Ihre Anwendungsfelder sind vielfältig und reichen von der direkten Konsumentenebene in Form von Wearables oder Fitness- und Gesundheits-Apps über die professionelle Ebene mit telemedizinischen Produkten oder Patientenmanagementanwendungen zu großen infrastrukturellen Projekten auf der Makroebene, die die Kommunikation zwischen allen Gesundheitsakteuren verbessern soll. [6] Während Krankenversicherer von jeglicher Effizienzerhöhung im Gesundheitssystems profitieren können, werden für Schaden-/Unfall- sowie Lebensversicherer  vor allem Anwendungen, die außerhalb von Arztpraxen und Krankenhäusern ansetzen, als relevante Kooperationsmöglichkeiten erachtet.

Versicherer können vielfach von den Kooperationen mit HealthTechs profitieren

Für Personenversicherer lohnen sich beispielsweise Kooperationen mit HealthTechs, die sich auf Prävention konzentrieren. Mentale Krankheiten beispielsweise sind aktuell der häufigste Auslöser für Berufsunfähigkeit. Interessant ist, dass präventive Angebote zur psychischen Gesundheit in Anbetracht dessen noch sehr selten angeboten werden. [7] Unserer Meinung nach versprechen Lösungen wie Stimmungstagebücher, Online-Therapie-Kurse und Meditations-Apps ein großes Potenzial für die  Risikoreduktion. Darüber hinaus können die in Apps gesammelten Gesundheitsdaten zu Stress- und Stimmungslagen für die personalisierte Risikobewertung genutzt werden. Diese Idee lässt sich zum Beispiel auf die Risikolebens- und die Berufsunfähigkeitsversicherung anwenden, die mithilfe von Wearables perspektivisch Pay-as-you-live-Policen konzipieren könnten.

HealthTechs mit Rehabilitationsfokus – wie beispielsweise eCovery – bieten sich vor allem für Unfallversicherer als Kooperationspartner an. Solche technologiegetriebenen Unternehmen entwickeln zum Beispiel Apps, die personalisierte Reha-Pläne für Geschädigte erstellen und die Ausführung von Trainingsübungen durch Sensoren und Videofunktion des Smartphones anleiten, beziehungsweise korrigieren können. Die physiotherapeutische Behandlung kann so intensiviert werden, sodass die Versicherungsnehmer schneller genesen und ihre Arbeitskraft zurückerlangen können.

Erste Kooperationen bringen ganz unterschiedliche Lösungen hervor

Aktuell können erste Kooperationen von Versicherern außerhalb der PKV  wahrgenommen werden. So startete die Gothaer Versicherung im Frühjahr das Pilotprojekt FEEL in Kooperation mit dem gleichnamigen Wearable-Hersteller. Die Kooperation ermöglicht es, körperliche Stressanzeichen zu tracken, um das Risiko für mentale Überlastung frühzeitig zu erkennen, diesem durch App-gesteuerte Handlungsempfehlungen entgegenzuwirken und so psychisch bedingten Arbeitsausfall vorzubeugen.[8]

Die HDI Versicherung kooperiert im Rahmen ihrer #handschlag-Kampagne mit Aimo. Mithilfe von Bewegungsscans via Smartphone-Kamera macht die Aimo-App nicht nur obligatorische Gesundheitschecks einfach von zuhause aus möglich, sondern lässt sich mithilfe ihrer Tracking- und Coaching-Funktionen für den präventiven Erhalt der Gesundheit einsetzen. Der damit erzielte Prämienrabatt fördert wiederum die Kundenbindung.[9]

Die Hannover Re bietet in Zusammenarbeit mit dem renommierten HealthTech Dacadoo eine umfängliche Gesundheitsplattform, die Gesundheitsdaten versicherungsrelevant übersetzen möchte. Das Ziel ist ein automatisiertes Underwriting und in der Konsequenz Pay-as-you-live-Policen zu ermöglichen.

Trends erkennen und frühzeitig nutzen

Ich konnte Ihnen an dieser Stelle nur einen eingeschränkten Einblick über den vielseitigen HealthTech-Markt und dessen innovative Versicherungsanwendungen liefern. Der absehbare Wandel im Gesundheitswesen und die zu erwartende Innovationsdynamik wird darüber hinaus weitere kreative Lösungen hervorbringen und erforderlich machen. Die Herausforderung, die sich Versicherern stellt, ist in dieser komplexen Vielfalt die passenden Partner und Strategien zu finden. Als Experten für den Start-up-Markt kann Ihnen das Start-up-Scouting-Angebot des New Players Network als optimaler Begleiter und Wegbereiter in die Welt der HealthTechs dienen.

Melden Sie sich bei Interesse zu Recherchen und Scouting-Anfragen bei: max.krause@newplayersnetwork.jetzt.  

Max Krause
New Players Network
Max Krause ist Community Architect beim New Players Network, einer Initiative der Versicherungsforen Leipzig. Zu seinen Hauptaufgaben gehört das Scouten von spannenden Start-ups der Finanz- und Versicherungsbranche.