Im Grunde ist die Versicherungsbranche in ihrem Kerngeschäft nachhaltig, indem sie Risiken in ihr Kollektiv übernimmt und so den Kunden bspw. eine zugesicherte finanzielle Sicherheit im Alter bis zum Tode ermöglicht. Aber auch über den Versicherungsgedanken hinaus beschäftigen sich Versicherer mit Nachhaltigkeit und übernehmen Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern, ihren Stakeholdern, in der Kapitalanlage sowie in anderen Bereichen durch soziales Engagement oder ökologisch relevante Aspekte. Aktuell sind die Versicherer in Sachen Nachhaltigkeit aber noch recht unterschiedlich aufgestellt. Die regulatorische Entwicklung zwingt die Unternehmen mittlerweile jedoch, sich in zunehmendem Maße mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihre Strategie dahingehend offenzulegen. Spätestens mit dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz (CSR-RUG) fiel für die Unternehmen 2017 der Startschuss.

Viele Wege führen zur Nachhaltigkeit

Ein wichtiges Analyseinstrument stellt in diesem Zusammenhang die Wesentlichkeitsanalyse dar. Sie hilft Unternehmen und auch deren Stakeholdern, die für das Unternehmen wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen zu bestimmen und daraufhin Handlungsfelder und Maßnahmen für eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwerfen bzw. diese weiterzuentwickeln. Im Leitfaden zur Nachhaltigkeitsberichterstattung der Global Reporting Initiative (GRI) wird die Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse gefordert und auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex – den derzeit die meisten Versicherer als Berichtstandard nutzen – empfiehlt diese.

Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen :response haben die Versicherungsforen Leipzig 2019 Versicherer zur strategischen Bedeutung und operativen Umsetzung der Wesentlichkeitsanalyse in ihrem Haus befragt. Die Ergebnisse sind dabei nicht als marktrepräsentativ, sondern als Stimmungsbild zu verstehen und sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Versicherungsunternehmen, die sich schon länger mit der Nachhaltigkeit ihres Unternehmens beschäftigen, mitunter schon eine ausgereiftere Nachhaltigkeitsstrategie haben. Zudem ist die Nachhaltigkeitsstrategie bei mehr als der Hälfte der befragten Unternehmen in einzelnen Anknüpfungspunkten mit der Unternehmensstrategie verbunden, bei 20 Prozent hat bereits eine enge Verknüpfung stattgefunden.

Keine einheitliche Herangehensweise bei der Wesentlichkeitsanalyse

An der Durchführung der Analyse sind oftmals viele Hierarchieebenen beteiligt, vom Mitarbeiter ohne Führungsfunktion bis hin zum Vorstand. Die Aktualisierung der Analyse erfolgt bei gut der Hälfte der befragten Unternehmen alle zwei bis drei Jahre. Um die Wesentlichkeitsanalysen zu erstellen, wird überwiegend zunächst eine Liste möglicher wesentlicher Themen intern bezüglich der Relevanz für das Unternehmen und deren Einfluss auf die Unternehmensumwelt diskutiert. Anschließend befragt der Versicherer seine externen Stakeholder, wie Kunden, Geschäftspartner, Vertreter aus Politik, Behörden, Branchenverbänden, Wissenschaft, NGOs oder Ratingagenturen, zu deren Einschätzung der wesentlichen Themen in Bezug auf die Nachhaltigkeit des Unternehmens. Auf Grundlage der Rückmeldungen – aber auch oftmals unter Berücksichtigung zusätzlicher Marktforschungsergebnisse und Medienanalysen – erstellt das Unternehmen eine Übersicht der Themen oder Handlungsfelder. Die Darstellungsweisen variieren sehr stark, von der Matrix über Tabellen bis hin zu Auflistungen in Textform.

Die fünf übergeordneten Handlungsfelder von Versicherungsunternehmen sind verantwortungsvolle Unternehmensführung, Mitarbeiter, Umweltschutz und Klimawandel, Kunden und gesellschaftlicher Wertbeitrag. Hinter diesen Punkten stehen wiederum eine Vielzahl von einzelnen Unterkategorien und dazugehörige Ziele und Maßnahmen. Auch hier ist der Detailgrad noch sehr heterogen.

Die Ergebnisse der Wesentlichkeitsanalyse werden von den befragten Unternehmen für die Berichterstattung sowie für die Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie genutzt.

Wichtiger Adressat der Berichterstattung sind die eigenen Mitarbeiter, aber auch in der Kundenkommunikation finden die Berichte bei knapp der Hälfte der befragten Unternehmen Berücksichtigung. An dieser Stelle passt es auch sehr gut zusammen, dass die Nachhaltigkeitsthematik bei knapp der Hälfte der befragten Unternehmen auch im Kommunikationsbereich angesiedelt ist. Das erlaubt kurze Wege bei der Erarbeitung und Verbreitung der Ergebnisse.

Bisher wurden knapp die Hälfte der erstellten Berichte von externen Stellen wie Wirtschaftsprüfern begutachtet. Von der Mehrzahl der geprüften Unternehmen wurde die externe Begutachtung dabei auch als Mehrwert empfunden, die teilweise oder sogar zu eher starken Verbesserungsimpulsen für das eigene Nachhaltigkeitsmanagement geführt hat.

Gut drei Viertel der befragten Unternehmen erhielten nach Veröffentlichung ihrer Nachhaltigkeitsthemen auch Rückfragen zu diesen. Dabei handelte es sich insbesondere um positive Rückmeldungen oder Anregungen von Seiten der eigenen Mitarbeiter und Interesse von Seiten der Kunden oder Vermittler, die im Interesse ihrer Klienten handelten, aber auch die Presse oder Wissenschaft zeigte bereits punktuell Interesse an den Ergebnissen der Versicherer.

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Eva-Maria Ringel
Eva-Maria Ringel ist seit 2006 bei den Versicherungsforen Leipzig tätig. Sie ist Projektmanagerin im Team Aktuariat, Produkt- & Risikomanagement. Dort verantwortet Sie u. a. die fachliche Leitung für die User Groups „Business Continuity Management“, „Rechnungslegung“ und "Nachhaltigkeitsmanagement". Zudem ist Sie an der Erstellung zahlreicher Studien beteiligt.