Im ersten Teil des Beitrags wurde diskutiert, ob die versicherungswissenschaftlichen Prinzipien für die Grenzen der Versicherbarkeit Zufälligkeit, Schätzbarkeit und Unabhängigkeit aufgrund der aktuellen Entwicklungen heute noch gelten können. In diesem Beitrag stellen werden die weiteren Prinzipien Eindeutigkeit, Größe und Wirtschaftlichkeit auf den Prüfstand gestellt.

Eindeutigkeit bei uneindeutigen und sich verändernden Rahmenbedingungen

Damit Leistungsbestandteile formaljuristisch korrekt im Versicherungsvertrag festgelegt werden können, müssen die Merkmale des Versicherungsfalls (versicherte Gefahren, versicherte Personen, versicherte Sachen), der versicherten Schäden und der Versicherungsleistungen eindeutig definierbar sein. Durch die recht langsame Veränderung der Umsysteme und die eher stetige Evolution der bestehenden Produktlandschaft konnte die Definition der Versicherungsbedingungen bisher stets mit den aktuellen Entwicklungen der Schadenbilder und -ursachen Schritt halten. Vor dem Hintergrund einer stärkeren Kundenzentrierung und den gestiegenen Anforderungen an Transparenz und Verständlichkeit wird es ein immer größerer Spagat, Versicherungsbedingungen formaljuristisch sicher zu formulieren und trotzdem eine für den Kunden verständliche Leistungsdefinition zu finden. Trotz der aktuell rasant fortschreitenden (technologischen) Entwicklungen muss die Definition darüber hinaus noch eine hohe „Halbwertszeit“ haben, aber auch Möglichkeiten für Anpassungen bieten, die den neuen Kundenanforderungen gerecht werden. So wird man in Zukunft beispielsweise diskutieren müssen, wie sich der Trend zur Sharing Economy auf die Formulierung des Versicherungsfalls – insbesondere der versicherten Personen und Sachen – auswirken wird. Hier bestehen für Leiher, Verleiher und Versicherer zum Teil noch erhebliche Unklarheiten und die aktuellen Versicherungsprodukte und Vertragsgestaltungen passen teilweise nicht zu den veränderten Rahmenbedingungen. Beispielsweise ist die Kfz-Versicherung derzeit an das Auto geknüpft, das Fahrzeug wird versichert und nicht der Fahrer, was beim Carsharing aber Sinn machen würde.

Größe: Too big to handle

Versicherbar sind nur die Risiken, bei denen der Versicherer Ersatzpflicht erfüllen kann. Der Maximalschaden des versicherten Einzelrisikos muss daher unter der (wirtschaftlichen) Kapazität eines Versicherers bzw. der gesamten Versicherungsbranche – oder im Falle der Sozialversicherung unter der Wirtschaftskraft eines Landes – liegen. Wäre dies nicht der Fall, so würde ein Versicherungsfall potenziell direkt zu einer Insolvenz des Versicherers bzw. des Konsortiums führen und somit quasi der Versicherungsschutz ins Leere laufen. Ein bekanntes Beispiel für ein auf Grund des möglichen Schadenszenarios nicht versicherbaren Risikos ist der Super-GAU eines Atomkraftwerkes. Im Jahr 2011 haben die Versicherungsforen Leipzig in einer Studie berechnet, dass der Maximalschaden bei einem Super-GAU in Deutschland ca. 6000 Milliarden Euro beträgt. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands im Jahr 2018 lag bei 3386 Milliarden Euro. Die durch die „Deutsche Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft“ übernommene Maximalhaftung beläuft sich jedoch auf nur 256 Millionen Euro. Die Versicherungsprämien für die 17 deutschen AKW lägen dafür jährlich unter 20 Millionen Euro. Weitere bis zu 2,25 Milliarden Euro stellten die vier Betreiber bei einem Unfall im Rahmen einer gegenseitigen Absicherung zur Verfügung. Hier zeigt sich eine deutliche Lücke. Wenn ein Versicherer für ein AKW innerhalb von 50 Jahren ausreichende Kapazitäten aufbauen wollen würde (beispielsweise für die Restlaufzeit eines Meilers), müsse sie pro Jahr 72 Milliarden Euro für die Haftpflicht verlangen, ansonsten könnte sie das Risiko nicht tragen.

Wirtschaftlichkeit: Digitalisierung macht möglich, was sich bislang nicht gelohnt hat

Ein weiterer Grund dafür, dass für manche Risiken kein Angebot an Versicherungsschutz besteht, sind die hohen Grenzkosten im Kontext der aktuellen Verwaltung. Hierbei handelt sich aber eher um aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten unversicherbare Risiken, nicht aufgrund des Risikos an sich. Hier besteht jedoch die Möglichkeit, diese durch die fortschreitende Digitalisierung weiter zu reduzieren. Große Hoffnungen beruhen diesbezüglich unter anderem auf dem Gebiet der Blockchain, über die Smart Contracts abgebildet werden können. Über diese smarten Verträge können Leistungen für bestimmte Versicherungen im Prinzip in Echtzeit ohne Eingriff eines Sachbearbeiters und damit quasi ohne Kosten ausgezahlt werden, wenn ein zuvor definiertes, über öffentlich verfügbare Informationen nachvollziehbares Schadenereignis eingetreten ist. Dies begünstigt z. B. das Angebot von Mikroversicherungen (z. B. Wetterversicherungen), welche in Entwicklungsländern eine große Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung besitzen.

Fazit

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass die aktuellen gesellschaftlichen Trends wie Sharing-Economy, Digitalisierung und Internet of Things die traditionellen Prinzipien der Versicherbarkeit von Risiken infrage stellen. Jedoch ist auch dies – wie so vieles – ein zweischneidiges Schwert. Während beispielsweise Cyber-Risiken aufgrund der steigenden Vernetzung und der damit verbundenen Abhängigkeit der Systeme von manchen als potentiell unversicherbar angesehen werden, führen Peer-to-Peer-Modelle und Möglichkeiten der Verbriefung von Risiken am Kapitalmarkt hingegen dazu, dass zukünftig für bisher unversicherbare Risiken Produkte angeboten werden können. Die Grenzen der Versicherbarkeit auszuloten sollte aber ein stetes Bestreben der ganzen Branche sein, um auch weiterhin zukunftssicher aufgestellt zu sein.

Justus Lücke
Justus Lücke, Jahrgang 1981, studierte an der Universität Göttingen Mathematik mit Schwerpunkt Stochastik/Statistik. Seine Laufbahn in der Versicherungswirtschaft begann in der aktuariellen Beratung, anschließend war er im Controlling eines internationalen Versicherungskonzerns tätig. Zuletzt verantwortete er bei einem mittelständischen Versicherungsunternehmen den Bereich Lebens- und Unfallversicherung.

Als Leiter des Kompetenzteams „Aktuariat, Produkt- und Risikomanagement“ beschäftigt sich Justus Lücke mit Themen rund um den Schwerpunkt Lebensversicherung sowie der Anwendung moderner aktuarieller Methoden in Produktkalkulation und Risikomanagement. Zum 1. Januar 2017 wurde Justus Lücke in die Position des Geschäftsführers berufen.