Technologische Lösungen wie Smart Home oder Sprachassistenz haben bereits Einzug in unser Leben gehalten. Technologien, die auch in Senioren- und Pflegehaushalten zum Einsatz kommen können und somit auch unter die Begrifflichkeit „Ambient Assisted Living“ (AAL) fallen. Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge steht AAL „für Konzepte, Produkte und Dienstleistungen, die neue Technologien in den Alltag einführen, um die Lebensqualität für Menschen in allen Lebensphasen, vor allem im Alter, zu erhöhen. Ins Deutsche übersetzt steht AAL für altersgerechte Assistenzsysteme, für ein gesundes und unabhängiges Leben.“

Bereits 2004 begann das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) damit, europäische Förderungsprogramme zum Thema AAL zu unterstützen, denn auch hier ist man sich der Dringlichkeit des Themas bewusst. Dennoch, AAL kommt kaum aus der Pilotierungsphase heraus und findet wenig Verbreitung. Auf dem Fokustag „Ambient Assisted Living“ haben wir mit Versicherern und Technologieanbietern diskutiert, warum das Thema auch für die Versicherungsbranche von Bedeutung ist und welche Möglichkeiten es bereits heute gibt, die Sicherheit und die Selbstbestimmtheit in den Wohnungen betagter Menschen zu gewährleisten. Im Video erhalten Sie einen kurzen Eindruck zum Stand von AAL in der Versicherungsbranche. Im Beitrag können Sie sich ausführlicher zu Technik, Piloten und konkreten Umsetzungsprojekten informieren.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und Technologie kann helfen

Unsere Lebenserwartung steigt und somit auch die Zahl der betagten Bürger und Bürgerinnen, die auf Hilfe im Alltag angewiesen sind. 2030 werden voraussichtlich 28 Prozent der Einwohner Deutschlands über 65 Jahre alt sein. Diese wünschen sich, Zahlen Statistas zufolge, ein selbstbestimmtes Leben. Einer Umfrage des Online-Netzwerks Feierabend AG zur Akzeptanz der Best Ager von technologischer Unterstützung ergab, dass sich ca. 79 Prozent für Notrufhilfen begeistern, aber nur 6 Prozent eine nutzen. Zudem sind ca. 61 Prozent der Meinung, dass Smart Home die Lebensqualität steigert. 64 Prozent würden sogar bis zu 100 € dafür monatlich ausgeben, sieben Prozent würden auch mehr zahlen. (Befragt wurden 1.540 Mitgliedern der Online Community im Alter zwischen 60 und 90 Jahren).

Einsatzmöglichkeiten und Stand der Technik

Es gibt eine Vielzahl intelligenter Hilfssysteme, die das Leben älterer Menschen im eigenen Wohnumfeld sicherer und komfortabler machen können. Das reicht von fest verbauten Maßnahmen bis hin zu relativ einfachen technischen Hilfsmitteln wie Gehhilfen oder der automatischen Medikamentenerinnerung. Dabei ist die Funktionalität ähnlich wie bei den bekannten Smart-Home-Systemen: Es gibt Sensoren, die Gefahren oder Aktivitäten registrieren, diese Informationen an eine zentrale Steuerungseinheit senden und dort auf Grundlage einer Vorprogrammierung oder eines erlernten Algorithmus darauf reagieren. Die Reaktion kann hierbei unterschiedlich ausfallen: Das System kann die Abschaltung eines elektronischen Systems veranlassen (z. B. Herdabschaltung) oder eine Information an die Angehörigen oder den Pflegedienst senden. Dabei gilt, AAL-Systeme sollten dort zum Einsatz kommen, wo Schwächen bestehen, um die Sicherheit des Bewohners zu erhöhen.

Einsatzmöglichkeiten von AAL-Systemen:

  • automatischer Notruf an Angehörige, Pflegedienste oder Ärzte
  • Teilnahme am sozialen Leben / soziale Interaktion (Kommunikationsplattform)
  • Sicherheit: Sturzmeldesysteme, Herd mit Abschaltüberwachung, Sensoren für Rauch, Feuer, Gas, Wasser, Einbruch- und Alarmanlage, Video-Gegensprechanlagen, Präsenz- und Bewegungsmelder/Inaktivitätsmelder, Vitalfunktionsüberwachung, Notfalltaste
  • Unterstützung beim Tagesablauf: Temperaturregelung, Rollladen- und Fenstersteuerung, Lichtsteuerung, schlüssellose Türöffnung und Fernöffnung der Tür, Erinnerung bei der Einnahme von Medikamenten

Bild: Musterwohnung der Gesobau AG, ©Gesobau AG

Spannende Piloten und Projekte in der Umsetzung

Dass Ambient Assisted Living noch ganz am Anfang steht, zeigten beim Fokustag die Vorträge der R+V Versicherung und des Berliner Wohnungsunternehmens Gesobau. Die R+V befindet sich mitten im ersten Piloten. Christina Thamm, die das Thema digitale Transformation bei der R+V Versicherung begleitet, berichtete in ihrem Vortrag „elderly care – Geht’s Oma gut?“ von ihren Erfahrungen und Learnings aus dem Pilotprojekt. Bei 25 Mitarbeiterangehörigen des Versicherers wurden die Wohnungen mit Sendern und Technik ausgestattet. Dabei arbeitet der Versicherer mit dem Technikdienstleister Casenio und Malteser Care zusammen. Zudem werden die Senderdaten an IBM Watson gesendet, wo eine künstliche Intelligenz über sechs Wochen den Normalzustand erlernt. Über eine App sendet Watson dann Informationen an die Angehörigen und unterscheidet dabei in drei Zustände:

  • grün = normal
  • gelb = auffällig
  • rot = Notfall

Sollte der Zustand 60 Minuten als auffällig gelten, ohne dass ein Angehöriger reagiert, wird Malteser Care alarmiert.

Ein zentrales Learning aus dem Piloten ist bereits, das sechs Wochen für Watson zum Lernen nicht ausreichen. Die Technologie und der Rhythmus der Bewohner passen oft nicht zusammen und lösen Fehlalarme aus. Der Algorithmus berücksichtigt auch noch nicht alle Eventualitäten (z. B. Oma schläft heute mal länger als sonst, Opa dreht eine Runde mehr beim täglichen Spaziergang). Zudem passieren einige Fehlalarme auch unbeabsichtigt, da jemand aus Versehen an den Notfallknopf gekommen ist oder zu feucht gewischt wurde und der Wassersensor reagiert.

Auch die Installation der Systeme gestaltete sich der R+V zufolge deutlich komplizierter als erwartet. Die Technik muss sich hier der Umgebung anpassen, denn ein Schrank, der schon seit 20 Jahren an einer Stelle steht, wird einem Sensor nicht mehr weichen. Zudem benötigen die Installateure eine Schulung, damit das System am Ende auch zuverlässig läuft.

Die Pilotierungsphase überwunden hat die Gesobau AG. Helene Böhm und Frank Druska stellten das Projekt „Pflege@Quartier“ vor. Vom 1. Februar 2015 bis 31. Januar 2018 befand sich das Projekt in der Pilotierungsphase. Inzwischen ist es ein Projekt geworden, welches das Ziel hat, weitere Wohnungen mit AAL-Technik auszustatten. Konkret wurden im Rahmen des Pilotprojektes bis Januar 2018 30 Wohnungen mit 44 Bewohnern im Märkischen Viertel in Berlin mit AAL-Technik ausgestattet. Das Märkische Viertel hat 40.000 Bewohner, ca. 8.500 sind davon über 65 Jahre alt. Die Bewohner weisen eine durchschnittliche Mietdauer von 17 Jahren auf, wobei die Gesobau sehr viele Langzeitmieter hat, die als Erstmieter die Wohnung bezogen haben. Eine Tatsache, die die Gesobau sehr begrüßt und durch das Angebot von AAL unterstützen möchte. Viele der treuen Mieter kommen inzwischen jedoch in ein Alter, in dem ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden schwerer fällt. Um die Sicherheit der Bewohner zu erhöhen, sind technische Installationen wie eine Herdsicherung, ein Wassermelder oder eine Sturzerkennung durchaus sinnvoll. Solche technischen Installationen sind, Frank Druska zufolge, auch für die Versicherer spannend, da sie für Sicherheit stehen und das ja auch ein Anliegen der Branche ist. Zudem wirkt die Technologie präventiv, was ebenfalls im Sinne der Versicherungsbranche ist.

Die Ausstattung der Wohnung mit Sensoren und Smart-Home-Technik erfolgte in Zusammenarbeit mit den Bewohnern. Um die Technologie erfahrbar zu machen, richtete die Gesobau eine Musterwohnung ein. Dabei betonte Helene Böhm, dass die Wahl der Ausstattung auf dem Papier und beim Erleben in der Musterwohnung voneinander abweichen. Dabei entscheiden sich die Bewohner häufig für Inaktivitätsmelder, Orientierungslicht, Sturzerkennung, Herdsicherheit, Türklingelerweiterung und den Funk-Lampenschalter.

Bild: Erfahrungen der Bewohner mit AAL, ©Gesobau AG

Plattformen, Apps und Sprachassistenten – Alternativen zum technologischen Rundumschlag

Dass es nicht immer gleich die Ausstattung mit moderner Technik sein muss, zeigte der Vortrag von Andreas Blume von den Johannitern. Die Johanniter setzen auf Hilfe zur Selbsthilfe. In diesem Jahr werden neben Plattformen wie „mitunsleben“ und „mitpflegeleben“ auch eine App und ein Alexa-Skill von den Johannitern auf den Markt gebracht. Die Plattform „mitunsleben“ soll Pflegebedürftige durch umfangreiche Informationen bei der Suche nach der richtigen Einrichtung unterstützen. Dabei setzt das Portal auch auf Bewertungen der Einrichtungen. Die Plattform „mitpflegeleben“ bietet relevante Dienstleistungen, Produkte und Informationen für Menschen, die in Pflege leben, bspw. Anbieter für Essen auf Rädern, Suche nach Haushaltshilfe oder Informationen zu Veranstaltungen und Begegnungsstätten von Interessengruppen. Das Forschungsprojekt MoCaB (Mobile Care Backup) soll Pflegende bei ihrem Alltag unterstützen. Über eine App wird individuelle und proaktive Hilfe in pflegefachlichen Fragen, psychosoziale Unterstützung, Krisenerkennung/-vermeidung und zeitnahe Bewältigungsmöglichkeiten (CBI – Caregiver burden inventory) angeboten. Über eine Chatfunktion können sich die Angehörigen auch direkte Hilfe bei bestimmten Fragestellungen holen. Auch das Thema Sprachassistenz soll von den Johannitern in diesem Jahr abgedeckt werden. Von den Teilnehmern wurde die schnelle Hilfe durch Alexa unterschiedlich bewertet. Datenschutzfragen und die Zuverlässigkeit des Assistenten wurden von manchen infrage gestellt. Die Johanniter sehen die Sprachassistenz jedoch als wesentlichen und wichtigen Baustein, wenn es um die Nutzung neuer innovativer Technik und Möglichkeiten für mehr Sicherheit und Komfort in den eigenen vier Wänden geht. Über den Skill der Johanniter können die beim Skill hinterlegten Angehörigen und Helfer bei Hilfebedarf benachrichtigt werden.

Akzeptanz der Systeme bei älteren Menschen

Alte Menschen und Technik – das passt nicht zusammen! Dass dem nicht so ist, beweisen die Erfahrungen der Veranstaltungsteilnehmer des Fokustages. Alte Menschen sind neuen Technologien und Dingen gegenüber positiv gestimmt, weiß Albert Premer von escos. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die neue Technik die Bewohner zusammenbringt und diese sich über die Funktionsweisen austauschen. Auch Tablet und PC- Workshops bringen die Menschen zusammen. Technik, die den sozialen Austausch verhindert, wird sich seiner Meinung nach nicht durchsetzen. Das Problem, aufgrund dessen sich AAL-Lösungen nur schwer in den Haushalten etablieren, ist eher, dass ältere Menschen sich häufig nicht alt fühlen und einen Notrufknopf oder Herdsicherheit als Stigmatisierung empfinden: „Ich bin alt und brauche Hilfe“. Auch der Weg über die Angehörigen ist oft schwierig, da die Nutzung der Technik dann nicht aus eigener Überzeugung erfolgt, sondern, um den Kindern ein gutes Gefühl zu geben. Die Gesobau verfolgt daher einen anderen Ansatz: Für „Pflege@Quartier“ gibt es analoge Anlaufstellen, die durch Rentner besetzt sind. Hier beraten Senioren andere Senioren, was die Hemmschwelle zum Einsatz der neuen Technik enorm mindert. Zudem gibt es auch ein Seniorennetzwerk, wo sich die Bewohner zu ihren Wohnsituationen austauschen können. Wichtig ist hierbei, dass die Kommunikation der Vorteile von AAL face-to-face erfolgt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bezahlbarkeit der Technologie. Hierfür wird je nach Anbieter eine monatliche Miete fällig, die aktuell von den Bewohnern selbst getragen werden muss. Der Notrufknopf kann über die Pflegekasse abgerechnet werden, eine Herdsicherung oder ein Sturzmelder jedoch noch nicht. Die Gesobau hat daher entschieden, die Wohnungen mit einer Basisausstattung (u. a. Herdsicherung und spezielle Griffe) zu übergeben. Die Zusatzausstattung muss dann vom Mieter selbst getragen werden.

Anforderungen der Versicherer an entsprechende Systeme

Neben der R+V Versicherung und Dienstleistern wie escos, easier Live und den Johannitern waren auch noch weitere Versicherungshäuser zu Gast, die sich über mögliche Einsatzfelder von AAL informiert haben. Hier bestehen ebenfalls erste Ideen, AAL im Rahmen von Gesundheitsleistungen für die eigene Mitarbeiter zu integrieren. Aber auch der Nutzen von AAL als präventiver Bestandteil im Rahmen einer Unfallversicherung (Sturzerkennung) oder als Baustein in einer Hausratversicherung (Wassersensor/Herdsicherheit) wurde von den Teilnehmern genannt.

Da die Technik alleine wenig sinnvoll ist und immer im Paket mit einem Dienstleister kommt, ergeben sich zudem besondere Anforderungen an diesen: unkomplizierte Lösungen, Full-Service-Angebote, die auch weitere Dienstleistungen bieten (Bsp. Essen auf Rädern), Wartung und Installation, Kosteneffizienz und Zuverlässigkeit waren nur einige der Anforderungen an Dienstleister, die bei der Veranstaltung genannt wurden. Auch die Skalierbarkeit wurde als wichtige Bedingung genannt, da die Kunden der Versicherer im ganzen Land verteilt sind und Installation und Wartung problemlos erfolgen sollten. Da es sich um ein neues Feld handelt, wünschen sich die Teilnehmer zudem eine gewisse Investitionsbereitschaft auch auf Seiten der Dienstleister.

Die Veranstaltung zeigte deutlich, dass AAL viele spannende Möglichkeiten bietet, die aber leider noch keine Marktdurchdringung erfahren haben. Bei den Teilnehmern der Veranstaltung handelt es sich daher ganz klar um First Mover, bei denen wir gespannt sein dürfen, ob sich AAL als neuer Produktbestandteil in Versicherungen durchsetzen kann.

 

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Diana Boduch
Diana Boduch ist seit 2012 für die Versicherungsforen Leipzig tätig. Als Leiterin des Kompetenzteams »Antrag, Vertrag & Schadenmanagement« setzt sie sich mit aktuellen Fragestellungen der Versicherungswirtschaft im Bereich Smart Home und Telematik auseinander und verantwortet alle Themen im Bereich Antragserfassung und -bearbeitung, Leistungsprüfung sowie Leistungsregulierung.