Dass das Thema Nachhaltigkeit in der Versicherungswirtschaft eine immer wichtigere Rolle einnimmt, ist für Dr. Saskia Juretzek keine Überraschung. Seit 2015 verantwortet sie als Senior Manager Sustainability bei der Allianz SE die gruppenweite Nachhaltigkeitsberichterstattung und ist für strategische Projekte zuständig. Mit ihr haben wir über die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichtserstattung sowie die Rolle der Assekuranz innerhalb der Nachhaltigkeitsdiskussion gesprochen.

Dr. Saskia Juretzek

Dr. Saskia Juretzek

Allianz SE

Dr. Saskia Juretzek gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Nach dem Studium der Internationalen Betriebswirtschaft sowie verschiedenen Auslandsaufenthalten – unter anderem bei den United Nations in New York – hat Dr. Saskia Juretzek 5 Jahre als Management Consultant (Marketing / Vertrieb und Sustainability) in einer internationalen Unternehmensberatung gearbeitet.

Im Anschluss war sie für mehrere Jahre bei Telefónica Deutschland als Corporate Responsibility (CR) Manager unter anderem für die Themenfelder Nachhaltigkeitsstrategie und Reporting verantwortlich. Seit 2015 ist sie als Senior Manager Sustainability bei der Allianz SE für die gruppenweite Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie für strategische Projekte zuständig.

Quelle: http://saskiajuretzek.com/index.html

Frau Dr. Juretzek, Nachhaltigkeit gewinnt in der Assekuranz zunehmend an Bedeutung. Welche Basis liefert die aktuelle Gesetzgebung für die Implementierung einer Nachhaltigkeitsstrategie? Ist diese ausreichend oder bietet sie Optimierungsbedarf?

Grundsätzlich bietet die neue Gesetzgebung einen Rahmen für die Berichterstattung bzw. verweist auf Rahmenwerke wie die Global Reporting Initiative (GRI) oder den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), die die gesetzlichen Kriterien erfüllen. Jedoch ist die eigentliche Struktur der gesetzlichen Vorgaben eine andere und enthält aus meiner Sicht auch weitere Dimensionen, die bis jetzt nicht oder eben in einer anderen Struktur berichtet wurden, soll heißen: so einfach lässt sich ein bestehendes Format nicht adaptieren.

Auch für erfahrene Berichterstatter, wie die Allianz, wo die meisten Daten vorliegen und die Berichtsprozesse vorhanden

sind, bedeutet das Gesetz einen gewissen Mehraufwand.

Optimierungsbedarf sehe ich persönlich beim Anwendungsbereich. Bis jetzt bleiben viele große, nichtbörsennotierte Unternehmen außen vor. Branchenspezifische Anforderungen würden zudem helfen, die materiellen Themen verschiedener Branchen besser zu reflektieren, da jede andere aufweist – für einen Automobilkonzern sind bspw. Umweltaspekte wie der C02-Ausstoß in der Produktion ein relevanteres Thema als die C02-Emissionen eines Dienstleisters.

Dennoch ist es definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Durch die Prüfungspflicht des Aufsichtsrats hat das Thema noch weiter an interner Relevanz gewonnen. Die Direktive überzeugt damit auch die letzten Skeptiker.

Durch die Einführung des Gesetzes zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage und Konzernlageberichten sind kapitalmarktorientierte Unternehmen, Banken und Versicherungsunternehmen verpflichtet, nichtfinanzielle Informationen offenzulegen. Ein großes Problem liegt in der einheitlichen Berichterstattung. Welche Kerninhalte umfasst das CSR-Reporting und erachten Sie es als sinnvoll?

Das Gesetz an sich umfasst die Aspekte Umweltbelange, Arbeitnehmerbelange, Sozialbelange, Achtung der Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Für jedes Thema müssen bestimmte Angaben gemacht werden. Eine wirkliche Vergleichbarkeit ist auf Kennzahlenbasis innerhalb einer Branche grundsätzlich möglich, vor allem wenn es um relative Zahlen geht – wie etwa den CO2-Ausstoß pro Mitarbeiter. Um aber die wirkliche Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens beurteilen zu können, muss man sich mit den wesentlichen Themen auseinandersetzen und braucht ein paar Kernindikatoren. Vor allem geht es dann darum, wie sich diese entwickeln.

Wie schätzen Sie die Entwicklung innerhalb der Nachhaltigkeitsthematik in den nächsten Jahren ein. Ist Nachhaltigkeit nur ein Trend oder wird es zum elementaren Bestandteil einer jeden Unternehmensstrategie?

Aktuell entwickelt es sich von einem Langzeittrend hin zu einem elementaren Bestandteil von Unternehmensstrategien. Mehr und mehr Unternehmen erkennen die strategische Relevanz, u. a. dass Nachhaltigkeit auch einen positiven langfristigen Einfluss auf ökonomischer Ebene hat. Die ganzheitliche Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien bietet Unternehmen die Chance auf Innovationen, ein erfolgreiches Stakeholder-Management, eine wirksame Wettbewerbspositionierung, Risiko- und Kostenminimierung, Finanzstärke und gute Aktienentwicklung sowie die Erschließung neuer Märkte – und trägt dadurch zu einer

langfristigen Stabilität von Unternehmen bei. Per Definition hat Nachhaltigkeit neben einer ökologischen und sozialen Ebene immer auch eine ökonomische.

Welche Rolle wünschen Sie sich für die Assekuranz innerhalb der Nachhaltigkeitsdiskussion?

Es liegt in der Natur der Branche, Menschen und Unternehmen vor Risiken abzusichern und eine langfristige Perspektive einzunehmen. Versicherer haben damit eine gesellschaftliche Verantwortung und können einen wesentlichen Beitrag zu stabilen Gesellschaften leisten. Mikroversicherungen beispielsweise bieten einkommensschwachen Personen in Schwellenmärkten erschwingliche (digitale) Versicherungslösungen und sind ein wichtiges Auffangnetz in Verbindung mit Naturkatastrophen, Einkommensausfall, Krankheit, Unfall und Ernteausfall.

Auf der Investmentseite wird es immer wichtiger, ökologische und soziale Risiken frühzeitig zu berücksichtigen und ESG-Faktoren systematisch in Anlageentscheidungen zu integrieren.

Die Assekuranz ist durch die angesprochene langfristige Ausrichtung und ihre Rolle in der Gesellschaft aus meiner Sicht prädestiniert, eine Vorreiterrolle in der Nachhaltigkeitsdiskussion einzunehmen.

Das Interview erschien erstmalig im Versicherungsforen-Thermendossier 9/2018: Go green! – Nachhaltigkeitsmanagement in der Assekuranz.

 

User Group Nachhaltigkeitsmanagement in Versicherungsunternehmen

Impulse aus der Praxis fließen durch die fachliche Leiterin Dr. Saskia Juretzek ein, die über langjährige Erfahrungen im Thema verfügt.

Am 12. Juni 2018 in Leipzig
Magdalena Dröse
Magdalena Dröse unterstützt seit 2013 das Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig. Neben ihren redaktionellen Tätigkeiten für das Online-Wissensportal und die Themendossiers der Versicherungsforen Leipzig, ist sie für die Betreuung der Forenpartner verantwortlich. Zudem unterstützt sie die Fachteams bei der Erstellung von Studien und Whitepapern.