Investitionen in langfristig ausgelegte Wirtschaftsgüter wie Immobilien, Flugzeuge oder Erneuerbare-Energien-Kraftwerke sind nicht nur volkswirtschaftlich sinnvoll, sondern generieren auch unter Solvency II für den Versicherer signifikante Vorteile: Sie steigern die Diversifikation des Gesamtportfolios, reduzieren den Duration-Gap zwischen der Aktiv- und Passivseite, optimieren die Neuanlagenrendite und vermindern die Volatilität der Erträge, wie eine Beispielrechnung zeigt.

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Institutionelles Kapital in realen Wirtschaftsgütern gut aufgehoben

Alternative Investments – also Kapitalanlagen jenseits der klassischen liquiden Aktien und Bonds – gewinnen im Asset Management von Versicherungsunternehmen zunehmend an Bedeutung. Als institutionelle Anleger beurteilen die Versicherer mögliche Investitionen objektiver und differenzieren stärker als private Anleger. Außerdem legen sie Wert auf ein professionelles Risikomanagement. Dies bietet Sicherheit für die in der Kapitalanlage meist langfristig orientierten Versicherer. Ihr Ziel ist oft ein stetiger jährlicher Ertrag in Form von Ausschüttungen über eine möglichst lange Investitionsdauer von teilweise bis zu 20 Jahren.

Alternative Asset Manager verfolgen eine klar definierte Investmentidee und entwickeln mit ausgewählten Seed-Investoren das Fondsprodukt in Form des Business Developments. Die Anlagestrategie lässt sich damit klar und passend auf die jeweiligen Anforderungen des Investors abstimmen. Folglich sind die Investments in „Real Assets“ genau auf die Bedürfnisse von institutionellen Investoren zugeschnitten und entfalten damit auch die besonderen Zusatznutzen, zum Beispiel für Solvency II.

 

Alternative Investments punkten durch hohen Substanzwert

Bis vor kurzem haben Alternative Investments allerdings eher einen niedrigen einstelligen Prozentsatz im Portfolio von Versicherungsunternehmen ausgemacht. Doch im anhaltenden Niedrigzinsumfeld sind Versicherer gezwungen, neue Wege bei der Kapitalanlage zu beschreiten, um ihre Renditeverpflichtungen zu erfüllen und die benötigten Erträge zu erzielen. Dabei steigt das Interesse an realen Investitionen wie in Infrastruktur- oder Flugzeugfonds als ergänzende Portfoliobeimischung. Für Anlagen in Infrastruktur sprechen eine hohe Stabilität und ein hoher Substanzwert. Flugzeuge sind ein langlebiges Standardgut, flexibel einsetzbar und im Angebot begrenzt. Ihre üblicherweise mittel- bis langfristige Vermietung im Rahmen von Operating-Leasing-Verträgen sorgt für planbare, stabile Ergebnisse. In der anhaltenden Niedrigzinsphase bieten beide Anlageklassen bessere Renditechancen im Vergleich zu Anleihen und können mit der Einführung von Solvency II ihre Vorteile verstärkt ausspielen.

 

Änderungen durch Solvency II

Solvency II stellt Versicherungsunternehmen vor neue Herausforderungen. Zum einen sind diese aufgrund des nun langanhaltenden Niedrigzinsumfeldes in die Ertragsdefensive geraten. Zum anderen müssen sie nun alle Kapitalanlagen mit Eigenkapital unterlegen. Dies schränkt teilweise die Handlungsfähigkeit in der Kapitalanlage extrem ein. Hinzu kommen weitere Aufwendungen, zum Beispiel für die Zinszusatzreserve. Die Ertragsdefensive zwingt faktisch zur Erschließung neuer ertragreicher Anlageklassen. Weiterhin müssen sich die Versicherungsunternehmen laufend mit ihrer Risiko- und Finanzlage befassen, denn es gilt, auf Basis eines Durchschauverfahrens das Marktrisiko der Kapitalanlagen zu berechnen und so die Solvenzkapitalanforderung (Solvency Capital Requirement, SCR) eigenverantwortlich zu erfüllen.

Vor diesem Hintergrund können Alternative Investments gezielt nicht nur zur Optimierung des Portfolios, sondern gegebenenfalls auch zur Optimierung des Ertrags-/SCR-Verhältnisses eingesetzt werden. Denn unter bestimmten Voraussetzungen leisten die Alternativen Anlageklassen, zum Beispiel Infrastruktur/Renewables oder Aircraftleasing, einen überdurchschnittlichen Ertragsbeitrag bei moderater Solvency-II-Unterlegung. Hinzu kommt, dass die rein nominelle Betrachtung der Solvenzkapitalanforderung zu kurz gesprungen erscheint, denn die Effekte der Diversifikation, der langen Duration und der geringen Ertragsvolatilität bleiben hier außer Acht.

 

Unterschied zwischen nomineller und effektiver SCR

Nur eine gesamthafte Berechnung der effektiven Mehrbelastung durch Alternative Investments zeigt die weiteren positiven Effekte. Somit ergibt sich ein teils erheblicher Unterschied zwischen der nominellen und der effektiven SCR im Vergleich verschiedener Anlagen.

Um die effektive SCR alternativer Anlagen zu berechnen, ist ihre Wirkung auf die Aktiv- und vor allem auch Passivseite der Versicherung zu erfassen. Insbesondere vier Aspekte werden hierbei positiv berücksichtigt. Erstens verbessern Alternative Investments, die eine geringe Korrelation mit Zinstiteln als Hauptanlagen mitbringen, die Risikoposition des Gesamtportfolios. Dies führt unter Solvency II zu „Diversifikationsgutschriften“. Zweitens erhöhen langfristige Investitionen mit Anlagedauern von 12 bis 15 Jahren auf der Aktivseite die Duration. Damit führen sie zu einer Reduzierung des Duration-Gaps, das sich bei Lebensversicherern zwischen der Aktiv- und der Passivseite bildet. Drittens tragen sie zu einer möglichst hohen durchschnittlichen Kapitalverzinsung in der Neuanlage bei. Viertens schließlich vermindern Anlagen, die eine geringe Volatilität hinsichtlich der Ertragserwartung ins Portfolio bringen, die Streuungsbreite der Gesamterträge. Über diese geringere Ertragsvolatilität reduzieren sich die Passivpositionen für „Optionen und Garantien“, was wiederum das verfügbare wirtschaftliche Eigenkapital stärkt und die Solvenzdeckung verbessert.

Je besser ein Versicherer bereits in seinem Portfolio diversifiziert ist oder das Duration-Gap minimiert hat, desto geringer fallen diese Boni auf die Eigenkapitalhinterlegung aus. Aus diesen Gründen kann die effektive SCR immer nur konkret für ein Versicherungsunternehmen berechnet werden. Dennoch lassen sich mit den beispielhaften Ergebnissen zur SCR-Veränderung bei verschiedenen Anlagegegenständen wichtige Stellschrauben aufzeigen.

 

Simulation der effektiven SCR

Mithilfe einer etablierten Solvency-II-Berechnungssoftware lässt sich die effektive SCR-Belastung von Alternativen Investments wie Infrastruktur- oder Flugzeugfonds für die durchschnittliche deutsche Lebensversicherung simulieren. Dabei wird die effektive Belastung unter Berücksichtigung der wesentlichen Effekte auf der Aktiv- und Passivseite einer Versicherungsbilanz berechnet. Das Beispiel zeigt, dass die Solvency-II-Bedeckungsquote beim Tausch von Unternehmensanleihen in ein Alternatives Investment wie Flugzeugleasing nur marginal sinkt. Gleichzeitig jedoch steigt die Renditeerwartung überproportional an.

Versicherer können auch unter Solvency II renditestarke alternative Investments tätigen, ohne viel Eigenkapital zu verbrauchen, da die risikominimierenden Effekte sich nun in Zahlen zeigen. Darüber hinaus wird deutlich, dass nur die Gesamtbetrachtung der SCR im konkreten Vergleich gemeinsam mit dem Kapitalertrag eine solide Grundlage für die richtige Anlageentscheidung bildet.

 

Beispielrechnung: Simulierte SCR-Veränderung durch Investition in einen Flugzeugfonds unter Solvency II

Ausgangsdaten: Durchschnittsbilanz der deutschen Kapitallebensversicherung (gemäß GDV). Die Berechnungen wurden von KGAL mithilfe des auf Versicherer spezialisierten Beratungsunternehmens Willis Towers Watson durchgeführt.

 

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Simulation: Effekte einer Allocation-Umschichtung von Unternehmensanleihen in ein Portfolio aus Flugzugleasing-Engagements.

 

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Rendite-Optimierung: Werden EUR 225 Mio. (1,5 % des Portfolios) gegen Unternehmensanleihen (1,5 % des Portfolios) getauscht und in einen Flugzeugportfoliofonds investiert, sinkt die Solvency-II-Bedeckungsquote im Vergleich zum Musterportfolio nur unmerklich im Prozentsatz (liegt weiterhin bei gerundeten 105 %). Die Eigenmittelanforderung liegt um ca. 2 % (EUR 3 Mio.) höher als bei einem Unternehmensanleihen-Portfolio. Gleichzeitig jedoch steigt die Renditeerwartung um 4,8 %.

 

Fazit

Die neue Solvency-II-Regelung ersetzt das alte, quotenbasierte System durch ein flexibles Aufsichtsinstrument, das versucht, den Risiken gerecht zu werden, gleichzeitig aber den Versicherern mehr Möglichkeiten an die Hand gibt, das Kapital in neue Assetklassen anzulegen. Trotz der vermeintlichen Überbetonung des Risikos durch Solvency II stehen mit bestimmten alternativen Investments Anlagen zur Verfügung, die den Wunsch nach mehr Rendite erfüllen, ohne dabei die Solvenzdeckungsquote der Versicherung zu torpedieren.


 

Florian Martin
Florian Martin, Jahrgang 1975, ist seit dem 01.07.2013 Geschäftsführer der KGAL Capital GmbH & Co. KG und in dieser Position verantwortlich für den Bereich Client Management für institutionelle Investoren sowie Stiftungen und Family Offices.