Sharing Economy ist schon lange nicht mehr nur ein Trend, sondern fester Bestandteil in vielen Lebensbereichen: Wer im Urlaub nicht in Hotels übernachten, sondern sein Reiseland authentischer erleben und mit Einheimischen in Kontakt kommen möchte, greift auf AirBnB zurück. Die Fahrdienstvermittlung Uber ist in den Vereinigten Staaten und Kanada schon gar nicht mehr aus dem Transportwesen wegzudenken. Mit Hilfe von Foodsharing.com kann nicht mehr benötigtes Essen an andere Haushalte gespendet werden.

Auch auf die Versicherungswirtschaft ist diese Entwicklung längst übergeschwappt. Das Stichwort Peer-to-Peer-Versicherungen, das das gemeinschaftliche Absichern von Risiken beschreibt, ist im Versicherungswesen spätestens seit der Gründung von Friendsurance kein Fremdwort mehr. Die Plattform ist aufgrund ihres innovativen Konzepts zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für traditionelle Versicherungsmakler geworden. Friendsurance ist allerdings kein Einzelgänger mehr. Bei der Betrachtung des internationalen Versicherungsmarktes fällt schnell auf, dass eine Vielzahl an P2P-Versicherungsmodellen existiert, von denen ich drei näher vorstellen möchte.

 

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TongJuBao – „Trust each other! Help each other!  Protect each other!“

Im Oktober 2015 wurde die chinesische Plattform TongJuBao gegründet. Nach eigenen Angaben ist sie der erste Anbieter in China, der es Nutzern erlaubt, Communities zu bilden und sich gemeinschaftlich abzusichern. Der Grundgedanke von TongJuBao ist schnell erklärt: Die angemeldeten Nutzer finden sich in Communities zusammen und zahlen einmalig eine Jahresprämie. Kommt es innerhalb der Gruppe zu einem Schadenfall, wird dieses Geld genutzt, um die zugesicherten Leistungen an den Geschädigten zu zahlen. Bleibt die Gruppe jedoch schadenfrei, erhält sie 75 % der Prämien zurück. Neue Mitglieder haben die Möglichkeit, eine eigene Community mit Freunden oder Familie zu gründen oder sich einer bereits vorhandenen Gemeinschaft anzuschließen. Transparenz wird dabei sehr groß geschrieben. Alle Nutzer erhalten eine monatliche Übersicht über die eingereichten (angenommenen und abgelehnten) Schadenfälle. Über abgelehnte Schadenfälle kann zudem innerhalb der Community diskutiert und später für die Änderung bestimmter Regelungen abgestimmt werden.

TongJuBao ist nicht nur aufgrund des gemeinschaftlichen Grundgedankens als äußerst einzigartig in China einzustufen. Auch die Produkte werden auf dem chinesischen Markt von keinem anderen Versicherer angeboten. Genaugenommen können mit Hilfe der Plattform Schicksalsschläge abgesichert werden. Dazu zählt neben einem beruflich erzwungenen Wohnortwechsel und pflegebedürftigen Eltern auch die Entführung des eigenen Kindes. Das erste Produkt, das TongJuBao entwickelte, sichert im Fall einer Scheidung ab. Kommt es dazu, erhält der Versicherte nicht nur finanzielle Unterstützung, um sich ein neues Leben aufzubauen. Auch für rechtlichen und seelischen Beistand wird gesorgt. Ähnlich wird bei der Entführung eines Kindes vorgegangen. In diesem Fall engagiert TongJuBao ein professionelles Ermittlerteam, startet Suchaufrufe auf allen Social-Media-Kanälen und mobilisiert zusätzlich alle verfügbaren TongJuBao-Nutzer zur Suche. Alle dabei entstehenden Kosten werden gedeckt. Aus deutscher Sicht mag diese Police übertrieben oder gar überflüssig wirken, in China hat sie allerdings durchaus ihre Berechtigung. Die Anzahl entführter Kinder in China beläuft sich jährlich auf bis zu 200.000. Viele dieser Kinder (zumeist Jungen) fallen Menschenhändlern zum Opfer, was als gravierende Folge der bis Ende 2015 geltenden Ein-Kind-Politik in China angesehen wird.

 

Bought by many – Geteiltes Leid ist halbes Leid

Mit dem Slogan Insurance Made Social wirbt die Versicherungsplattform Bought by many, die im Jahr 2011 in Großbritannien gegründet wurde. Die Plattform richtet sich an spezielle Bedarfsgruppen, denen bislang ein bestimmter Versicherungsschutz verwehrt blieb oder nur sehr teuer angeboten wurde. Nachdem mindestens 100 Mitglieder mit den gleichen Bedürfnissen und Wünschen in einer Gruppe gesammelt wurden, handelt Bought by many im Namen seiner Nutzer einen geeigneten Versicherungsschutz aus. Findet Bought by many (BBM) einen Versicherer, der den entsprechenden Schutz schon anbietet, verhandelt das Unternehmen mit diesem auf Grundlage der großen Menge an neuen Versicherungsnehmern eine geringere Beitragssumme aus. Wird der gesuchte Versicherungsschutz noch nicht angeboten, bittet BBM Versicherer eine bereits angebotene ähnliche Police so zu modifizieren, dass sie auf die Bedürfnisse der Gruppe abgestimmt ist. Nach einer erfolgreichen Verhandlung haben alle Gruppenmitglieder die Möglichkeit, die ausgehandelte Police direkt beim Versicherer abzuschließen.

Mittlerweile existieren 289 Gruppen, denen man sich anschließen kann. Vertreten ist so ziemlich jede Art des Versicherungsschutzes. Dazu zählt beispielsweise die Reisekrankenversicherung für Menschen, die an Lupus erkrankt sind, bereits eine Organtransplantation hatten oder über 85 Jahre alt sind. Eine Gruppe besteht aus Menschen, die ihr Haus trotz einer erhöhten Flutgefährdung absichern wollen. Aber auch für Sachgegenstände jeglicher Art existiert eine entsprechende Gruppe: Versichert werden kann fast alles vom Verlobungsring bis hin zum Hörgerät. Auch das Segment Krankenversicherungen wird abgedeckt und bietet Schutz für bestimmte Berufsgruppen wie Tänzer, Gärtner oder professionelle Triathleten. BBM entdeckt die Versicherungsschutznischen durch die Analyse von häufigen Google-Sucheingaben. Darüber hinaus können potenzielle Nutzer Vorschläge zu neuen Gruppen abgeben. Laut Bought by many werden durch den Zusammenschluss in Gruppen bis zu 18 % günstigere Beiträge ausgehandelt. Zusätzlich sollen den Versicherern bestimmte Kundenbedürfnisse näher gebracht werden, um sie so für die Entwicklung kundenfreundlicherer Produkte zu sensibilisieren.

 

Die taiwanesische Antwort auf P2P-Versicherungsmodelle

Das taiwanesische Unternehmen Shacom existiert bereits seit dem Jahr 2000 als P2P-Lending-Plattform. Seit 2009 bietet es über eine Plattform zusätzlich P2P-Versicherungen an, die sich vorrangig an den weniger privilegierten Teil der Gesellschaft richten. Die Plattform, die den Namen  Intercare Inc. trägt, hat das Ziel, Lebens- und Krankenversicherungen für ältere oder chronisch kranke Menschen zur Verfügung stellen. Anders als bei traditionellen Versicherern wird jeder, unabhängig von Alter oder Vorerkrankungen, in den Kundenkreis aufgenommen. Keines der Mitglieder muss sich vor Vertragsabschluss einem Gesundheitscheck unterziehen. Um in den Kundenkreis aufgenommen zu werden, muss lediglich eine bestimmte Jahresgebühr gezahlt werden. Erst wenn eines der Mitglieder einen Schaden meldet, ist die restliche Community aufgefordert, ihren Versicherungsbeitrag zu zahlen. Diese werden dann von Shacom gesammelt und für den Empfänger gebündelt. 10 % der Beiträge werden in einen Intercare Stability Fund eingezahlt, um ständige Schadenregulierung zu gewährleisten. Laut Shacom erhalten alle Mitglieder stets eine Auszahlung am Ende des Jahres, die die eingezahlte Summe deutlich übersteigt. Die jährliche Gebühr birgt für die Mitglieder zudem weitere Vorteile wie eine zusätzliche Unfallversicherung, die Übernahme von Beerdigungskosten und Vergünstigungen beim Abschluss von Reiseversicherungen.

So vielversprechend dies klingt, einige grundlegende Fragen werden auf der Website nicht beantwortet. Dazu zählt, wie die Bildung der Community vonstattengeht. Es bleibt offen, wie viele Gruppen sich bereits gebildet haben bzw. ob alle Mitglieder in einer oder in mehreren Communities zusammengeschlossen werden. Auch zu der Höhe der Beiträge, die jedes Mitglied zahlen muss, wenn es zum Schadenfall kommt, existieren keine (englischen) Informationen.

 

Die drei beschriebenen Modelle sind nur eine kleine Auswahl der zurzeit auf dem internationalen Markt existierenden P2P-Versicherungs-Modelle. Dennoch verdeutlichen sie die Grundsätze, nach denen all diese Modelle agieren. So wird das Thema Vertrauen und gegenseitige Fürsorge ganz groß geschrieben. Auch das Versprechen, den Mitgliedern bei Schadenfreiheit Anteile ihrer Beiträge zurückzuzahlen, haben alle diese Modelle gemeinsam, was zudem eine entscheidende Maßnahme ist, um Versicherungsbetrug vorzubeugen. Auch zielen zumindest die vorgestellten Modelle auf Nischen im Versicherungsmarkt ab, die von traditionellen Versicherern nicht abgedeckt werden.


 

 

Julia Ende
Julia Ende war 2014 bis 2017 im Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Sie unterstützte die redaktionellen Arbeiten für den Trendletter der Versicherungsforen Leipzig sowie die Betreuung der Forenpartner und die redaktionelle Pflege der Webseite.