Mit Beginn des Jahres trat das Regelwerk von Solvency II in Kraft. Einen kleinen Einblick in die Umsetzung von Solvency II im Versicherungsalltag und den damit verbundenen Herausforderungen gibt Raimund Herrmann, Mitglied des Vorstands BGV/Badische Versicherungen.

Raimund Herrmann

Wie gut fühlt sich Ihr Unternehmen auf die seit Anfang des Jahres geltenden Vorschriften von Solvency II vorbereitet?

Wir haben die Vorlaufzeit seit 2007 mit den QIS-Studien genutzt, um uns mit dem Thema Solvency II auseinanderzusetzen. Zu Beginn lag sicher der Fokus sehr stark auf der Diskussion und dem Verständnis der Säule 1 und damit dem Standardmodell, aber es war zugleich auch die Chance, das fachliche Know-how zu allen Themen von Solvency II sukzessive zu entwickeln und aufzubauen. Dabei hat sicherlich auch die Auseinandersetzung mit der MaRisk VA geholfen. Gegen Ende der Vorbereitungszeit lag der Schwerpunkt unserer Vorbereitungen auf der Risikoberichterstattung, die wir mit umfangreicher technischer Unterstützung angegangen sind. Wir fühlen uns deshalb gut aufgestellt!

War die Vorbereitungsphase Ihrer Meinung nach sinnvoll als schrittweiser Übergang in das neue Aufsichtsregime?

Eine Vorbereitungsphase für eine solch komplexe Themenstellung ist immer sinnvoll, aber über mehr als 10 Jahre? Es besteht ja leider der Eindruck, dass die Regelungen immer noch in der Erprobungsphase sind und die Branche stets mit neuen Anpassungen zu rechnen hat. Ein Beispiel sehe ich dazu in der Solvenzbilanzprüfung des Wirtschaftsprüfers (WP). Sie ist verpflichtend aber uns liegt keine eindeutige Ansage in Form einer Prüfungsordnung vor, was denn da vom WP zu berichten ist!? Bei der Risikoquantifizierung hätten wir uns eine einfachere Anforderung mit weniger Änderungen in der Vorbereitungszeit gewünscht. Grundsätzlich ist aber die schrittweise oder stufenweise Scharfschaltung seit 2015 (verpflichtende Tests) ein sinnvolles „Live-Testing“. Damit hat jeder gemerkt, dass es ernst wird!

Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Herausforderungen bei Solvency II?

Bei der Umsetzung der Reporting-Anforderungen! Insbesondere die RSR-/ORSA-Berichterstattung und die Fristsetzungen zum Jahresbeginn (14 Wochen nach GJ-Schluss) sind enorme Hürden. Erst nach den „normalen Jahresabschlussarbeiten“ beginnen die finalen Aktivitäten der Solvency-II-Berichterstattung und Solvenzbilanzerstellung. Da wir bisher kein Fast-Close-Abschluss machen wollen, wird es ziemlich eng! Diese Frist wurde mit der Solvenzbilanzprüfung durch die WP für uns als Branche nochmals verkürzt.

In Ihrem Vortrag beim Messekongress 2012 äußerten Sie die Befürchtung, Solvency II werde eine überproportionale Belastung für kleinere und mittlere Unternehmen mit sich bringen. Hat sich diese Befürchtung für Ihr Haus realisiert? Sehen Sie das in Solvency II verankerte Proportionalitätsprinzip hier als nützliche Erleichterung?

Die Belastung für kleine und mittlere VU ist sicher enorm. In wie weit sie tatsächlich überproportional ist, das hängt aber von verschiedenen Faktoren ab. Oft ist es das verfügbare Know-how, die Komplexität der bestehenden Systemlandschaft in der Versicherungstechnik und im Assetmanagement, die Schnittstellenarchitektur sowie die Veränderungsbereitschaft im Strategie- und Risikomanagement-Prozess, die eine überproportionale Belastung (mengenmäßig und mental) ausmachen! Wir sind bisher ganz gut mit den Anforderungen und Belastungen zurechtgekommen, mussten dazu jedoch den Personalbestand im Risikomanagement aufstocken.

Das propagierte Proportionalitätsprinzip sehen wir eher kritisch. Was nützt uns eine mögliche HGB-Bilanzierung, wenn wir trotzdem alle Werte „IFRS-konform“ ermitteln müssen? Warum müssen wir Berichte mit den gleichen Fristen wie alle „großen VU“ erstellen und diskutieren mittlerweile über Fast Close? Es gibt Stellen in der Berichterstattung, an denen wir vereinfachte Regeln anwenden (z. B. bei der Bewertung des Ausfallrisikos der Rückversicherer), aber insgesamt verfahren wir eher gemäß der Standards. Insgesamt verdichtet sich die Meinung, dass aufgrund der Papiermenge und der Fülle an Kennzahlen eher ein „Meldefriedhof“ generiert wird.

Können/konnten Sie im Rahmen der qualitativen Anforderungen der Säule 2 von der frühzeitigen Beschäftigung mit dem Thema Risikomanagement im Unternehmen profitieren und beispielsweise Elemente wie Limitsystem oder Risikohandbuch leicht den Solvency-II-Anforderungen anpassen?

Eindeutig ja! Wir haben bereits 2007 mit einer ALM-Studie im BGV begonnen und 2009 Limite für festgelegte Risikokategorien definiert. Auch das Risikomanagement wurde im Zuge der MaRisk-Anforderungen neu gestaltet. Beide Themen sind nahtlos in die Solvency-II-Umsetzung eingeflossen.

Inwieweit erachten Sie Solvency II als nützliches Instrument für die Unternehmenssteuerung?

Jetzt wird es spannend, denn die angelieferten Berichte und Meldungen sind nicht eindeutig als Steuerungsinstrument einsetzbar. Häufig sind es vergangenheitsorientierte Auswertungen, Analysen und Kennzahlen. Das Management muss sich darüber klar werden, was aus dem gesamten Komplex steuerungsrelevant für die langfristige sowie operative Zielerreichung ist. Für uns steht bspw. die Unternehmenssicherheit und die Ertragskraft im Fokus und damit steht immer wieder die Frage im Raum, können wir uns das „Risiko“ erlauben. Die Limitauslastung und Solvenzquote sind damit stets unter Beobachtung. Insofern hat uns Solvency II geholfen, den Blick auf das mit unserem Geschäft einhergehende Risiko zu schärfen und uns Gedanken über mögliche finanzielle Auswirkungen zu machen.


Weitere Einblicke gibt Raimund Herrmann im Rahmen unseres Messekongresses Finanzen & Risikomanagement am 8./9. Juni 2016 in Leipzig!

Franziska Bach
Franziska Bach ist seit 2006 für die Versicherungsforen Leipzig tätig. Im Kompetenzteam „Finanzen und Risikomanagement“ beschäftigt sie sich mit den Themen Risikomanagement und Solvency II. Sie betreut die User Groups „Solvency II“ und „Kapitalanlagemanagement im Versicherungsunternehmen“ sowie den Messekongress „Finanzen und Risikomanagement“. Zudem ist sie Ansprechpartnerin für die Seminare „Solvency II“ der Versicherungsforen Leipzig.