Dass Lateinamerika auch für die Versicherungsbranche aussichtsreiche Wachstumsmärkte bietet, ist seit dem wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens und Mexikos aber auch Chiles kein Geheimnis mehr. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass viele Teile des Kontinents weiterhin durch Unterentwicklung, eine große Schere zwischen Reich und Arm und damit auch durch eine unterversicherte Bevölkerung gekennzeichnet sind. Denkt man beispielsweise über Kolumbien nach, so sind die ersten Assoziationen vermutlich nicht die von Wohlstand und Sicherheit. Das Land, dass sich seit den 1940er Jahren in einem bewaffneten Konflikt mit Guerillabewegungen (wie beispielsweise der linksradikalen FARC) und rechtsgerichteten Paramilitärs befindet, der zu immer wieder anschwellenden Ausbrüchen von Gewalt führte, konnte in den letzten Jahren allerdings große Fortschritte bei der politischen Stabilisierung erzielen und bietet somit auch glänzende Perspektiven für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Fortschritte sind nicht zuletzt auf den amtierenden Präsidenten Juan Manuel Santos Calderón zurückzuführen, der – wie bereits sein Vorgänger – auf die Erhöhung der Sicherheit im ganzen Land pocht und im Jahr 2012 zu diesem Zweck Friedensgespräche mit den FARC-Truppen aufnahm.

 

Bild:     Historic center of Cartagena, Colombia with the Caribbean Sea © alexmillos - Fotolia

Historisches Zentrum von Cartagena de Indias, Kolumbien

 

Wirtschaftlicher Wachstum und Öffnung des Marktes

Die höhere politische Stabilität führte zu vermehrten Investitionen aus dem In- und Ausland. Simultan stieg das Bruttoinlandsprodukt kontinuierlich an. Die Weltbank berichtet, dass Kolumbiens BIP seit 2004 in jedem Jahr zwischen 2% und 7% gewachsen ist. Auch künftig soll das durchschnittliche Wachstum um die 4%-Marke liegen. Vor allem Bauprojekte in der Infrastruktur, die bislang durch einen maroden Zustand und kriegsbedingt ausgebliebene Modernisierung gekennzeichnet war, erlebten einen starken Aufschwung – damit einhergehend sind steigende Beschäftigungszahlen zu vermelden. Dies spiegelt sich auch im Wachstum der Versicherungsindustrie wider. Sowohl in der Arbeitsunfallschutzversicherung als auch in der privaten Kranken- und Unfallversicherung konnten steigende Prämieneinnahmen verzeichnet werden. Ein weiteres Wachstum von Infrastrukturprojekten ist durchaus zu erwarten; für 2016 wird mit Investitionen von 3% bis 6% des BIP gerechnet. Entsprechend der steigenden Wirtschaftsleistung wird für die Prämieneinnahmen im Nicht-Leben Bereich bis 2017 ein Wachstum auf 6,1 Mrd. USD von 4,3 Mrd. USD im Jahr 2012 prognostiziert.

Dem kräftigen Wachstum der Branche wird seitens der Finanzaufsicht auch mit weiteren Bestrebungen zur Öffnung des Marktes begegnet. Die protektionistischen Regularien der Vergangenheit, die ausländische Versicherer benachteiligten und vom Markteintritt abhielten, werden schrittweise zugunsten internationaler Compliance- und Solvabilitätsstandards aufgelöst, die jedem Versicherer, der die Kriterien erfüllt, den Geschäftsbetrieb in Kolumbien erlaubt. Generell gehören die kolumbianischen Finanzregularien zu den progressiveren der Region. Neben Miami sei Kolumbien somit zu einem Hub für Versicherer mit Interesse an lateinamerikanischen Märkten geworden. Zudem sind die Ausbildungsstandards für Fachkräfte im Versicherungswesen sehr hoch, sodass die Branche durch hohe Professionalität gekennzeichnet ist.

So vielversprechend die Aussichten klingen mögen, so ernsthaft sind jedoch auch die strukturellen Probleme des Marktes. In ganz Lateinamerika, mit Ausnahme von Brasilien, beträgt der Anteil der Prämien am BIP durchschnittlich 3,1%. Kolumbien liegt mit 2,5% im lateinamerikanischen Mittelfeld. Versicherungen sind für einen großen Anteil der Bevölkerung schlicht zu teuer. Zudem ist die Reputation der Versicherungsbranche in der einfachen Bevölkerung nicht die Beste und es bestehen Zweifel an Nutzen und Sinn eines Versicherungsproduktes. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, sind jedoch eine Reihe von Verbraucherschutzgesetzen geplant, die das Vertrauen der Bevölkerung in die Branche stärken sollen.

 

Nicht-Leben-Bereich führend

Bei Versicherungsprodukten, die von der Regierung als Pflichtversicherung vorgeschrieben werden, wie beispielsweise Kfz-Haftpflicht, und bei denen sich daher bislang sicherere Gewinne erzielen ließen, sind bereits Sättigungserscheinungen zu erkennen. Die Entwicklung neuer Produkte, inklusive „Pay-as-you-drive-Modelle“, verspricht allerdings Luft nach oben und bietet Chancen, sich gegen Mitbewerber durchzusetzen. Zudem sollte man nicht aus den Augen lassen, dass sich der kommerzielle Markt in vielen lateinamerikanischen Ländern noch immer entwickelt und – primär durch steigende Einkommen – mehr und mehr Menschen Autos, aber auch technische Geräte kaufen können. Auch bei letzteren bieten sich Ansatzpunkte für Versicherer, die Zusatzversicherungen wie beispielsweise Diebstahlschutz oder Garantieverlängerungen anbieten können. Schließlich ist auch die Demografie in Kolumbien wie in anderen lateinamerikanischen Ländern auf der Seite der Versicherer. Die Bevölkerung ist im Gegensatz zu westlichen Industrieländern sehr jung und wachsende Einkommen bedeuten auch einen wachsenden Bedarf an Alterssicherung. Die Versicherungsdichte ist mit 194 USD pro Kopf, wovon 136 USD pro Kopf auf den Nicht-Leben-Bereich entfallen, im Vergleich zum lateinamerikanischen Durchschnitt (304 USD) noch relativ niedrig. Steigende Einkommen versprechen hier allerdings Potential. Laut dem Internationalen Währungsfonds hat sich die Rate extremer Armut von 20% der Bevölkerung im Jahr 2008 mittlerweile halbiert.

Im Gegensatz zum wachsenden Nicht-Leben-Bereich schwächelt die Lebensversicherung. Hier beträgt die Versicherungsdichte mit 58 USD pro Kopf, also nur die Hälfte des Durchschnitts der Region (122 USD). Während die Prämien im Nicht-Leben-Bereich im Jahr 2014 gegenüber 2013 um 7,5% (in USD, inflationsbereinigt) gestiegen sind, war in der Lebensversicherung ein drastischer Rückgang von 18% zu verzeichnen, der höchste in ganz Lateinamerika. Dies hing zwar überwiegend mit einem Pensionstransfer zwischen zwei staatlichen Unternehmen im Jahr 2013 und niedrigen Rentenversicherungsprämien zusammen, dennoch dürfte die Stimmung bei den Lebensversicherern gedämpft sein. Eine Studie der Weltbank hat gezeigt, dass die Entwicklung der Lebensversicherung in Schwellenländern im starken Zusammenhang mit dem Ausbau der Kapitalmärkte steht und dass sie sich meist rasant entwickelt, sobald sie einmal etabliert ist. Ein solcher Trend ist, zumindest wenn man den optimistischeren Prognosen und den jüngsten Markteintritten europäischer Versicherer (Swiss Re, AXA, Allianz) glaubt, für Kolumbien zukünftig abzusehen.

Dennoch sollte nicht unterschätzt werden, dass – allen politischen Bemühungen zum Trotz – bewaffnete Konflikte noch immer eingeschränkte Sicherheit für die wirtschaftliche Entwicklung und Investitionen bedeuten. Sollte das Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC jedoch weiter vorangetrieben werden, ist das Land auf dem besten Weg, der positiven Entwicklung Brasiliens nacheifern zu können.


 

 

Maria Braune
Maria Braune war 2012 bis 2017 im Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Zu ihren Verantwortungsbereichen gehörten die Unterstützung der internen und externen Kommunikationsmaßnahmen, die redaktionelle Gestaltung der Website und die Pflege der Kundendatenbank.