Die EU-Vermittlerrichtlinie Insurance Distribution Directive IDD (ehemals IMD 2) hat eine weitere Hürde auf dem Weg zur Umsetzung genommen: Am 24. November 2015 beschloss das Europäische Parlament die Reform. Ein Weckruf für die Assekuranz. Denn mehr als die Hälfte der Versicherer hat sich mit der Informationssammlung zum Thema IDD noch gar nicht befasst, wie unsere Entscheider-Studie „IDD-Umsetzung in deutschen Versicherungsunternehmen“ zeigt.

Zum Befragungszeitraum im Sommer 2015 hatten nur 41 Prozent der Unternehmen mit der Umsetzung der IDD-Richtlinie begonnen. Dass die Versicherungswirtschaft zu diesem Zeitpunkt noch zurückhaltend agierte, ist zum Teil nachvollziehbar. Viele Details waren nicht eindeutig geklärt. Das hat sich mit dem EU-Parlamentsbeschluss geändert. Nun heißt es, den Fuß von der IDD-Bremse zu nehmen.

Allein die verschärften Transparenzregeln des verabschiedeten „Kompromisspapiers“ erzeugen größere Aufwände, als von einigen vermutet. Versicherungsunternehmen müssen den Kunden beispielsweise auf Knopfdruck Informationen zur Art der Vergütung der Vertriebsmitarbeiter offenlegen. Bei Kapitalgebundenen Lebensversicherungsprodukten müssen sie auch die Gesamtkosten des Versicherungsvertrags transparent machen, einschließlich Beratungs- und Dienstleistungskosten.

 

Produktspezifische Anforderungen stressen IT
IDD ist keine Projektinsel?
Schnell Klarheit verschaffen

 

Justitia, Göttin der Gerechtigkeit © Hans-Jörg Nisch - Fotolia

 

Produktspezifische Anforderungen stressen IT

Die Folge: Viele Versicherer werden wahrscheinlich sowohl Produkte auf Basis einer Gebührenvergütung als auch die klassischen Provisionsmodelle anbieten. Wer hier die Anforderungen an die Verbraucherinformationen effizient hinbekommt, verschafft sich Wettbewerbsvorteile auf der Kostenseite. Hier ist vor allem die IT gefordert: Beide Varianten sowie eine Hybridalternative müssen in den IT-Systemen hinterlegt sein. Dabei genügt es nicht, einfach eine Option „Nullprovision“ zu ergänzen. Die Kostenstruktur der provisionsbasierten Vermittlung unterscheidet sich signifikant von der honorarbasierten.

Darüber hinaus werden sich die Zusammenarbeit mit den Vertriebsorganisationen, die Aufbereitung der Dokumente und die Kommunikation mit den Kunden verändern. Die Versicherer wissen das: 60 Prozent sehen signifikante Anpassungen bei der Angebotserstellung, bei den Beratungsprotokollen und beim Vermittlungsprozess auf sich zukommen, so die Studie.

IDD ist keine Projektinsel

Dazu kommt: IDD ist kein losgelöstes Einzelprojekt. Es gibt viele Querverbindungen zu anderen Vorhaben. Das macht die Sache deutlich komplexer. Laufende Projekte, beispielsweise die Digitalisierung von Vertriebs- und Kommunikationswegen, sind ebenso von der IDD betroffen wie die Anpassungen der Beratungsprozesse. Versicherer müssen sich auf Operationen am offenen Herzen einstellen.

Die Schnittstellen zu anderen Regulierungsvorschriften können allerdings auch nützlich sein. Viele Inhalte der IDD-Richtlinie haben große Ähnlichkeit mit der MiFID-II-Umsetzung. Auch die Vorschriften PRIIPs (Packaged Retail and Insurance based Investment Products), LVRG (Lebensversicherungs-Reformgesetz) sowie das Honorarberatergesetz sind Bindeglieder zum einheitlichen Verbraucherschutz bei Finanzprodukten. Auch die Anforderungen des Verhaltenskodex für den Vertrieb, als freiwillige Selbstverpflichtung der Versicherungswirtschaft, enthalten bereits Aspekte der IDD.

MiFID II gibt bereits konkrete Hinweise, wie die künftigen Anforderungen aussehen könnten. Hier war auch die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA in die Konkretisierung der Richtlinie involviert. PRIIPs ist die erste übergreifende Richtlinie. Sie gilt gleichwertig für Bank- und Versicherungsprodukte. Versicherer sollten die bereits gesammelten Erkenntnisse aus diesen Vorschriften anzapfen, um damit gegebenenfalls schneller und effizienter durch das Projekt IDD zu kommen.

Schnell Klarheit verschaffen

Das IDD-Startdatum 2018 rückt näher. Angesichts der Komplexität ist die Versicherungswirtschaft gut beraten, sich schnell Klarheit zu verschaffen, was die einzelnen Inhalte der Richtlinie für die Geschäftsstrategie bedeuten. Auf Basis des vorhandenen Wissens lässt sich eine Bestandsaufnahme der Kunden-, Produkt- und Vermittlerstruktur schon heute durchführen. Über Wirkungsanalysen können Versicherer ihre Prozesse, Organisationseinheiten und Systeme in Cluster einteilen und teilweise Anforderungen der IDD zuordnen. Die Einteilung sollten Versicherer auch bei der Konzeption neuer Produkte beachten und eine kontinuierliche Überprüfung der Impact-Analyse durchführen.


 

Für die Studie „IDD-Umsetzung in deutschen Versicherungsunternehmen“ der PPI AG wurden im Juli 2015 IDD-Verantwortliche aus 46 Versicherungen telefonisch (CATI) befragt. In regelmäßigem Abstand wird die Studie wiederholt, um ein möglichst umfassendes Bild über den Fortschritt bei der IDD-Umsetzung zu erhalten. Die vollständige Studie kann über folgende Internetadresse bezogen werden: www.ppi.de/idd-studie

 

 

Angelika Hinz
Angelika Hinz ist Expertin für Compliance bei der PPI AG
Sascha Däsler
Sascha Däsler ist Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Versicherungswirtschaft bei der PPI AG.