Vom Verlust, Freude oder Trauer zu empfinden, bis zum Gefühl der Gefühllosigkeit überhaupt: Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Ich kenne diese Empfindungen, denn vor einigen Jahren erhielt auch ich die Diagnose „Depression“. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums bin ich damit einer von mehr als vier Millionen Leidtragenden in Deutschland. Neben den persönlichen Einschränkungen in der Lebensqualität der Betroffenen und deren Angehörigen verursachen Depressionen auch eine enorme volkswirtschaftliche Belastung. Die direkten Krankheitskosten betragen 5,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen hohe Rückfallquoten von bis zu 85 Prozent und lange Wartezeiten auf Therapieplätze. Wie mit Hilfe mobiler Technologien diese Zahlen verringert werden können, möchte ich in meinem heutigen Beitrag zeigen.

 

Generell leidet das deutsche Gesundheitswesen unter Kostensteigerungen und die kontinuierliche Zunahme von chronischen Erkrankungen belastet das System zusätzlich. Zunehmend selbstbewusste und informierte Patienten mit immer größeren Erwartungen führen zu weiteren Herausforderungen. Die Gesundheitskosten bei gleichzeitig hoher Qualität in einem vernünftigen Rahmen zu halten, ist somit keine leichte Aufgabe. Insbesondere für die Krankenversicherung zeigt sich an dieser Stelle das ureigene Interesse an der Gesundwerdung von Patienten und Patientinnen sowie der Senkung der Rückfallquoten, um zu einem nachhaltigen deutschen Gesundheitssystem beitragen zu können.

Aber wie kann das erreicht werden?

Während die eHealth-Bewegung ins Stocken geraten ist [1], hat in den letzten Jahren im Rahmen der digitalen Transformation des Gesundheitswesens eine neue Technologie immer mehr an Bedeutung gewonnen, die zu einer Entspannung der Situation beitragen könnte: Mobile Health bzw. mHealth.

MHealth als Technologie verspricht sowohl eine Revolution in der Patientenversorgung als auch Wachstumschancen für die Unternehmen der Gesundheitsindustrie. Die Hoffnungen werden genährt durch die unaufhaltsame Verbreitung des Internets sowie die massive Zunahme von Smartphones und Tablets.

Ein konkretes Beispiel für eine solche Revolution in der Patientenversorgung zeigt sich am Beispiel des Krankheitsbildes “Depression” und der mobilen Software “Arya”.

 

arya-welcomescreen

 

Als Betroffene habe ich selbst das Konzept für Arya entwickelt. Die App verfolgt das Ziel, die Behandlung für Patienten zu verbessern und möglichst viele pain-points mit Hilfe simpler Mittel aus dem Weg zu schaffen. Das zentrale Element der Verhaltenstherapie bei Depressionen ist das Erkennen, Festhalten und Reflektieren von Verhaltensmustern, um diese, meist destruktiven Muster, im Laufe der Therapie nachhaltig zu erweitern und zu verändern. Diese Selbstbeobachtung ist für Patienten wie auch Therapeuten sehr wichtig, denn so bekommen sie einen guten Überblick über den Verlauf der Depression. Das Problem: Patienten müssen zu diesem Zweck Fragebögen ausfüllen, mehrmals täglich und in der Öffentlichkeit. Das ist unpraktisch und wird von Patienten als zusätzliche Belastung empfunden.

Vor diesem Hintergrund entstand die erste Idee zu Arya, da ich der Meinung war, „Das muss doch auch einfacher gehen“.

Die Smartphone-App erlaubt, das eigene Stimmungsbild viel diskreter festzuhalten, überall und unabhängig von der jeweiligen Situation, denn das Handy hat man sowieso immer dabei.

Die selbst erhobenen Daten schickt der Benutzer verschlüsselt an seinen Therapeuten weiter, der sie über eine Benutzeroberfläche auswertet und auf dieser Grundlage die Therapie zeitnah den Bedürfnissen anpassen kann. Die grafische Darstellung der von den PatientInnen erfassten Daten erleichtert dabei das Erkennen von Verhaltensmustern und Zusammenhängen.

 

Dashboard Arya

 

Der Vorteil für Therapeuten liegt auf der Hand. Die Digitalisierung und Bündelung der Informationen bedeutet weniger Papierkram, mehr Übersicht und eine gezieltere Vorbereitung der Therapiestunde. Das bedeutet pro Therapieeinheit weniger Aufwand sowie eine bessere und intensivere Betreuung.

Die App unterstützt die Betroffenen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und mehr zum Manager der Erkrankung zu werden. Dabei spielt die Steigerung der Selbstwirksamkeit und die Integration der Therapie in den Alltag eine große Rolle. Zukünftig soll die App auch noch weitaus mehr können – etwa das Analysieren von Verhaltensmustern: Arya kann dann im richtigen Augenblick individuelle Tipps für Aktivitäten geben, die in der jeweiligen Situation guttun könnten. Die App wird so zu einem persönlichen Begleiter, auch nach Abschluss der ambulanten Therapie.

Auf diese Weise lassen sich, aktuellen Studien zu Folge, Rückfallquoten signifikant verringern, was zu einer Entlastung des Gesundheitssystems beitragen kann.


 

[1] A.T. Kearney GmbH: „Mobile Health: Fata Morgana oder Wachstumstreiber?“, 2013

 

Kristina Wilms
Kristina ist die Ideengeberin und Geschäftsführerin bei ARYA mHealth.
Sie ist verantwortlich für die Konzeption und die inhaltliche Entwicklung der ARYA Software, dazu koordiniert sie die verschiedenen Inputs der unterschiedlichen Stakeholder und Nutzer.
Als Geschäftsführerin in einem Health-Startups beschäftigt sie sich intensiv mit den Entwicklungen auf dem deutschen Gesundheitsmarkt.