Indien gilt als Land der Extreme. Mit über 3 Millionen km² ist es das siebtgrößte Land der Welt und 1,1 Milliarden Einwohner befördern Indien auf Platz zwei der bevölkerungsreichsten Länder der Erde. Gesprochen werden 23 verschiedene offizielle und über 1000 inoffizielle Sprachen. Alle vier Weltreligionen sind vertreten. Kaum ein anderes Land hat ein so hohes Maß an kultureller, religiöser, ethnischer und sozialer Vielfalt vorzuweisen. Angetrieben durch wirtschaftliche Reformen in den 90iger Jahren, erlebte Indien auch einen einmaligen Wirtschaftsboom, von dem jedoch nur ein geringer Teil der Bevölkerung profitieren konnte. So müssen 75 Prozent der indischen Bevölkerung mit weniger als 2 USD am Tag ihr Überleben sichern. Welche Rolle die Versicherungswirtschaft in diesem Land der Extreme und Vielfalt spielt, möchte ich in meinem heutigen Beitrag betrachten.


Öffnung des Marktes soll Versicherungswesen ankurbeln
Rentensystem in Indien – arbeiten ein Leben lang?
Finanzielle Unberührbarkeit beenden

 

Bild: Indian colored spices at local market. © Mariusz Prusaczyk - Fotolia

Öffnung des Marktes soll Versicherungswesen ankurbeln

Die indische Versicherungsbranche hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Höhen und Tiefen durchlebt. Ein großer Meilenstein war die Gründung der Insurance Regulatory and Development Authority (IRDA) im Jahr 1999. Seitdem verfolgt die Versicherungsaufsichtsbehörde die Aufgabe, unabhängig und neutral für die Entwicklung und Regulierung des indischen Versicherungsmarktes zu sorgen. Als eine der ersten Amtshandlungen erlaubte sie privaten Unternehmen Versicherungen anzubieten und beendete somit die Monopolstellung der staatlichen Versicherer Life Insurance Corporation of India (LIC) und General Insurance Corporation of India (GIC). Zudem öffnete sie den Markt für ausländische Unternehmen mit einer Beteiligungsgrenze von maximal 26 Prozent. Mittlerweile besteht der Versicherungsmarkt aus insgesamt 52 Versicherungsunternehmen (24 Lebensversicherung, 28 Nicht-Leben). Angestrebt wird darüber hinaus, die Versicherungsdurchdringung von ca. 3,3 Prozent im Jahr 2014 bis 2020 um mindestens 5 Prozent zu steigern. Die Regierung versuchte bislang, dieses Vorhaben mit zahlreichen Reformen zu unterstützen. Die wohl weitreichendste ist die Mitte März dieses Jahres verabschiedete Insurance Laws (Amendment) Bill. Das neue Gesetz sieht vor, die Beteiligungsgrenze für Investoren aus dem Ausland schnellstmöglich von 26 auf 49 Prozent anzuheben, um Kapital ins Land fließen zu lassen. Durch die Öffnung der Branche werden schätzungsweise eine halbe Million Euro in den Markt strömen.

Bezogen auf die Demografie scheint Indien ein vielversprechender Markt zu sein. So soll Indiens versicherbare Bevölkerung bis 2020 auf 750 Millionen ansteigen. Hinzu kommt, dass Indien zurzeit weltweit eines der Länder mit der jüngsten Bevölkerung ist. 31 Prozent der Inder sind unter 14 Jahren und 60 Prozent unter 30. Dennoch wird das Wachstum der Versicherungswirtschaft gehemmt durch geringe Einkommen und mangelnde Nachfrage. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass viele Versicherungsprodukte nur unzureichend vermarktet werden, sodass große Teile der (ländlichen) Bevölkerung nichts von den Produkten und den Vorteilen, die ein Abschluss mit sich bringt, wissen.

Rentensystem in Indien – arbeiten ein Leben lang?

Reformen wie die Insurance Laws (Amendment) Bill sollen zudem einer mangelnden Absicherung im Alter vorbeugen. Denn trotz der positiven demografischen Situation wird der Anteil der älteren Bevölkerung (60+) in den kommenden Jahren zunehmen. 2010 lag dieser bei 8 Prozent, 2030 wird er schätzungsweise bei 12 Prozent liegen. Jedoch sind nur gut 10 Prozent der Inder durch Staatspensionen oder Betriebsrenten abgesichert. Die Mehrheit der Bevölkerung hat keinen Anspruch auf eine Altersrente und ist damit auf die Versorgung durch die Familie angewiesen, die diese jedoch oft nicht leisten kann.

Es gibt zahlreiche Faktoren, die die Verbreitung von Rentenversicherungsprodukten bremsen. So stehen Rentenversicherungen im Wettbewerb mit anderen Finanzprodukten, bei denen oftmals mehr Gewinn für den Versicherungsnehmer erwirtschaftet werden kann. Hinzu kommt, dass Produkte zur Altersvorsorge nicht steuerlich unterstützt werden. Ein weiterer Faktor ist die Präferenz vieler Versicherungsnehmer für Sachanlagen. Auch seitens der Versicherer gibt es zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen. So verfügen nur wenige inländische Versicherer über genügend Erfahrung im Risikomanagement und haben zudem nicht ausreichend Solvabilität vorzuweisen, um Produkte in hohen Kapazitäten anzubieten. Der Rentenmarkt Indiens ist folglich stark unterentwickelt und zeichnet sich durch wenige Anbieter, wenige Produkte und fehlende Flexibilität aus. Die Auswirkungen dieser Rahmenbedingungen sind verheerend. 90 Prozent der Menschen über 60 Jahre müssen arbeiten, um ihr Überleben zu sichern. In Anbetracht dieser Fakten sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Australian Center for Financial Studies nicht weiter verwunderlich. Demnach ist Indien das Land mit dem schlechtesten Rentensystem weltweit. Zwar erreichte es eine minimal höhere Punktezahl als im Vorjahr, belegte dennoch weiterhin den letzten Platz.

Finanzielle Unberührbarkeit beenden

Die Regierung Indiens verfolgt zudem das anspruchsvolle Ziel, der „finanziellen Unberührbarkeit“ in Indien ein Ende zu setzen. So soll in den kommenden Jahren jeder indische Haushalt ein eigenes Bankkonto, geführt von privaten und staatlichen Geldinstituten, besitzen. Zusätzlich soll an jedes Konto eine Mikroversicherung gekoppelt werden, die Unfälle in Höhe von 100 000 R (= ca.1350€) versichert. Da in Indien 90 Prozent der Bevölkerung keine Form der Versicherung vorzuweisen hat, lockerte die IRDA die Bedingungen für den Verkauf von Mikroversicherungen. Diese dürfen nun auch in Lebensmittelläden, Call-Shops und Tankstellen verkauft werden. Die Maßnahme sorgte für reichlich Kritik, da eine angemessene Beratung auf diesem Weg kaum möglich ist. Auf traditionellem Weg lassen sich Mikroversicherungen jedoch kaum noch verkaufen, was auf die geringe Provision für Vermittler, die zudem immer nur eine Versicherung vertreten dürfen, zurückzuführen ist. Abschreckend für Kunden ist außerdem, dass Verträge meist eine Mindestlaufzeit von fünf Jahren haben. Da Mikroversicherungen gerade für finanziell schwache Bevölkerungsgruppen die einzige Alternative sind, ist eine Lockerung der starren Regeln unabdingbar.

 

Es wird deutlich, dass Indien in vielerlei Hinsicht ein Land mit zahlreichen Herausforderungen ist. Ein gut ausgebautes Versicherungswesen kann einen Ansatz darstellen, um Problemen auf wirtschaftlicher aber auch sozialer Ebene entgegenzuwirken. Zwar hat die Regierung Indiens bereits intensive Versuche unternommen, um den Ausbau des Versicherungssektors voranzutreiben, doch ist auch der Mut ausländischer Investoren notwendig, um dieses Ziel zu erreichen. So darf das Potenzial das Indien innewohnt nicht vernachlässigt werden. Neben dem extrem hohen Anteil junger Bevölkerungsschichten und einem Bevölkerungswachstum von jährlich 1,28 Prozent zeigt sich Indien auch als Land der zunehmenden Technologisierung. Insbesondere die IT-Branche erlebte in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung. Darüber hinaus zählt Indien mittlerweile zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit.


 

Julia Ende
Julia Ende war 2014 bis 2017 im Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Sie unterstützte die redaktionellen Arbeiten für den Trendletter der Versicherungsforen Leipzig sowie die Betreuung der Forenpartner und die redaktionelle Pflege der Webseite.