Innovationen und Versicherungen passen nicht wirklich zusammen, oder doch? Es kommt Bewegung in die Assekuranz. Eine über Jahrhunderte traditionell gewachsene Branche öffnet sich und ebnet zunehmend den Weg hin zu modernen Produktkonzepten, innovativen Vertriebswegen und intelligenten Kommunikationsmaßnahmen. Natürlich mit Bedacht, prüfend und abwägend. Aber es tut sich etwas. Endlich! Diesen Wandel habe ich zum Anlass genommen, einmal genauer nachzuschauen, welche Unternehmen mit welchen Innovationsaktivitäten experimentieren.

 

ERGO Konzern – Der König der Innovationsaktivitäten?
Axa – Vom Inkubator bis zur Abteilung „Transactional Model“
Allianz Digital Accelerator – Die Innovationsschmiede des Allianz-Konzerns
Generali – Corporate Partnerships als Innovationsvehikel
W&W – Das interne Start-up als Change-Enabler
Öffentlich-rechtliche Versicherer auf dem Vormarsch
Fazit: Die Branche ist umtriebig, muss aber weiterhin Gas geben!

 

Happy child playing outdoors © Sunny studio - Fotolia

 

ERGO Konzern – Der König der Innovationsaktivitäten?

Zumindest was die Schlagzahl an Meldungen zu den Innovationstätigkeiten des Hauses anbelangt, ist die ERGO wohl der König im Innovationsmanagement. So engagiert sich die ERGO bereits seit 2014 als Corporate Partner am Axel Springer Plug and Play Accelerator in Berlin. Damit sichert sich das Unternehmen die Möglichkeit, am dreimonatigen Start-up-Förderungsprogramm mitzuwirken und von der Arbeit mit den jeweils zwölf Teams zu lernen. Insbesondere letzteres soll dazu beitragen, den Kultur-Change innerhalb des eigenen Linienbetriebes voranzutreiben (siehe Blog-Beitrag vom 12.12.2014). Jüngst verkündete die ERGO, ab Mitte Januar 2016 an dem neuen Accelerator-Programm Startupbootcamp in London mitzuwirken. Das Besondere hierbei ist, dass sich dieses Start-up-Programm vor allem auf Gründungen im Versicherungsbereich fokussiert. Weitere Partner sind u. a. die Allianz, Admiral und die Lloyds Bank. In einem weiteren interdisziplinären Projektansatz der ERGO arbeiten das interne Mobile Lab in Nürnberg und das Digital Lab in Berlin parallel an der Entwicklung innovativer Leistungen und Services (z. B. Kundenlogin-App – Überblick über Verträge oder Starter Kit – Eine App speziell für junge Menschen).

 

Axa – Vom Inkubator bis zur Abteilung „Transactional Model“

Die Liste an Innovationsaktivitäten im Hause Axa wird ebenfalls immer länger. So wurde erst im September 2015 bekannt gegeben, dass Axa 100 Mio. Euro in die Gründung eines Insurtech-Unternehmens namens Kamet investiert, das im Fokus hat, disruptive Produkte und Dienstleistungen für den Konzern zu entwickeln. Bereits seit 2014 sammelt Axa Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ideengebern und Gründern im Rahmen des „Axa Innovation Campus“. Dort hat man sich bewusst für die Kooperation mit einem externen Inkubator-Anbieter („Global Innovation Campus“) entschieden, um fehlende Erfahrung im Gründungsgeschäft auszugleichen. Zudem erhielt man so die Möglichkeit, sofort mit der Innovationsarbeit zu starten, ohne erst einmal viel Geld in eine Infrastruktur zu stecken. Axa stellt im Gegenzug das Branchen-Know-how und Kunden zur Verfügung und kann u.a. bei der Skalierung von Angeboten unterstützen. Eine erste Erfolgsstory gibt es wohl auch zu berichten. Mit „FitPass“ befindet man sich aktuell in der Unternehmensgründung – eine Plattform für professionelle digitale Gesundheits- und Fitness-Services. Ebenfalls vor wenigen Wochen wurde die Gründung einer neuen Abteilung namens „Transactional Model“ verkündet. Knapp fünf Kilometer von der Hauptzentrale in Köln entfernt arbeiten zehn Mitarbeiter an der Entwicklung innovativer Produkte und Services im Bereich „Big Data“. Im „Data Innovation Lab“ in Paris werden bereits seit geraumer Zeit solche Ideen abgeleitet. Interessant ist vielleicht auch zu wissen, dass Axa bereits 2013 ein Lab im Silicon Valley gegründet hat, um u.a. das eigene Unternehmen mit führenden Technologieanbietern zusammenzubringen.

 

Allianz Digital Accelerator – Die Innovationsschmiede des Allianz-Konzerns

Der hauseigene Accelerator der Allianz ist weit mehr als ein klassischer Accelerator. Das Programm versteht sich als eine Art „Forschungs- und Entwicklungs-Team“ für die weltweite Allianz Gruppe und kann als extern angesiedelte 100%ige Tochter-Gesellschaft eigenständig agieren, forschen sowie die Trends und Innovationen für das eigene Haus ergründen. Ziel ist es, ein zentrales Center rund um die digitale Kompetenz zu schaffen. Dazu vernetzt sich der Accelerator mit Start-ups, anderen Acceleratoren, Inkubatoren, Labs oder Investoren und schließt interessante Partnerschaften im Digitalisierungs-Segment. Dort, wo der Accelerator keinen Mehrwert stiften kann bzw. externe Start-ups schon weit genug entwickelt sind, wird der Kontakt direkt zum Linienbetrieb hergestellt. Darüber hinaus wird das Accelerator Programm auch als langfristiges „Culture-Change-Programm“ für die eigene Organisation genutzt.

 

Generali – Corporate Partnerships als Innovationsvehikel

Auffällig im Haus Generali sind deren aktuelle Kooperationsprojekte. Letztes Jahr wurde beispielsweise das Bündnis mit dem südafrikanischen Versicherer Discovery bekannt gegeben. In Übersee hat man bereits zahlreiche Erfahrungen und Know-how bei der Rabattierung von Versicherungsverträgen durch Selftracking-Schnittstellen sammeln können. Dieses Wissen soll nun auch in Deutschland Anwendung finden und Preisnachlässe in der Lebens- oder Krankenversicherung, durch die Dokumentation und Übermittlung von Vorsorgeterminen, Sportaktivitäten und Ernährungsweisen ermöglichen. Nicht zuletzt durch die Kooperation mit Obi Worldphone soll es Generali gelingen, bis Ende 2017 in 20 Ländern auf der Startseite der Obi-Smartphones zu erscheinen. Bleibt nur noch abzuwarten, mit welchen mobilen Leistungen und Services das geschehen soll. Hier wird sicherlich die neu gegründete Abteilung „Smart Insurances“ Lösungen auf der Basis von Telematik, Domotik und gesundheitsbewusstem Verhalten liefern.

 

W&W – Das interne Start-up als Change-Enabler

Als Teil des Konzernprogramms „W&W@2020“ hat der Konzern jüngst ein internes Start-up namens „Digitale Werkstatt“ gegründet. Ziel soll es sein, neue digitale Produkte und Services mit einem konsequenten Endkundenfokus zu entwickeln. Hierfür ist man bewusst den Zusammenschluss mit einem externen Partner eingegangen, um in der Entwicklungsarbeit an Schnelligkeit zu gewinnen. Zudem wurde die „Digitale Werkstatt“ analog eines Start-ups aufgebaut, um die für Start-ups typischen agilen und flexiblen Arbeitsweisen zu „erlernen“ und langfristig in die Linie zu überführen.

 

Öffentlich-rechtliche Versicherer auf dem Vormarsch

In den Gesprächen mit den Experten der Branche und auf Basis unserer Studie „Innovationsfähigkeit in der deutschen Versicherungswirtschaft“ habe ich vielfach festgestellt, dass insbesondere die öffentlich-rechtlichen Versicherungsunternehmen die am schwächsten ausgebildete Innovationsfähigkeit aufweisen. Umso weniger verwunderlich erscheint es, dass insbesondere diese Unternehmen momentan viel daran setzen, sich für die Zukunft moderner aufzustellen. Ein Beispiel ist die Provinzial NordWest, die seit 2015 bewusst den Weg der sog. „Open Innovation“ geht. Dort wird aktuell keine eigenständige Abteilung, internes Lab oder Accelerator für die eigenen Innovationsaktivitäten ins Leben gerufen. Innovation soll aus den eigenen Reihen heraus betrieben werden. Dass der externe Input dennoch sinnvoll ist, hat man dort erkannt und bindet Endkundenfeedback an den unterschiedlichsten Stellen des Innovationsfunnels ein (Ideengenerierung, Ideenverfeinerung, Validierung von Ideen oder auch kurzfristige Entscheidungen z. B. bzgl. der Konzeption von innovativen Bezahlwegen). Die Diskussionen, welchen Stellenwert das Thema Innovation als Stellhebel für die Zukunftsfähigkeit des Konzerns haben soll, sind in Gang gesetzt. Hier werden wir auch sicher bald hören, in welcher Art und Weise das Thema organisiert werden soll.

 

Fazit: Die Branche ist umtriebig, muss aber weiterhin Gas geben!

Die oben aufgeführte Liste beispielhafter Innovationsmaßnahmen innerhalb der Assekuranz ist nicht als fallabschließend zu betrachten und soll lediglich einen ersten Eindruck vermitteln. Fakt ist, die Branche tut bereits heute viel, um Antworten auf die zahlreichen Fragen rund um die Digitalisierung und Individualisierung der Gesellschaft zu finden. Dieses Engagement konzentriert sich aber bisweilen auf einige wenige Unternehmen. Um langfristig Innovationserfolge herbeizuführen, sind vor allem …

  • … Mut, noch nie beschrittene Wege zu beschreiten,
  • … Ausdauer, neue Ansätze immer und immer wieder auszuprobieren, und
  • … Leidenschaft der Menschen, einen notwendigen Wandel vorantreiben zu wollen,

notwendig. Doch wie die o.g. Beispiele zeigen, kann ohne Investitionsbereitschaft kein Innovationserfolg herbeigeführt werden. Insbesondere hierin liegt momentan einer der größten Stellhebel für die Branche.

 

Viel Spaß beim weiteren Innovieren wünscht

Ihre Antje Gellert


 

Antje Pfeifer
Antje Pfeifer war bis Oktober 2015 als Leiterin für »Trendforschung und Innovationsmanagement« bei den Versicherungsforen Leipzig tätig. Sie beschäftigte sich mit den zentralen Herausforderungen zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Assekuranz und bildete dabei eine Querschnittsfunktion über die einzelnen Kompetenzfelder der Versicherungsforen Leipzig ab.