Mitte August habe ich bereits einen ersten Blick auf die CEE-Region geworfen, die, insbesondere mit Polen als Spitzenreiter, einen attraktiven Markt für die Versicherungswirtschaft darstellt. Heute möchte ich zwei weitere Länder vorstellen, die insbesondere ihre (finanziellen) Herausforderungen auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu lösen versuchen: Während Estland einen straffen Sparplan für erfolgsversprechend hält, versucht Kroatien mit großzügigen Gesten die Wirtschaft anzukurbeln.

Estland – Spitzenreiter im Sparen

Kroatien – Versicherungswirtschaft trotzt der Finanzkrise

 

Länder der CEE-Region

Länder der CEE-Region

 

Estland – Spitzenreiter im Sparen

Estlands Wirtschaft glich in den vergangenen Jahren einer Achterbahnfahrt. Mit dem Beitritt in die Europäische Union wurde 2004 ein strenger Sparkurs eingeleitet, der die Erfüllung aller Maastricht-Kriterien (u.a. geringe Staatsverschuldung, stabiler Wechselkurs) zur Folge hatte und sieben Jahre nach dem EU-Beitritt zur Einführung des Euro führte. Gedämpft wurde dieser Erfolg von der Finanzkrise, von der Estland so stark betroffen war wie kein anderes baltisches Land. Innerhalb eines Jahres nahm die Wirtschaftsleistung um 14% ab und die Arbeitslosenrate stieg auf über 17%. Auch diesmal wurde als Reaktion ein intensiver Sparplan ins Leben gerufen. Dieser beinhaltete die Anhebung des Rentenalters und der Steuern sowie die Kürzung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Auch vor untypischen Maßnahmen wie dem Abschalten der Straßenlaternen in der Hauptstadt Tallin wurde nicht Halt gemacht.

Mittlerweile ist Estland das Land mit den geringsten Staatsschulden Europas. Diese betragen gemessen am BIP lediglich 6% – zum Vergleich: In Deutschland liegen sie bei 80%. Darüber hinaus macht sich Estland einen Namen als Land der Digitalisierung und Innovationen. So ist der Internettelefondienst Skype eine estnische Erfindung. Auch die elektronische Vernetzung ist weitaus fortschrittlicher als in den meisten europäischen Ländern. Doch die Sparmentalität zeigt mittlerweile auch seine Schattenseiten: Die Regierung spart an Investitionen, die Jobs schaffen könnten, sodass die Arbeitslosenrate auch nach der Krise noch extrem hoch ist. Das Durchschnittsbruttoeinkommen beträgt 800€, der Mindestlohn liegt nach einer von der Regierung initiierten Anhebung bei 1,90€, Sozialleistungen werden auf ein Mindestmaß beschränkt. Vielleicht einer der Gründe, warum die Bürger Estlands zu den unglücklichsten innerhalb der europäischen Industriestaaten gehören.

Mit gerade einmal 13 Versicherungsunternehmen (Stand 2014) und Prämieneinahmen von 317 Mio € (Stand 2013) ist der estnische Versicherungssektor vergleichsweise schwach ausgeprägt. Von einem Wachstum in Zukunft wird jedoch ausgegangen, da der bislang vernachlässigten Finanzvorsorge immer mehr Bedeutung zugesprochen wird. Diese Entwicklung spiegelt sich auch bei Betrachtung der Prämieneinnahmen wider, die zwischen 2007 und 2011 zunächst sanken, um in den darauffolgenden beiden Jahren wieder anzusteigen.

 

Prämieneinnahmen und Leistungsausgaben im Zeitverlauf

Prämieneinnahmen und Leistungsausgaben im Zeitverlauf, in Mio. EUR (Quelle: Insurance Europe)

 

Beherrscht wird das Versicherungsgeschäft von ausländischen – vor allem skandinavischen – Versicherern. Mit einem Anteil von 77% im Jahr 2013 dominiert der Bereich Nicht-Leben die Prämieneinnahmen der estnischen Versicherungswirtschaft. Die führende Rolle nimmt hierbei die Landfahrzeugversicherung ein.

 

Kroatien – Versicherungswirtschaft trotzt der Finanzkrise

In dem beliebten Urlaubsland wurde im Jahr 2013 mit 1190 Mio. € eine beachtliche Höhe an Prämieneinnahmen erwirtschaftet, die die positive Entwicklung der beiden vorherigen Jahre bestätigte. Zwar blieb auch das kroatische Versicherungswesen nicht von der Finanzkrise verschont, die Einbußen bewegen sich jedoch auf einem vergleichsweise geringen Niveau.

 

Prämieneinnahmen und Leistungsausgaben im Zeitverlauf

Prämieneinnahmen und Leistungsausgaben im Zeitverlauf, in Mio. EUR (Quelle: Insurance Europe)

 

Fast 75% der Prämieneinnahmen wurden im Jahr 2013 vom Bereich Nicht-Leben generiert. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kfz-Versicherung, die den Nicht-Leben-Bereich dominiert. Auch wenn der Bereich Leben somit nur einen geringen Anteil an den gesamten Prämieneinnahmen zu erwirtschaften scheint, ist dieser verantwortlich für den Anstieg bzw. das Aufrechterhalten der Gesamtprämieneinnahmen in den vergangenen Jahren. Zudem ist der Anteil der ausländischen Versicherer sehr hoch. 15 der 26 Versicherungsunternehmen stammen nicht aus Kroatien. Insgesamt haben diese Versicherer 43% der Prämieneinnahmen erzielt.

Doch auch wenn die Versicherungswirtschaft Kroatiens eine positive Entwicklung zeigt, die Wirtschaft des Landes hat die Krise noch nicht überwunden. Seit sechs Jahren befindet sich das Land in einer Rezension, in der die Wirtschaftskraft um mehr als 14% sank. Die Arbeitslosenquote liegt mittlerweile bei 20%. Auch der Beitritt Kroatiens zur EU konnte diesen Absturz nicht aufhalten. Um die Bürger Kroatiens zu entlasten, beschloss die Regierung Anfang dieses Jahres einigen Bürgern unter bestimmten Voraussetzungen einen Schuldenerlass zu gewähren. Das Projekt richtet sich an Kroaten, deren Konto aufgrund von Schulden gesperrt wurde. Der Schuldenerlass wird unter der Bedingung genehmigt, dass die Schulden nicht mehr als 4550€ betragen und das Einkommen der Betroffenen 325€ nicht übersteigt. Betroffen sind nach ersten Schätzungen ca. 60.000 Menschen.

 

Polen, Estland und Kroatien beweisen, dass die CEE-Region keinesfalls eine homogene Zone ist. Jedes der Länder besticht durch ganz individuelle Voraussetzungen, Herausforderungen und Erfolge. Dabei sollte man sich nicht von dem Vorurteil leiten lassen, dass der Südosten Europas strukturschwach und eine Expansion in diese Länder wenig vielversprechend ist. Insbesondere das Versicherungswesen hat in vielen der Länder großes Entwicklungspotenzial, das auch von ausländischen Versicherern ausgeschöpft werden kann.


 

Julia Ende
Julia Ende war 2014 bis 2017 im Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Sie unterstützte die redaktionellen Arbeiten für den Trendletter der Versicherungsforen Leipzig sowie die Betreuung der Forenpartner und die redaktionelle Pflege der Webseite.