In den letzten Wochen konnte man kaum noch übersehen, dass sich auf dem deutschen Kfz-Versicherungsmarkt viel bewegt: Ein Versicherer nach dem anderen kündigt die Einführung von Telematiktarifen an, die das Fahrverhalten des Versicherten zukünftig bei der Prämienberechnung berücksichtigen sollen.

Bei der Realisierung dieser Produktvorhaben arbeiten Versicherer in der Regel eng mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen, die beispielsweise die Auswertung der Fahrverhaltensdaten übernehmen. Einen solchen Service stellt auch das junge kroatische Start-up Amodo bereit.

In unserem Interview stellt Geschäftsführer und Gründer Gorjan Agačević die Idee hinter Amodo etwas genauer vor und erklärt, wie er sich die Zukunft telematikbasierter Tarife vorstellt.

 

Gorjan Agačević und Ozren Crnogorac Photo: Igor Kralj/PIXSELL

Geschäftsführer Gorjan Agačević und Ozren Crnogorac, Photo: Igor Kralj/PIXSELL

 

„Driving Analytics“ von Amodo beurteilt nicht das reine Fahrverhalten eines Autofahrers, sondern dessen Fähigkeiten, sich der gegebenen Situation anzupassen. Was kann ich mir darunter genau vorstellen?

Wir sind der Ansicht, dass sich allein aus dem Fahrverhalten (z.B. Geschwindigkeiten, Bremsverhalten, Kurvenfahrten) kein eindeutiges Bild bezüglich der Sicherheit des Fahrers zeichnen lässt. Aus diesem Grund ziehen wir verschiedene Umfelddaten mit hinzu, beispielsweise ob im städtischen oder ländlichen Raum oder auf Schnellstraßen gefahren wird, da dies verschiedene Fahrstile bedingt. Zudem berücksichtigen wir die Tageszeit oder den Wochentag an dem ein Fahrer fährt, die genutzten Straßenarten, die herrschenden Wetterbedingungen und, sofern verfügbar, Verkehrsinformationen.

Die Daten dafür stammen zum einen vom Fahrer bzw. Fahrzeug selbst, indem Apps oder spezielle Geräte genutzt werden, die das Fahrverhalten aufzeichnen. Die Umgebungsdaten stammen, je nach Anforderung, hingegen von verschiedenen Anbietern wie zum Beispiel Open Street Map oder Here von Nokia.

Gerade diese Umfelddaten zeigen Bedingungen, auf die der Fahrer keinen Einfluss hat und die er in der Regel auch nicht vermeiden kann. Deshalb versucht unser Sicherheits-Punkte-System auch nicht das Verhalten des Fahrers zu verändern, auf das er ohnehin keinen Einfluss hat, sondern wir versuchen ihn zu motivieren, sein Verhalten den herrschenden Bedingungen und Umgebungen anzupassen, damit er sich so sicher wie möglich im Straßenverkehr bewegt.

 

Wofür lassen sich diese Informationen letzten Endes nutzen?

Zunächst das Offensichtliche: Verhaltensbasierte Versicherungsprogramme können mittels dieser Informationen realisiert werden. Besonders sichere Fahrer oder Menschen, die nur wenig fahren und somit auch weniger Gefahren ausgesetzt sind, profitieren dabei von geringeren Prämien. Außerdem können die Daten genutzt werden, um junge Fahrer oder Firmenangestellte, die viel mit dem Dienstwagen unterwegs sind, zu trainieren.

Einige der von uns genutzten Geräte liefern auch Fehlercodes, die bestehende Mängel im Auto aufzeigen. Dies ist insbesondere für Autoservice-Anbieter und Pannenhelfer interessant, da sie Echtzeit-Daten liefern, die im Automobilbereich momentan noch fehlen. Diese Daten können sowohl bei der Optimierung von Businessprozessen helfen als auch den Kunden Mehrwerte bieten.

 

Habt Ihr bei den ganzen Daten keine Bedenken bezüglich der Datensicherheit? Das ist ja gerade in Deutschland immer ein viel diskutiertes Thema.

Natürlich, man muss jedoch zwischen zwei Sicherheitsaspekten unterscheiden: der technischen Sicherheit des Systems und der Sicherung der Privatsphäre.

Letztere gewährleisten wir, indem wir sehr transparent gegenüber allen Stakeholdern kommunizieren, wer welche Daten sieht. Als Fahrer bzw. Besitzer des Autos sieht man wirklich alles, also welche Straßen genutzt wurden, an welcher Position man sich momentan befindet etc. Solche Informationen sind bspw. für eine Versicherung jedoch nicht relevant. Versicherungen interessiert, welche Art von Straße man benutzt, ob man während der Rushhour fährt oder ob man Geschwindigkeitsgrenzen überschreitet. Dementsprechend bekommen sie auch nur solche Informationen übermittelt. Letztendlich entscheidet jedoch immer der Besitzer des Autos, welche Informationen geteilt werden.

Bezüglich der technischen Sicherheit des Systems sind wir sehr aktiv. Wir arbeiten eng mit Telekommunikationsanbietern zusammen, die die Datenübertragung bereitstellen

 

Anwendungen von Amodo

Anwendungen von Amodo für Smartphone, Tablet oder Desktop-PC

 

Amodo ermöglicht es Fahrern mittels eines spielerischen Ansatzes sicherer zu werden. Wie kann ich mir das vorstellen?

Wir haben bereits während der ersten Tests gemerkt, dass es nicht sonderlich erfolgreich ist, die Fahrer zu sichererem Fahren einfach nur zu belehren. In der Regel denken die Leute, dass sie bereits gute Fahrer sind, zeigen gewisse Widerstände gegen Ratschläge und ignorieren die Vorschläge unseres Systems. Also haben wir uns einen anderen Ansatz überlegt. Da der Großteil der Autofahrten in der Regel recht eintönig für die Fahrer sind (z.B. sich ständig wiederholende Strecken zur Arbeit, zur Schule der Kinder etc.), entwickelten wir kleine Challenges und Wettkämpfe, um die Fahrer zu unterhalten. So steigt wieder das Interesse der Autofahrer am Fahren selbst und wir bekommen die Möglichkeit, Nachrichten zum Thema Sicherheit zu platzieren oder sogar das chronische Fehlverhalten einiger Fahrer zu verändern.

 

Wie kann so eine Aufgabe aussehen?

Das hängt ganz von unseren Kunden ab, sie können die Aufgaben selbst bestimmen und initiieren. Ein Fahrer kann sich beispielsweise einem Team zuordnen und dann beginnt ein „Wettrennen zum Mond“. Das Team, das zuerst die Entfernung zum Mond in Kilometern zurückgelegt hat, gewinnt. Allerdings werden nur gefahrene Kilometer mit einem Sicherheitswert von 90 Prozent gezählt.

 

Das ist ja eine spannende Idee! Können auch Versicherer diesen Ansatz nutzen?

Versicherer können insofern profitieren, als unser System flexibel programmiert ist und den Wünschen der Kunden bzw. den Erfordernissen der Märkte angepasst werden kann. Das macht es für die Kunden nützlich und unterhaltsam zugleich. Zudem öffnet sich ein neuer Kommunikationskanal zum Kunden, was angesichts der Tatsache, dass Versicherer derzeit im Durchschnitt etwa einmal pro Jahr mit ihren Kunden kommunizieren, eine gute Sache ist.

 

Also richten sich Eure Lösungen neben der Automobil- und Logistikbranche, insbesondere auch an die Versicherungswirtschaft. Wie sieht die Kooperation hierbei aus?

Ja, auch wenn unsere Lösung verschiedene Module für unterschiedliche Stakeholder bereithält, ist sie für Versicherungen bisher am weitesten entwickelt. Wir bieten Versicherern eine schlüsselfertige Lösung, die es ihnen ermöglicht, verhaltensbasierte Versicherungsprodukte schnell und effizient einzuführen. In der Regel startet eine Versicherung zunächst ein kleines Pilotprojekt mit unserem System, um es kennenzulernen und zu sehen, wie es für eigene Projektideen genutzt werden kann. Dabei begleiten wir die Unternehmen während des gesamten Prozesses, um mit ihnen die beste Markteintrittsstrategie zu entwickeln.

 

Was war der ausschlaggebende Grund für die Gründung von Amodo? Gab es besondere Herausforderungen, denen Ihr Euch stellen musstet?

Amodo ist ein Spin-off von Studio Revolucija, einer Softwarefirma mit zwölf Jahren Erfahrung. Einer unserer Kunden war die Volvo Car Corporation. Dadurch kamen meine Kollegen und ich mit der Automobilindustrie und der Richtung, in die sie sich entwickelte, in Kontakt. Ein paar Jahre später haben wir ein Gerät für das vernetzte Auto entwickelt und verschiedenen Partnern vorgestellt. Aufgrund des positiven Feedbacks und der Erkenntnis, dass unsere Entwicklung unterschiedliche Funktionen erfüllen kann, entschieden wir 2013 Amodo zu gründen.

Die größte Herausforderung war dabei die Finanzierung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit, bevor wir eigene Kunden hatten. Dazu haben wir zunächst die Einnahmen von Studio Revolucija verwendet, wussten aber, dass das nicht ewig so weitergehen konnte. Wir mussten also schnell erste Kunden und Partner finden.

Interessanterweise startete unser erstes Projekt dann in einem ausländischen Markt – in Bulgarien. Heute führen wir Projekte europaweit durch, können uns selbst finanzieren und verfügen über ein stabiles Einkommen. Natürlich möchten wir aber gern weiter expandieren und suchen derzeit nach Investoren mit deren Hilfe dies möglich wird.

 

Das Team von Amodo

Das Team von Amodo

 

Wie sehen Eure Zukunftspläne speziell für den deutschen Markt aus?

Der deutsche Markt ist sehr groß und wohlhabend und deshalb natürlich von großem Interesse für uns. Wir haben bereits einige Kunden, die unsere Lösungen testen, suchen aber nach weiteren, um unser Angebot auszubauen. Das ist besonders wichtig, da wir gern ein vernetztes Automobil-Ökosystem schaffen möchten, das dem Endkunden weitere Vorteile bietet.

 

Eine gute Überleitung zu meiner letzten Frage: Wie wird die Zukunft von Telematik-Anwendungen und autonomen Fahrzeugen Deiner Meinung nach aussehen?

Autonome Fahrzeuge werden ausschließlich von den „Großen“ der Branche entwickelt werden, also werden diese auch ihre eigene Zukunft bestimmen. Im Telematikbereich sehe ich jedoch kleinere Unternehmen, die mit innovativen Lösungen punkten können. Wir sprechen hier von einem noch recht neuen Industriezweig, was bedeutet, dass einige der ganz großen Leistungsanbieter der Zukunft vielleicht noch gar nicht gegründet sind. Diese Entwicklung stellt bestehende Wirtschaftszweige wie Versicherungen, Autoservices, Pannenhilfen, Leasing- und Mietwagenunternehmen vor neue Herausforderungen. All diese Unternehmen müssen sich den neuen Gegebenheiten anpassen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

 

Hinweis

Die Interviewreihe „Start-ups in der Versicherungsbranche“ entsteht im Rahmen unseres alljährlich stattfindenden Partnerkongress der Versicherungsforen Leipzig. Wie auch schon im letzten Jahr steht dieser im Zeichen der Innovation. Neben zahlreichen Akteuren der Versicherungsbranche, begrüßen wir zudem einige Start-ups, die den Versicherungsmarkt mit ihren Produkten innovieren wollen. Auf unserem Fachblog für die Assekuranz stellen wir alle zwei Wochen ein neues Start-up vor und werfen dabei einen Blick hinter die Kulissen.

Die Interviews finden Sie in unserer Rubrik „Innovation & Trend“.


 

Magdalena Dröse
Magdalena Dröse unterstützt seit 2013 das Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig. Neben ihren redaktionellen Tätigkeiten für das Online-Wissensportal und die Themendossiers der Versicherungsforen Leipzig, ist sie für die Betreuung der Forenpartner verantwortlich. Zudem unterstützt sie die Fachteams bei der Erstellung von Studien und Whitepapern.