Neben Prozessoptimierung, Industrialisierung und Digitalisierung kommt für viele deutsche Versicherer jetzt der Effizienzkiller: 90 Prozent der Assekuranzen melden im Zuge der Umsetzung von Solvency II Schwierigkeiten bei der automatisierten Berichterstellung. Erforderliche Informationen tragen die Projektteams häufig per Hand zusammen und befüllen selbst modernste Reporting-Tools mit Hilfe von Excel-Listen. Ein halbes Jahr vor dem Stichtag fehlt noch die richtige Antwort auf das Schachgebot der Regulierer, wie die aktuelle PPI-Studie „Reporting unter Solvency II“ belegt.

54 Prozent der Verantwortlichen gehen sogar davon aus, dass die Komplexität beim Thema Automatisierung während des Regelbetriebs noch zunimmt. Eine Befürchtung, die eng damit verknüpft ist, betrifft das Einhalten der teilweise knapp bemessenen Fristen für Berichte. Zwei Drittel der Befragten rechnen damit, dass diese Prozesse ab Januar 2016 zu mehr Stress im laufenden Betrieb führen. Kein Wunder: Künftig müssen alle Versicherer im Euroraum der Aufsichtsbehörde neben Jahres- auch Quartalsberichte vorlegen, damit sich die Einhaltung der gravierend verschärften Eigenkapitalregeln überwachen lässt. Nur knapp ein Drittel der Versicherungsunternehmen befindet sich nach eigener Einschätzung bereits auf der Zielgeraden.

 

Automatisierung heißt passgenaues Datenmanagement

Die drei Erfolgsfaktoren: Qualität, Qualität, Qualität

Betriebskosten im Blick

 

 

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Automatisierung heißt passgenaues Datenmanagement

Der Teufel steckt, wie so häufig, im Detail. Viele Versicherungshäuser verfügen inzwischen über mächtige Data-Warehouse-Strukturen, haben redundante Datenspeicher abgebaut und zahlreiche Anwendungssysteme in ihrer Systemlandschaft miteinander verknüpft. Das ist zwar vorbildlich im Sinne transparenter Abwicklungsprozesse oder eines „Global Management View“. Hinderlich jedoch, wenn nicht-denkende Maschinen die Daten möglichst automatisiert und konsolidiert an die Aufsicht übermitteln sollen. Dabei gilt die eigentliche Berichtsauslieferung als weitgehend unkritisch. Nur 34 Prozent betrachten diesen Prozess als verbesserungsbedürftig. Anders sieht es dagegen bei der Datenbewirtschaftung aus. Gerade mal 38 Prozent vergeben beim Automatisierungsgrad in diesem Bereich bestenfalls die Note „gut“. 86 Prozent betrachten die Umsetzung dieses Prozessaspekts als schwierig oder sogar sehr schwierig. Ein Grund liegt in den IT-Strukturen, die sich inzwischen als sehr komplex erweisen und somit schwerer zu verwalten sind. Man könnte auch sagen: Viele IT-Infrastrukturen sind „over-engineered“.

Nicht zuletzt wegen der Performance müssen die Versicherer jetzt damit beginnen, ihre Systemlandschaft auf die Reporting-Anforderungen abzustimmen. Das erfordert im Wesentlichen einen klaren Blick auf das Endprodukt. Die Kernfragen lauten: Wie häufig muss das Reporting erfolgen? Und welche Quell- und Hostsysteme sind betroffen? Denn anders als bisher ist es mit einem Batchlauf zum Jahresende nicht mehr getan. Jetzt sind IT-Systeme gefragt, die Berichte im laufenden Tagesgeschäft erzeugen können. Spätestens im Solvency-Regelbetrieb zahlt sich daher eine intensive Definitionsleistung über die tatsächlichen Anforderungen aus. Der große Sprung nach vorn ist dabei häufig gar nicht notwendig. Moderne DWH-Lösungen zeichnen sich durch hohe Flexibilität auch für künftige Erweiterungen aus.

Die drei Erfolgsfaktoren: Qualität, Qualität, Qualität

Entscheidend für den Erfolg sind vielmehr qualitativ hochwertige Daten. Bei den Merkmalen Korrektheit, Vollständigkeit und Angemessenheit sieht die überwiedende Mehrheit bereits gute Ergebnisse. Als sehr gut bezeichnen jedoch nur 28 Prozent ihre Datenkorrektheit. Bei Vollständigkeit und Angemessenheit fällt diese Bewertung rapide auf nur noch 14 und zehn Prozent ab. Die Gefahr: Selbst bei guter Datenqualität sieht sich der Regulator möglicherweise veranlasst, noch strengere Vorgaben bei Art und Güte der Informationen zu machen. Dann verlieren die Versicherer derzeit noch vorhandene Gestaltungsspielräume und sind zu Umsetzungen gezwungen, die teuer und im schlimmsten Fall sogar gänzlich inkompatibel zur bestehenden Systemarchitektur sind. Ebenfalls denkbar sind höhere Auflagen und mehr Kontrollen. Das wirkt sich ebenso negativ auf die Gesamteffizienz aus.

Diese Dramatik haben die Versicherer zumindest teilweise erkannt. Im Regelbetrieb wollen die Verantwortlichen neben der Automatisierung auch Kontrollmöglichkeiten schaffen, um die Regulierungsumsetzung bestmöglich zu unterstützten. Konkret setzt fast die Hälfte der Versicherungen auf die Einbindung Dritter zur Regulierungsüberwachung. Änderungen durch EU-Aufsicht (E-I-O-P-A) oder BaFin sollen sich dadurch leichter in den Systemen und Prozessen widerspiegeln lassen. Entsprechend konfigurierte IT-Systeme erlauben dafür eine automatische Dokumentation, um zu belegen, dass die Berichterstellung zu jeder Zeit den jeweils gültigen Regeln entsprochen hat. Unter das Stichwort Compliance fällt zudem die von fast 60 Prozent als wichtig oder sehr wichtig eingestufte Dokumentation für Mitarbeiter, die nicht unmittelbar am Solvency-II-Projekt beteiligt gewesen sind. Vor diesem Hintergrund fällt den Metadaten eine besondere Bedeutung zu, um Veränderungen bei Quellsystemen oder Berechnungsgrundlagen transparent zu machen. Das erleichtert die Zusammenstellung von ORSA und Solvenz-Bericht und ermöglicht Ad-hoc-Auskünfte zum methodischen Vorgehen.

Betriebskosten im Blick

Unter Effizienzgesichtspunkten stehen IT- und Ablauforganisation vor der Aufgabe, möglichst viele Automatisierungsprozesse bereits während der Umsetzungsphase zu entwickeln. Eine Implementierung kann gegebenenfalls nachfolgen, solange die Qualität der neu entwickelten Prozesse so gut ist, dass sich Effizienzvorteile im Regelbetrieb einfahren lassen – denn das trägt später zu einer signifikanten Kostenreduzierung bei. Aktuell geht nur jeder siebte Versicherer davon aus, alle Arbeitsschritte aus der Vorbereitungsphase ab 2016 in den Regelbetrieb überführen zu können. 48 Prozent rechnen damit, zumindest die Mehrzahl der Arbeitsschritte übernehmen zu können. Vier von zehn Versicherungsunternehmen sehen sich jedoch mit einer Quote von 50 Prozent oder weniger konfrontiert. Hier gilt es, die nötige Vorarbeit zu leisten, um Prozesse und IT mit möglichst geringer Verzögerung Solvency-II-fähig zu machen. Sonst ersticken diese Unternehmen an zu hohen Betriebskostenquoten für die „regulatorische Grundlast“.


Torsten Gillessen
Torsten Gillessen (Jahrgang 1970) ist seit Januar 2011 Partner bei der PPI AG und verantwortet dort die Geschäftsbereiche Aktuariat und Prozess-/Projektmanagement. Seine Schwerpunkte liegen bei regulatorischen Themen wie Solvency II sowie im Produkt- und Risikomanagement. Der diplomierte Mathematiker hat zuvor für die Unternehmensberatung agens Consulting GmbH gearbeitet und bis 2007 in verschiedenen Positionen für die AXA Krankenversicherung AG und RheinLand Lebensversicherung AG.