Anfang dieses Jahres machte die Eröffnung der ersten deutschen Scharia-Bank Schlagzeilen. Die Kuveyt Türk Bank eröffnete Mitte März mit Sitz in Frankfurt. Der Generalbevollmächtigte, Ugurlu Soylu, gab dabei zu verstehen, dass die ca. 4 Millionen Muslime in Deutschland nicht die einzige Zielgruppe seien. Als Kunde sei jeder willkommen, der die nachhaltigen Leitlinien der Bank unterstützen möchte. Doch was unterscheidet Islamic Banking“ von konventionellen Banken? Der wohl wichtigste Unterschied ist der Verzicht auf Investitionen in bestimmten Geschäftsfeldern. Hinzu kommt das vom Koran auferlegte Verbot von Zinsen und spekulativen Geschäften.

 

 

Versicherungen werden Schariakonform

Takaful-Versicherungen auf dem Vormarsch

Hat takaful eine Zukunft in Europa?

 

Muslim Man Praying At Mosque

Versicherungen werden Schariakonform

Die Eröffnung der ersten deutschen Scharia-Bank zeigt, dass der Trend der islamischen Finanzierung nun auch auf Europa übergeschwappt ist. Neben islamischen Banken sind vor allem schariakonforme Versicherungen – auch takaful genannt – ein interessanter Aspekt des islamischen Finanzwesens. Takaful ist arabisch und bedeutet übersetzt „gegenseitige Solidarität“. Dies beschreibt das Prinzip islamkonformer Versicherungen ziemlich treffend, denn die Mitglieder einer Takaful-Versicherung haften alle füreinander. Dazu wird in einen gemeinsamen Fonds eingezahlt. Der Versicherer sammelt auf diese Weise Rücklagen für zukünftige Schadenfälle. Gewinne, die darüber hinaus erwirtschaftet werden, werden wieder an die Mitglieder ausgezahlt. Risiken und Gewinne werden somit zwischen allen Beteiligten geteilt. Das Versicherungsunternehmen fungiert lediglich als Verwalter und erhält dafür von den Kunden Gebühren. Takaful befolgt somit die Prinzipien der gegenseitigen Verantwortung und Kooperation.

Doch warum kommen für Muslime konventionelle Versicherungen nicht in Frage?
Bei konventionellen Versicherungsverträgen, speziell der Lebensversicherung, wird dem Kunden eine Rendite in Aussicht gestellt. Dies verstößt gegen den Grundsatz des Riba. Demnach ist jede Art einer festen Gewinngarantie sowie das Erheben und Auszahlen von Zinsen nicht zulässig. Riba ist sogar als eine der sechs Todsünden im Koran verankert und dessen Vermeidung daher für Muslime unerlässlich. Weiterhin sind auch das Glücksspiel (Maysir) und übermäßige Spekulationen (Gharar) verboten. Eine wichtige Rolle spielt zudem die Tatsache, dass konventionelle Versicherungen vom Wunsch nach Profit angetrieben werden.

 

Takaful-Versicherungen auf dem Vormarsch

Die Nachfrage nach Takaful-Versicherungen steigt weltweit kontinuierlich, insbesondere in den islamisch geprägten Märkten. Versicherungen waren in islamischen Ländern lange Zeit nicht vorzufinden, da davon ausgegangen wurde, dass sie sich nicht mit den vorherrschenden religiösen Regeln vereinbaren ließen. Dies änderte sich im Jahr 1979, in dem die weltweit erste Takaful-Versicherung im Sudan etabliert wurde. Mittlerweile gilt Saudi Arabien als der größte Markt für islamische Versicherungen. So werden fast 50% der globalen Einnahmen des Takaful-Versicherungswesens in Saudi Arabien erwirtschaftet.

 

Takaful in Zahlen

Quelle: Global Takaful Insights 2014, http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/EY_Global_Takaful_Insights_2014/$FILE/EY-global-takaful-insights-2014.pdf

 

Ein wichtiger Markt sind darüber hinaus die ASEAN-Staaten (Association of Southeast Asian Nations), wie aus der Grafik hervorgeht, die die globalen Bruttoeinnahmen im Jahr 2014 nach Regionen darstellt. Insbesondere Malaysia und Indonesien tragen dazu bei, dass die ASEAN ein Drittel des Marktes einnehmen. Begünstigt wird dies durch zahlreiche Faktoren. So haben diese Länder eine junge, ausgeprägt muslimische Bevölkerung mit guten Jobperspektiven, die eine attraktive Zielgruppe für Versicherer darstellt. Hinzu kommen ein stabiles und dynamisches Wirtschaftswachstum.

 

Hat takaful eine Zukunft in Europa?

In Europa sind Takaful-Versicherungen bislang kaum verbreitet, das dürfte sich aber ändern. In Europa leben zurzeit ca. 53 Millionen Muslime, die als Kundenkreis in Frage kommen. Hinzu kommt, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Versicherungen in Europa weitaus ausgeprägter ist als in Asien und Afrika. Aus diesem Grund treffen Takaful-Versicherungen in Europa auf informiertere und kritischere Kunden, für die Versicherungen nichts Exotisches, sondern eine Notwendigkeit sind. Das starke Wachstum in den islamischen Gebieten führte bereits dazu, dass sich konventionelle Versicherer an dem Konzept beteiligen. Die Versicherer Axa, Allianz, Aviva und UK Prudential haben das bereits getan und bieten in den Hauptmärkten Takaful-Versicherungen an. Auch Rückversicherungsgiganten wie Munich Re, Hannover Rück und Swiss Re haben mittlerweile Re-takaful-Lösungen in ihrem Sortiment. Zwar agieren sie damit noch außerhalb ihres Heimatmarktes, doch können sie so die erforderliche Expertise aufbauen, um Takaful-Versicherungen auch im eigenen Markt anzubieten. Experten gehen sogar davon aus, dass die Entwicklung des Takaful-Versicherungswesens in Europa rasanter vonstattengeht als in den muslimischen Ländern des Nahen Ostens. Voraussetzung dafür ist, dass die richtigen Produkte in Kombination mit einem geeigneten Maß an Regulierungen eingeführt werden. Aufgrund der hohen Transparenz der Versicherungsverträge sowie der Vermeidung von Investitionen in bestimmte Industriezweige, wie z.B. Alkohol, ist diese Art der Versicherung nicht nur für muslimische Kunden interessant. Vielmehr können als Zielgruppe auch Menschen mit einem hohen ethischen Bewusstsein gelten. Erste Versuche dies umzusetzen, existieren bereits. So entstand die erste europäische Takaful-Versicherung 2002 in Luxemburg. Die größten Möglichkeiten werden, aufgrund der Konzentration von muslimischen Communities in diesen Ländern, Deutschland, Frankreich und der UK prognostiziert. (Quelle: Perspectives in Europe: http://www.worldcommercereview.com/publications/article_pdf/790)

 

Wie schätzen sie diesen Trend ein? Handelt es sich bei Takaful-Versicherungen um einen relevanten Markt?


 

 

Julia Ende
Julia Ende war 2014 bis 2017 im Team „Unternehmenskommunikation und Partnerbetreuung" der Versicherungsforen Leipzig als Werkstudentin tätig. Sie unterstützte die redaktionellen Arbeiten für den Trendletter der Versicherungsforen Leipzig sowie die Betreuung der Forenpartner und die redaktionelle Pflege der Webseite.