Prof. Karel Van Hulle, Professor an der KU Leuven sowie der Goethe-Universität Frankfurt und ehemaliger Leiter des Referats „Versicherungen und Altersversorgung“ bei der Europäischen Kommission, stand uns – wenige Monate vor dem Start von Solvency II – für ein Interview zur Verfügung. Am 19./20. Mai diesen Jahres haben wir das Vergnügen, Prof. Van Hulle auf dem 4. Messekongress „Finanzen & Risikomanagement“ begrüßen zu dürfen. Einen Vorgeschmack auf seine Keynote zum Thema „Solvency II: die letzte Meile“ gibt er uns bereits im Interview. 

 

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Prof. Karel Van Hulle – Professor an der KU Leuven, der Goethe-Universität Frankfurt und ehemaliger Leiter des Referats „Versicherungen und Altersversorgung“ bei der Europäischen Kommission

 

Sie waren bei der Europäischen Kommission über viele Jahre hinweg an der Entwicklung und Vorbereitung von Solvency II beteiligt. Was sind die wichtigsten „Lessons Learned“, die Sie aus einem solchen europäischen Großprojekt, das viele verschiedene Parteien involviert, mitnehmen?

Die Ausarbeitung von Solvency II war eine große Herausforderung. Für mich war es wichtig, dass alle betroffenen Parteien sehr eng an der Ausarbeitung mitwirken konnten. Ich glaube, dies hat auch funktioniert. Vielleicht hätte man die Rahmenrichtlinie etwas ausführlicher gestalten müssen. So hätte vielleicht vermieden werden können, dass nachher viele detaillierte Vorschriften erlassen wurden.

 

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Marktbereinigung durch Solvency II? Sehen Sie dies eher als Gefahr oder als etwas, was ohnehin notwendig wäre?

​Das Thema einer möglichen Marktbereinigung durch Solvency II ist nicht neu. Diese Befürchtung hat es schon immer gegeben. Sie wurde ausdrücklich in dem „Impact Assessment“ des Kommissionsvorschlags von 2007 angesprochen. Wir wollten eine solche Marktbereinigung vermeiden. Eine gewisse Konsolidierung im Versicherungsmarkt war jedoch bereits im Gange, unabhängig von Solvency II. Die Finanzkrise und die niedrige Zinsrate haben auch hier eine Rolle gespielt. Nichtdestotrotz glaube ich nicht, dass Solvency II eine echte Marktbereinigung mit sich bringen wird.

 

Welchen Ratschlag haben Sie für kleinere Unternehmen, bei denen Unklarheit darüber besteht, wie sie das Proportionalitätsprinzip unternehmensgerecht anwenden können?

​​Das Proportionalitätsprinzip richtet sich nicht nur an die kleineren Unternehmen, denn es verweist auch auf die Komplexität des Unternehmens. Wenn ein kleines Versicherungsunternehmen jedoch komplizierte Versicherungsgeschäfte betreibt, darf es sich nicht auf das Proportionalitätsprinzip berufen, um diese Geschäfte weniger transparent machen zu dürfen. Das Proportionalitätsprinzip ist zum Teil in den Gesetzestexten eingebaut. Im Bereich der Berichterstattung ist das zum Beispiel der Fall. Kleinere Unternehmen können mit Hilfe des Proportionalitätsprinzips auch ihre Organisationstruktur einfacher gestalten und die verschiedenen Governance-Funktionen kombinieren. In Absprache mit der BaFin muss jedes Unternehmen für sich selbst beurteilen, inwieweit es sich auf das Prinzip berufen kann. Auf keinen Fall kann ein Unternehmen das Prinzip jedoch heranziehen, um die Einhaltung einer gesetzlichen Vorschrift zu umgehen.

 

Wie gut vorbereitet schätzen Sie die Versicherer acht Monate vor dem Start von Solvency II ein? Die Vorbereitungsphase verfolgt ja das Ziel, den Übergang in die neue Aufsichtswelt zu vereinfachen. Wie gut konnte und kann dieses Ziel Ihrer Meinung nach erreicht werden?

Das ist schwer zu beurteilen. Ich gehe davon aus, dass eine große Mehrheit der Unternehmen sich gut vorbereitet hat. Selbstverständlich wird es immer Unternehmen geben, die noch immer glauben, dass die Anwendung von Solvency II weiter verschoben wird. Dies wird nicht der Fall sein.

 

In Kürze müssen die Versicherer die ersten Säule 3-Berichte (RSR, QRT) bei der Aufsicht einreichen. Wo liegen hierbei Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Unternehmen?

Ich glaube, dass die größte Herausforderung die Anpassung der IT-Systeme ist. Die EIOPA hat hier Hilfsmittel bereitgestellt. Das dürfte den Übergang zu größerer Transparenz erleichtern.

 

Solvency II bringt nicht nur für die Versicherer, sondern auch für die Aufsichtsbehörden Herausforderungen mit sich. Können alle europäischen Aufsichtsbehörden die Beaufsichtigung der Unternehmen gemäß Solvency II ab dem 1. Januar 2016 sicherstellen? Welche Rolle wird die EIOPA hierbei spielen (z.B. durch Unterstützung, Sanktionen etc.)?

Die Einführung von Solvency II wird in der Tat auch für die nationalen Aufsichtsbehörden eine große Herausforderung. Die von der EIOPA verabschiedeten Vorbereitungsrichtlinien haben die Aufsichtsbehörden dazu „gezwungen“ sich schon frühzeitig einzuarbeiten. Das war eine gute Strategie. Man darf aber die Komplexität des neuen Regelwerks nicht unterschätzen. Es wird bestimmt einige Jahren dauern, bis die neuen Regeln von allen betroffenen Unternehmen und Aufsichtsbehörden richtig verstanden und angewendet werden. Die EIOPA wird sich auch darum bemühen zu vermeiden, dass 28 verschiedene Arten von Solvency II entstehen. Das ist ein Grund, warum so viele Ausführungsbestimmungen erlassen wurden. Persönlich bin ich der Meinung, dass es besser ist nicht alles schon vom Anfang zu regeln. Die Unternehmen und auch die Aufsichtsbehörden brauchen Zeit, um sich anzupassen.

 

Kann mit Solvency II auf längere Sicht tatsächlich eine vollständige Harmonisierung des Aufsichtsrechts in allen europäischen Mitgliedsstaaten erreicht werden? (Beispielsweise beinhaltet die Übernahme von Solvency II in das deutsche Recht Anforderungen, die über die europäischen Vorgaben hinausgehen.) Für wie wichtig erachten Sie eine solche vollständige Harmonisierung?

Solvency II wurde als ein einheitliches Regelwerk angedacht. Es gibt in der Rahmenrichtlinie wenig Wahlrechte für die Mitgliedstaaten. Das war beabsichtigt. Die Kommission sollte sehr genau überprüfen, dass die Mitgliedstaaten sich an die Bestimmungen der Richtlinie halten. Der Vorteil eines einheitlichen Regelwerks ist, dass eine Überregulierung vermieden werden kann und dass sowohl die Unternehmen als auch die Aufsichtsbehörden eine einheitliche Sprache sprechen. Eine vollständige Harmonisierung wird nicht vom ersten Tag an erreicht werden. Ich bin aber optimistisch, dass Solvency II einen wesentlichen Beitrag zu der Gestaltung eines europäischen Binnenmarktes im Versicherungsbereich liefern wird. Es gibt keinen Grund, warum man im Versicherungsbereich hinter dem Bankenbereich zurückbleiben sollte.


 

Franziska Bach
Franziska Bach ist seit 2006 für die Versicherungsforen Leipzig tätig. Im Kompetenzteam „Finanzen und Risikomanagement“ beschäftigt sie sich mit den Themen Risikomanagement und Solvency II. Sie betreut die User Groups „Solvency II“ und „Kapitalanlagemanagement im Versicherungsunternehmen“ sowie den Messekongress „Finanzen und Risikomanagement“. Zudem ist sie Ansprechpartnerin für die Seminare „Solvency II“ der Versicherungsforen Leipzig.