In meinem letzten Beitrag standen Standards im Zuge der Prozessdigitalisierung – konkret das GDV-Schadennetz und Normungsprojekt des BiPRO – im Fokus. Heute möchte ich näher auf die internen Herausforderungen sowie die Vorteile von BPM-Tools eingehen.

 

Interne Prozesse als Herausforderung

BPM-Tools als Prozesstreiber und technische Integratoren

Den Weg konsequent weitergehen

 

boy drawing cloud network on the wall

boy drawing cloud network on the wall© joneshon – Fotolia.com

Interne Prozesse als Herausforderung

Die genormte externe Kommunikation ist nur ein Aspekt der Digitalisierung, der andere zielt auf die internen Prozesse der Versicherungsunternehmen ab. Eine „Smart Claim Factory“ impliziert ein übergreifendes Straight-Through-Processing und genau hier liegt aus meiner Sicht eine große Herausforderung. Betrachtet man die Systemlandschaften der Versicherungskonzerne, sind diese oft von heterogenen Systemen geprägt. Die Konsequenz sind erhebliche Spreizungen bezüglich

– dem Alter der Anwendungen (z.T. über 40 Jahre alte Legacy-Systeme),

– technologischer Implementierungsstacks
(ein munteres Miteinander von COBOL über Java, C# und vielem mehr) und

– der Interoperabilitätsfreudigkeit.

Hinzu kommt, dass bei der Schadenregulierung fast alle Back-Office-Systeme eingebunden sind. Hier kann ich mich noch gut an die Aussage eines Fachverantwortlichen im Rahmen eines Schadenprojektes erinnern: „Der Schaden ist die Spinne im Netz, wir haben Schnittstellen zu eigentlich allen übrigen Systemen“.

 

BPM-Tools als Prozesstreiber und technische Integratoren

Für die Umsetzung der unternehmensübergreifenden Schadenprozesse bietet sich der Einsatz einer Business-Process-Management-Suite (BPM-Suite) an. Diese glättet die Heterogenität der Back-Office-Systeme über entsprechende Interoperabilitäts-Adapter. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, standardisierte Schnittstellen, z.B. des GDV oder des BiPRO, in Form von zentralen Prozessbausteinen einmalig zu implementieren und bereitzustellen. Bei der Prozessmodellierung können diese dann sehr einfach eingebunden werden (Drag-and-drop). Idealerweise verfügt die BPM-Suite über eine integrierte Prozessmodellierung und -automatisierung – ohne Medienbrüche bzw. die Notwendigkeit einer zusätzlichen, separaten Implementierung der modellierten Prozesse. Weitere Vorteile einer integrativen BPM-Suite sind:

– Verschmelzung von Dialogen externer Systeme (z.B. Host-System) im User Portal der Schadensprozesse mit direktem und damit konsistentem Datenaustausch,

– frei konfigurierbare, dynamische Lastensteuerung und Auftragsverteilung (auch standortübergreifend),

– Flexibilisierung von Systemanpassungen in Produktion, z.B. mittels integrierter Rules Engine (einfache Pflege der Workflow-Steuerung durch Regelanpassungen direkt durch den Fachbereich),

– Echtzeitmonitoring über die Aktivitäten der einzelnen Prozesse,

– Modellierung und Automatisierung von Schadensprozessen durch den Fachbereich – auch ohne Hilfe der IT.

Hier sehe ich für Versicherer noch sehr viel Luft nach oben. Natürlich werden in der Praxis bereits BPM- bzw. Workflow-Tools zur Abbildung von Schadenprozessen eingesetzt – häufig einhergehend mit einem integrativen Dokumenten-Management-System. Nachholbedarf besteht aus meiner Sicht insbesondere bei der medienbruchfreien Integration von Modellierungs- und Ablaufkomponenten, bei Standardprozessbausteinen für die besagten externen Schnittstellen sowie in Flexibilisierungsoptionen von einfach zu pflegenden Regelwerken.

 

Den Weg konsequent weitergehen

Spannen wir den Bogen zurück zum Thema Industrie 4.0 – zuletzt wieder aktuell auf der CeBIT diskutiert. Was hier noch gänzlich fehlt? Standards für die Interaktion der Dinge. Die Deutsche Telekom und die SAP haben gerade erst angekündigt, ein Konsortium für die Entwicklung auf die Beine zu stellen. Nicht zuletzt, weil Deutschland droht, den internationalen Anschluss zu verlieren. Das betonte auch Reinhard Clemens, CEO der Telekom-Tochter T-Systems, im Februar auf der Düsseldorfer VDI-Tagung: „Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen, um uns pragmatisch schnell auf Standards zu einigen. Das IIC (Industrial Internet Consortium) kommt pragmatisch voran, dort wird nicht großartig standardisiert, sondern es werden Quasi-Standards gesetzt. Wir müssen aufpassen, dass wir hier gegen den Pragmatismus der Amerikaner nicht verlieren“. Bezogen auf die „Smart Claim Factory“ sind wir im Versicherungswesen schon wesentlich weiter: Standards sind gelegt und in der Praxis getestet. Jetzt heißt es, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen – sowohl in der externen als auch der internen Kommunikation.


Wigbert Tabarelli
Der Diplom-Betriebswirt Wigbert Tabarelli absolvierte vor seinem Studium eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann sowie eine Qualifizierung zum Versicherungsfachwirt. Bei der PASS Consulting Group leitet er seit 1991 die Business Unit Insurance, die Services und IT-Lösungen für Versicherungen und Versicherungsmakler bündelt. Sie verfügt neben der klassischen Beratungs- und Projektkompetenz über eigene Standardsysteme. Als verantwortlicher Produktmanager verantwortet Wigbert Tabarelli sowohl die Weiterentwicklung als auch die Kundenbetreuung.