2013 wurde Deutschland innerhalb von elf Jahren zum zweiten Mal von einer sogenannten „Jahrhundertflut“ heimgesucht. Aufgrund der spürbaren klimatischen Veränderungen und der zunehmenden Bebauungsdichte in sogenannten hochwassergefährdeten Gebieten steigen der Versicherungsbedarf sowie das potentielle Schadenausmaß. Da aufgrund des Klimawandels auch in Zukunft mit vergleichbaren Katastrophen zu rechnen ist, kommen immer wieder Diskussionen um eine mögliche Pflichtversicherung im Elementarschadenbereich auf. In meinem Beitrag möchte ich das „Für“ und „Wider“ einer Pflichtversicherung diskutieren und auf den aktuellen Versicherungsstand in Deutschland eingehen.

 

Wie gut sind die Deutschen vor Naturkatastrophen versichert?

Diskussionen um eine Pflichtversicherung

Public Private Partnerships – Der perfekte Kompromiss?

 

Wie gut sind die Deutschen vor Naturkatastrophen versichert?

Das Hochwasser im Jahr 2013 verursachte mehr als 180.000 versicherte Schäden mit einer Gesamtschadensumme von circa zwei Milliarden Euro. Damit waren für die Versicherer gut 200 Millionen Euro mehr zu tragen als nach dem Elbhochwasser 2002. Allerdings sind heute auch wesentlich mehr Haushalte gegen Elementarschäden abgesichert als noch vor elf Jahren (33 Prozent 2013 vs. 19 Prozent 2002). Dennoch kann nicht von einer flächendeckenden Elementarschaden-Absicherung gesprochen werden, sodass den versicherten Schäden 2013 unversicherte Schäden in Höhe von ca. 4,7 Milliarden Euro gegenüberstehen. Auch wenn das Bewusstsein für eine individuelle Absicherung von Wohneigentum innerhalb der Bevölkerung seit 2002 gewachsen ist, besteht hier noch Luft nach oben. Laut Angaben des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) sind momentan nur rund 26 Prozent der ca. 280.000 Häuser mit der höchsten Gefährdungsstufe in Deutschland versichert.

Diese Schere hat die Diskussion um eine Elementarschaden-Pflichtversicherung erneut angefacht, insbesondere für in die Gefährdungsklasse vier eingestufte Gebäude. Während insbesondere die Länder diesen Gedanken befürworten, sprechen sich Assekuranz und Bund gegen eine Pflichtversicherung aus.

Diskussionen um eine Pflichtversicherung

Die Forderungen nach einer Pflichtversicherung für Elementarrisiken werden oft durch den Vorwurf angeführt, dass ebenjene Gebäude in risikoreichen Gebieten keinen Versicherungsschutz bekämen. Laut GDV sei dieser Vorwurf aber haltlos: Immerhin seien knapp 99 Prozent aller Häuser in Deutschland problemlos gegen Elementarrisiken versicherbar, für die restlichen rund 1 Prozent müsse eine individuelle Lösung gefunden werden.

Der Bund und die Versicherungswirtschaft sprechen sich gegen die Einführung einer Zwangsversicherung aus. Begründet wird dies vor allem mit der europäischen Deregulierung des Versicherungsmarktes von 1994 aus der hervorging, dass eine Pflichtversicherung nur zum Schutz gegenüber Dritten (bspw. Kfz-Haftpflichtversicherung) und nicht zum Schutz des eigenen Vermögens gelten darf. Sie sehen darin keine ausgleichende Gerechtigkeit für die gesamte Bevölkerung, sondern eher eine „Quersubventionierung zugunsten der Spitzenrisiken“ (Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung). Die Argumentation der Versicherungswirtschaft gegen die Einführung einer Pflichtversicherung umfasst darüber hinaus folgende Argumente:

  • Starker Anstieg der Schadenmeldungen aufgrund fehlender individueller Schadenprävention seitens der Versicherungsnehmer,
  • Aufnahme der sogenannten „schlechten“ Risiken würde zu einer Verteuerung der Policen auch für die Wohngebäude in vermeintlich niedrigeren Gefährdungsklassen führen,
  • Rückgang der baulichen Maßnahmen seitens der öffentlichen Hand aufgrund fehlender Anreize,
  • Bereits jetzt seien 99 Prozent der Wohngebäude über eine freiwillige Lösung in Deutschland versicherbar.

Public Private Partnerships – Der perfekte Kompromiss?

Unter bestimmten Bedingungen und in engem Zusammenspiel von Versicherungswirtschaft, Staat und Versicherungsnehmern im Sinne eines Public Private Partnership sind Modelle für gemeinschaftlich getragene Schäden zumindest denkbar. Ein Präventionskatalog, der sowohl vom Versicherungsunternehmen, den Versicherungsnehmern sowie dem Staat getragen wird, kann die Risiken durch Elementarereignisse eindämmen. Bei derartigen Modellen kann die Zusammenarbeit zwischen einer öffentlichen Institution und privatwirtschaftlichen Unternehmen zur Realisierung von öffentlichen Projekten gestärkt und die Höhe der Schäden minimiert werden: Die Versicherer sind angehalten, angemessene Risikoprämien zu ermitteln und den Versicherungsnehmer auf eventuelle Unterdeckungen hinzuweisen. Der Versicherungsnehmer kann durch einfache Präventionsmaßnahmen das potentielle Schadenausmaß erheblich mindern. Der Staat kann durch den Bau von Dämmen seinen Teil zur Schadenprävention und -reduzierung beitragen. Das Zusammenspiel dieser drei Parteien bildet damit eine Möglichkeit für die Entwicklung eines angemessenen Risikotragfähigkeitskonzepts für Elementarereignisse. Folgende Punkte könnte eine solche Lösung beinhalten:

  • Erhöhung der Selbstbehalte bei einer Elementarschadenversicherung für Versicherungsnehmer in risikoreicheren Gebieten,
  • Schadenprävention durch den Versicherungsnehmer mittels baulicher Maßnahmen (bspw. das Verlegen von Fliesen in den Kellerräumen),
  • Umsetzung der Hochwasserschutzmaßnahmen (bspw. Ausbau von Deichen) durch den Staat,
  • Schaffung von Poollösungen (Versicherungsunternehmen und öffentliche Hand) für risikoreichere Gebiete,
  • Verbot der Vertragsablehnung bei Antragsstellung für bereits bestehende Wohngebäude,
  • Verbot von Baugenehmigungen in nicht versicherbaren Gebieten,
  • Neustrukturierung des Zonierungssystems in sechs Gefährdungsklassen (aufgrund des Klimawandels) zur Sicherstellung einer adäquaten Risikokalkulation, die die durch den Klimawandel veränderte Risikolandschaft berücksichtigt.

Ein Kernproblem scheint jedoch noch immer ein gewisses Informationsdefizit und eine etwas verzerrte Wahrnehmung seitens der Versicherungsnehmer zu sein. Sie argumentieren, dass die zusätzlichen Kosten einer Elementarschadenversicherung, die sich je nach Wert des Gebäudes auf etwa 100 bis 300 Euro pro Jahr belaufen, zu hoch seien. Das erscheint grotesk, immerhin ist der deutsche Versicherungsnehmer durchaus bereit, für einen ähnlichen Betrag eine Vollkaskoversicherung abzuschließen, mit der ein weitaus geringerer Wert versichert wird. Darüber hinaus existieren bereits zahlreiche Versicherungsprodukte im Elementarschadenbereich, die laut Branche für alle Hausbesitzer bezahlbar sind.

Wie stehen Sie zu dem Thema „Pflichtversicherung für Elementarschäden“? Ist eine Zwangsversicherung sinnvoll oder sollte eine Versicherung auf freiwilliger Basis beibehalten werden?


 

Bastian Mörstedt
Bastian Mörstedt ist seit 2008 bei den Versicherungsforen Leipzig tätig. Bereits in seinem Studium hat der das Thema Versicherungsbetriebslehre vertieft und bringt seine Fachkompetenz heute im Team „Unternehmenskommunikation, Wissensportal und Partnerbetreuung“ ein. Neben redaktioneller Arbeit und der Forenpartnerbetreuung ist er u. a. für webadministrative Fragen zuständig.