Während die Investitionen im FinTech-Markt ihren Zenit überschritten zu haben scheinen, wird in der InsurTech-Szene weiter massiv investiert. Die Geschäftsmodelle sind vielfältig, der Erfolg ist schwer vorhersehbar. Ein Geschäftsmodell erscheint dabei allerdings besonders attraktiv, weil es zum einen die Basis für den digitalen Versicherungsassistenten legt und zum anderen das Potenzial hat eine Reihe von Technologien, wie KI (künstliche Intelligenz) und Chatbots, sowie viele andere Geschäftsmodelle, die bisher eigenständig existieren, zu integrieren: Die Rede ist vom Personal Insurance Manager, kurz PIM. Es stellt sich die Frage, entsteht hier der digitale Ersatz für den Makler?

 

Mobile Application Concept - Flat Design

 

Eine Studie von HEUTE UND MORGEN vom Mai 2016 zeigt auf: Die Kunden der Versicherer mögen keine Unzahl von Apps, die jeweils für einen speziellen Zweck gebaut wurden. Was der Kunde will, wenn er denn von Versicherungs-Apps weiß und sie grundsätzlich nutzen möchte, ist eine App für alles (64%). Und was ein Teil sich auch wünscht, ist eine App als Ersatz für den Versicherungsordner (26%).

Personal Insurance Manager, wovon es drei Varianten gibt, sind somit genau die richtige Basis, um diesen Kundenwunsch zu erfüllen. Die Grundidee ist die des digitalen Versicherungsordners. Variante eins: Internetmakler wie Clark oder Knip (Knip ist quasi schon wieder Geschichte) als Beispiel. Variante zwei: reine Softwareanbieter, die eine Vertragsverwaltungs-App anbieten. Variante drei: Anbieter, die Vermittler, meist Makler, mit einer PIM-App versorgen, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Kunden digital zu vernetzen und so zu binden. Hier sind die Pools sehr rege. Variante drei könnte man auch als Abwehrlösung für Vermittler gegen die Internetmakler bezeichnen.

Geht es nach einigen Trend- und Zukunftsforschern, dann ist die Zukunft der Versicherung rein digital. Was heute menschliche Beratung ist, soll morgen digitale Beratung sein. Eine künstliche Intelligenz soll dereinst Versicherung transparent, ehrlich und einfach machen, mit für den Kunden optimalem Ergebnis: nicht zu viel, gerade richtig versichert. Und damit wollen insbesondere InsurTechs die Versicherung revolutionieren. Disruption ist das Schlagwort.

Ganz so einfach wird das nicht werden. Und daher ist von Disruption, trotz aller vollmundiger Presseerklärungen, bisher nichts zu sehen.

Was ganz wichtig ist zu verstehen: digitale Beratung kann in den meisten Fällen nur das, was man ihr beigebracht hat, also was ein Mensch zuvor programmiert hat. Was der digitalen Beraterwelt jedoch definitiv fehlt, sind typisch menschliche Eigenschaften: Lösungsorientierung, Komplexitätskompetenz, Flexibilität, Empathie (es gibt noch lange keine Computer mit Spiegelneuronen) und ethische Grundsätze in der Beratung. Letztere mögen die InsurTechs den tradierten Beratern absprechen, was aber nicht heißt, dass InsurTechs per se ethisch rein sind. Das müssen sie erst einmal beweisen.

Ein Digitaler Versicherungsassistent, ein Versicherungs-Chat-Bot oder eine wie auch immer agierende künstliche Intelligenz (KI) müsste, um dem Anspruch zu genügen der auch an einen qualifizierten menschlichen Berater gestellt wird, noch sehr viel lernen. Ich bin daher überzeugt, dass die beste Beratung aus der Kombination eines qualifizierten Beraters mit digitaler Unterstützung entsteht.

PIM, auch als Geschäftsmodell betrachtet, sind geeignet, diese Unterstützung im direkten Kundenkontakt zu leisten. Mit ihnen erhält der Kunde seinen digitalen Versicherungsordner mit Zusatzfunktionen. Diese sind heute bei den angebotenen PIM sehr unterschiedlich ausgeprägt. Sie umfassen u.a. Vergleichsrechner, Teile der Risikoanalyse, Umdeckung von Verträgen, Terminvereinbarung mit Vermittlern, Anfragen oder die reine Schadenmeldung. Denkbar ist alles. Richtig interessant wird es, wenn die KI Einzug in die PIM hält und so beispielsweise das Auslesen von Daten aus Dokumenten möglich wird. Ein kleines Anwendungsbeispiel: Scanne den Fahrzeugschein, scanne die letzte Versicherungs-Rechnung und die KI ermittelt ein neues Angebot für die KFZ-Versicherung. Oder: Scanne die Renteninformation und die KI übernimmt die Daten in einen Rentenlückenrechner.

Zudem lassen sich auf diese Weise viele der Geschäftsmodelle der InsurTechs integrieren, wie beispielsweise Spot Insurance, situative Versicherungen, Geräteversicherungen oder Schadenmeldung per Fotos.

Kunden wollen eine Lösung für alles. Ein Schweizer Multitool für Versicherungen. PIM sind die richtige Basis dafür und deswegen aus meiner Sicht erfolgversprechend als Geschäftsmodell. Aber sie sind auf lange Sicht kein kompletter Ersatz für den Makler.

Was ist Ihre Meinung dazu? Welche Geschäftsideen, Technologien und Einflussfaktoren werden für Sie in den nächsten Jahren relevant sein? Und wie sollten Prozesse nicht nur digitalisiert, sondern neu gestaltet werden, um den Wandel zur Versicherung 4.0 erfolgreich zu meistern? In unserer Umfrage können Sie uns anonym wertvolle Impulse zum Thema „Digitalisierung der Versicherungsbranche“ geben. Die Ergebnisse der Erhebung werden nach Auswertung auf dem Blog für Sie veröffentlicht.

Hier geht es zur Umfrage.


 

Volker Andelfinger
Volker P. Andelfinger arbeitet seit Anfang 2009 als Unternehmensberater. Er ist gelernter Versicherungskaufmann und hat die klassischen Stationen Betrieb, Schaden und Vertrieb in fast 40 Jahren Berufsleben durchlaufen. Insgesamt 21 Jahre bei R+V waren geprägt von Vertriebstätigkeiten im Außendienst und über 15 Jahren konzeptioneller und strategischer Tätigkeit im Vertriebsressort des Direktionsbetriebes und der Vertriebsdirektion Makler. Er arbeitet außerdem als freier Fachjournalist und Buchautor. Andelfinger ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim und Karlsruhe, sowie für die FH Zweibrücken an der Berufsakademie des Saarlandes. Er leitet außerdem die Arbeitsgruppe Beratungsprozesse am EI-QFM. Zusätzlich verfügt er über eine Ausbildung als Psychologischer Berater (geprüfter Psychologischer Berater VfP).