Auch wenn die Assekuranz vielfach zuerst den Blick auf InsurTechs richtet, sind die Lösungen der technologiegetriebenen Player aus anderen Branchen nicht weniger interessant – selbst wenn deren Bezug zur Assekuranz nicht ganz so offensichtlich ist. Mit der Vergabe des Rockstar Awards beim diesjährigen Partnerkongress werden wir deshalb ganz bewusst neben InsurTechs auch Legal-, Health und FinTechs die Möglichkeit bieten, ihr Geschäftsmodell zu präsentieren.

Schon jetzt möchte ich Ihnen zwei Start-ups vorstellen, die mit ihren Plattform-Modellen ein Netzwerk aus verschiedenen Parteien orchestrieren. Beide Gründer arbeiten in unterschiedlichen Bereichen an einer Geschäftsidee, die das Potential hat, überproportional zu skalieren und die jeweilige Branche auf den Kopf zu stellen.

Das Wiener FinTech baningo ermöglicht seinen Nutzern eine selbstbestimmte und unkomplizierte Suche nach dem passenden Bankberater, welcher über die Plattform kontaktiert werden kann. Bei unserem zweiten Interviewpartner handelt es sich um ein norddeutsches LegalTech. Die deutschsprachigen LegalTechs verfolgen zur Zeit im Wesentlichen drei Ansätze: Sie vertreten die Rechte von Verbrauchern – prominente Beispiele an dieser Stelle sind Flightright oder Wirkaufendeinenflug –, sie vereinfachen die Bearbeitung rechtlicher Anliegen für Unternehmen oder bieten einen Marktplatz für Rechtsberatung. Letzteren Ansatz verfolgt auch das Start-up advocado, welches Mandanten und Anwälte auf seiner digitalen Plattfrom zusammenbringt. Im Interview berichten die Gründer unter anderem, warum ihre Geschäftsmodelle auch für Versicherer interessant sind.

 

max_baningo

 

Im September 2015 seid ihr mit baningo.com an den Start gegangen. Die Plattform ermöglicht Benutzern aktuell den Zugang zu mehr als 250 Beratern von 30 österreichischen Bankinstituten. Wie wird euer Service angenommen? Welches Feedback erhaltet ihr von Banken- sowie Kundenseite?

Wir bekommen tolles Feedback von unseren Usern, weil sie erstmals mit baningo selbstbestimmt auswählen und entscheiden können, wen sie wann und wie kontaktieren wollen. Darüber hinaus hören wir, wie viel Zeit und Mühe die Kunden sparen, wenn sie nicht von Bank zu Bank laufen und alles zehn Mal erzählen müssen, sondern direkt mit mehreren Beratern über ein Portal in Kontakt kommen. Das Wichtigste ist für uns, dass unsere User – die Bankkunden – begeistert sind.

Die Banken und Berater freuen sich über ihre moderne Online-Präsenz und über Kontakt zu potenziellen Neukunden. Ein Highlight war kürzlich die Vermittlung einer zwei Mio. EUR Finanzierung für eine Luxus-Immobilie an eine kleinere Regionalbank – das sind natürlich schöne Erfolge!

Wäre eine solche Plattform nicht auch für andere beratungsintensive Branchen und Produkte interessant?

Absolut! Überall wo persönliche Beratung wichtig ist, bietet sich unser hybrider Ansatz an. Zum Beispiel eine fondsgebundene Lebensversicherung als Pensionsvorsorge wird man ohne Beratung wohl kaum abschließen. Studien zeigen, dass zwar immer mehr Menschen online recherchieren, doch persönliche Beratung, gerade bei komplexeren Finanzthemen, wichtig ist. Wir verbinden die Vorteile von online und offline geschickt miteinander und verhindern den Medienbruch zwischen Online-Recherche und Offline-Beratung.

Mit baningo-select habt ihr eine White-Label-Lösung für die Finanz- und Versicherungsbranche auf den Markt gebracht. Kannst du uns kurz erläutern, was sich dahinter verbirgt?

baningo-select ist eine fix und fertige Multi-Channel-Lösung: Als White-Label kann unsere Software perfekt an das Corporate Design jeder Website angepasst werden. Darüber hinaus gibt es keinen Implementierungsaufwand! Im Mittelpunkt stehen die Beraterprofile, welche nach verschiedenen Kriterien (Standort, Fachgebiet, Sprache etc.) gefiltert werden können. Neben dem Online-Messenger zur direkten Kontaktaufnahme stehen auch eine Video-Chat-Integration, ein Online-Terminvereinbarungstool sowie spannende Statistiken zur Verfügung.

Auf eurer Internetseite stellt ihr FinTechs und Innovationen vor. Ihr berichtet über „Trends aus dem Finanzsektor“. Wie gut seid ihr mit anderen FinTechs vernetzt und wie schätzt ihr das Potential für FinTechs in der DACH-Region ein?

Die FinTech-Szene in Österreich wächst zwar, ist aber noch sehr überschaubar. Deshalb sind wir regelmäßig auf Konferenzen und Events in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, um uns zu vernetzen und auszutauschen. Das Potenzial ist im Raum DACH für FinTechs noch immer groß, denn das Finanzleben kann für Kunden noch einfacher und bequemer gemacht werden und es werden nicht die großen Unternehmen sein, die hierfür innovative Lösungen pushen.

 

Saß-advocado

 

Seit eurer Gründung 2014 verfolgt ihr das Ziel, Anwälte und Mandanten zusammenzubringen. Was konntet ihr in den letzten drei Jahren erreichen? 

Airbnb vermittelt Urlaubsunterkünfte, Movinga Umzugshilfen und Lieferando den passenden Lieferservice. Die Digitalisierung betrifft mittlerweile viele Lebensbereiche, nur für den Rechtsdienstleistungsmarkt gab es lange Zeit keine kundenorientierten Lösungen. Deswegen sind wir 2014 mit der Idee gestartet, den Rechtsberatungsmarkt in Deutschland bzw. in Europa zu digitalisieren, transparenter und kundenfreundlicher zu gestalten – kurz: einfach, schnell und transparent den passendes Anwalt für jedes Rechtsproblem zum Festpreis zu vermitteln.

Anfängliche Skepsis gegenüber dem Angebot von advocado und die Angst vor möglichen Verstößen gegen berufs- und datenschutzrechtliche Bestimmungen konnten wir durch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit – zusammen mit dem Deutschen Anwaltsverein und den Rechtsanwaltskammern – abbauen. Es ist uns gelungen, breites Vertrauen in der Anwaltschaft zu gewinnen. Zudem haben wir gelernt, den Markt besser zu verstehen – nicht der Anwalt stellt das Problem dar, sondern fehlende kundenorientierte Lösungen.

Dieses Umdenken hat uns dabei geholfen, als LegalTech-Pionier mittlerweile Maßstäbe für die gesamte Branche zu setzen. Am meisten bestätigen uns aber die stark steigende Nachfrage von Rechtsuchenden und der sehr hohe Grad an zufriedenen Kunden. Gemeinsam mit unseren Partnerkanzleien erweitern wir unser Angebot stetig und sind sehr zuversichtlich, uns in den nächsten Jahren zum größten Rechts-Hub in Europa zu entwickeln.

Ihr seid eines der wenigen Start-ups, das sich für den Standort Mecklenburg-Vorpommern entschieden hat. Was spricht für euren Standort und was hat euch dazu bewogen, nicht in den Start-up-Schmieden Berlin oder München Fuß zu fassen? 

Mecklenburg-Vorpommern wird sicherlich nicht ganz zu Unrecht eher weniger mit technischen Innovationen, Digitalisierung und Start-ups in Verbindung gebracht. Dennoch bietet dieses Bundesland sehr interessante Rahmenbedingungen für Gründer. So konkurrieren wir mit deutlich weniger Start-ups um die besten Köpfe, konnten eine breite Vernetzung in der Region schnell herstellen, was uns auch bei der Gewinnung fester und verlässlicher Partner gelungen ist. Andersherum ist uns hier als Aushängeschild für die digitale Branche auch mehr Aufmerksamkeit gesichert. Für unsere Mandanten ist zudem der Standort völlig irrelevant – wir vermitteln deutschlandweit für jedes Rechtsproblem den passendsten Anwalt. Gewährleisten können wir das durch die Zusammenarbeit mit über 300 Kanzleien aus dem gesamten Bundesgebiet und durch unsere innovativen Kommunikationstools.

Einen Faktor sollte man übrigens nicht unterschätzen: wie motivierend es ist, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen.

Inwieweit ist die Plattform advocado auch für die Versicherungsbranche interessant?

advocado entwickelt sich kontinuierlich zu einem zentralen Rechts-Hub für die gesamte juristische Wertschöpfungskette weiter – Versicherer haben hier traditionell einen großen Anteil. Die Digitalisierung des Rechtsdienstleistungsmarktes wird viele der traditionellen Strukturen nachhaltig verändern und bietet zahlreiche Synergie-Effekte – nicht umsonst spricht der Deutsche Anwaltverein davon, dass 2017 das Jahr der LegalTechs werde.

Wir möchten innovative und ambitionierte Versicherer dazu einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen, gemeinsame Ideen zu entwickeln und zusammen die beste Kundenerfahrung am Markt im digitalen Zeitalter anzubieten.

 

Sie haben die letzten Start-up Interviews verpasst? Hier finden Sie die Interviews mit unseren Rockstar-Award-Anwärtern:

„Wie InsurTechs der Lebensversicherung wieder Leben einhauchen“ – Im Interview mit den Start-ups Getsurance und Penseo 

Absichern mit wenigen Klicks: Wie Start-ups Versicherungsprodukte neu denken“ – Im Interview mit den Start-ups hepster und inxure.me

„Start-ups und Kooperationen – Vorteile, Learnings und Hürden“ – Im Interview mit den Start-ups Liimex und Kasko.


 

 

Marianne Kühne
Marianne Kühne ist seit November 2015 bei den Versicherungsforen Leipzig als Referentin im Kompetenzteam „Digitalisierung und Innovation“ tätig. Frau Kühne ist Betriebswirtin mit einem Master-Abschluss der Universität Leipzig im Fachbereich „Banken und Versicherungen“. Während ihres Studiums war Frau Kühne im Haus der Victoria Versicherung AG und später der Ergo Versicherung AG in verschiedenen Bereichen tätig. Im Rahmen ihrer Tätigkeit bei den Versicherungsforen Leipzig betreut Marianne Kühne aktuell den Partnerkongress der Versicherungsforen Leipzig, der jährlich veranstaltet wird.