E-Health in Leipzig – Ein Blick in die Innovationsschmiede »SpinLab«

Die digitale Transformation des Gesundheitsbereichs hat den deutschen Markt erreicht. Telemedizin, Fitnesstracker oder Health Apps sind schon lange keine Zukunftsmusik mehr und das Potential des E-Health-Bereichs ist groß. Auch Versicherer haben das erkannt und reagieren mit Lösungen, wie »Vitality« oder den E-Health-Angeboten der Gothaer Versicherung. Außerdem sind spannende Kooperationen mit Start-ups zu beobachten. Erst kürzlich war beispielsweise in den Medien von der Kooperation der Concordia Krankenversicherung mit dem Schweizer Start-up Teleclinic zu lesen.

Im internationalen Vergleich hängt Deutschland, unterschiedlichen Studien und Statistiken zufolge, in der Entwicklung des E-Health-Bereiches allerdings hinterher. Ursachen können hier u. a. in der Regulatorik und in datenschutzrechtlichen Bedenken gesehen werden. Der Gesundheitsbereich ist recht starr und öffnet sich nur langsam digitalen Neuerungen.

Umso mehr freue ich mich, dass ich Ihnen zwei Start-ups aus Leipzig vorstellen darf, die mit ihren Lösungen das Gesundheitssystem digitaler machen wollen. Beide Unternehmen haben ihren Sitz im SpinLab, dem HHL Accelerator.

Das Unternehmen DIPAT hebt die Patientenverfügung ins digitale Zeitalter. Die Patientenverfügung wird dabei mit allen notwendigen medizinischen Notfalldaten online hinterlegt – einschließlich Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht, Organspendeangaben, Kontaktdaten von Bezugspersonen, Vorerkrankungen und Medikamenten. Sichergestellt wird zudem die laufende Aktualisierung aller Dokumente, ihre jederzeitige Abrufbarkeit für Ärzte sowie die Alarmierung aller angegebenen Kontaktpersonen im Notfall.

Das zweite Start-up DOCYET ist eine Assistance-Lösung, die Menschen in fremden Ländern hilft, die beste verfügbare medizinische Versorgung zu finden. Mit Hilfe eines Chatbots können Informationen über Krankheiten, Krankenhäuser oder notwendige Redewendungen in der jeweiligen Sprache eingeholt werden.

 

Dr. Paul Brandenburg, DIPAT

Dipat digitalisiert das Thema Patientenverfügung. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Die Idee zu DIPAT kam mir während meiner langjährigen Selbstständigkeit als Notarzt und Intensivmediziner. Wie fast alle ärztlichen Kollegen frustrierte es mich immer wieder, dass Patienten, wenn überhaupt, in aller Regel völlig unbrauchbare Patientenverfügungen hatten. Unbrauchbar deshalb, weil sie inhaltlich viel zu vage formuliert waren, als dass sie in der konkreten medizinischen Notlage eine ausreichend sichere Basis für eine ärztliche Behandlung gegeben hätten. Beispiel: „Ich wünsche keine lebensverlängernde Behandlung“. Darunter fällt streng genommen dann auch bereits ein Glas Wasser zu trinken. Die Folgen solcher Ungenauigkeiten sind immer wieder die gleichen: Kliniken behandeln im Zweifel so lange und so viel, wie sie gegenüber der Krankenkasse abrechnen können. Mit dem Interesse des Patienten und seiner Lebensqualität hat das dann nichts mehr zu tun.

 

Wer steckt alles hinter Dipat und wie gewährleistet ihr die Aktualität und Qualität der digitalen Patientenverfügungen?

Hinter DIPAT stecken meine Bruder und ich als Gründer. Inzwischen sind wir ein Team aus sechs Mitarbeitern und haben kürzlich zwei Unternehmen als Investoren und neue Mitgesellschafter gewonnen: den Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) und die Verlagsgesellschaft Madsack. Beide zusammen halten nun 25,1% Prozent an DIPAT. Mein Bruder und ich halten weiter die Mehrheit. Wir sind also ein in jeder Hinsicht selbstständiges, ärztlich geführtes Unternehmen. Das ist uns sehr wichtig: DIPAT ist weltanschaulich und politisch völlig neutral und wirtschaftlich unabhängig, denn wir sind und bleiben einzig dem Patientenwillen unserer Kunden verpflichtet.

 

Ihr seid eigentlich ein Berliner Start-up und habt euren Sitz nach Leipzig verlegt. Inwieweit spielt eure Zeit im SpinLab, dem HHL Accelerator, hier eine Rolle und welche Vorteile erhofft ihr euch von dem Standortwechsel?

Nach Leipzig kamen wir ursprünglich „nur“ zur Teilnahme am SpinLab Accelerator. Diese Teilnahme hat sich jedoch als sehr viel größerer Gewinn erwiesen, als ursprünglich gehofft. Einerseits war bereits die Zeit im SpinLab ein großartiger Fortschritt für uns: Sechs Monate lang wurden wir von Experten aus der HHL und erfahrenen Unternehmen intensiv in allen Geschäftsbelangen trainiert. Das war unbezahlbar. Andererseits haben wir festgestellt, dass sich in der Baumwollspinnerei rund um das SpinLab ein ganzes Netzwerk von Gründern und jungen Unternehmen gebildet hat, indem man sich gegenseitig in vielfacher Hinsicht unterstützt. Das Ganze wird zudem politisch und finanziell von der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen gefördert. Solche perfekten Bedingungen hat Berlin nicht ansatzweise zu bieten. So schwer mir die Feststellung als gebürtiger Berliner auch fällt.

 

Ihr seid eines der wenigen erfolgreichen eHealth Start-ups in Deutschland. Woran liegt das und welche Hürden müssen Start-ups im eHealth-Bereich nehmen?  

Danke für die Blumen, aber Erfolg ist auch hier relativ. Wir freuen uns, dass nicht nur unsere Nutzer, sondern auch die medizinische Fachwelt uns sehr gut angenommen hat. Wie alle innovativen Anbieter im Gesundheitssektor stehen aber auch wir vor einer großen Herausforderung: Der beispiellosen Verschlossenheit des Gesundheitsmarktes in Deutschland. Sie kommt ausgerechnet dadurch zu Stande, dass Krankenversicherungen und Industrie praktisch selbstständig entscheiden dürfen, welche Leistungen durch die Krankenversicherungen gezahlt werden. Wer als Anbieter mit seinen Leistungen nicht auf diese Liste kommt und es damit nicht in den sogenannten „ersten Gesundheitsmarkt“ schafft, hat praktisch keine Chance langfristig zu überleben. Die Deutschen sind gewohnt, was medizinisch sinnvoll ist, das zahlen schon die Krankenkassen. Oft stimmt das auch. Das Problem ist nur, junge Anbieter wie DIPAT haben keinerlei Stimme in der sogenannten Selbstverwaltung des Gesundheitssystems. Wir sind also darauf angewiesen, dass alteingesessene Gesundheitsunternehmen, die ja letztlich um die gleichen Versichertengelder konkurrieren wie wir, uns aus Fairness in den Markt lassen. Es ist wohl jedem klar, dass sie diese Fairness nicht aufbringen und stattdessen nach Kräften mauern. Daher sterben heute reihenweise gute eHealth-Innovationen den stillen Tod der Ignoranz durch das verschlossene Gesundheitssystem. Die Leidtragenden sind die Patienten.

 

 

Florian Bontrup, DOCYET 

DOCYET setzt auf den Einsatz künstlicher Intelligenz. Ein Chatbot unterstützt bei der Suche nach der besten medizinischen Versorgung, und das weltweit. Kannst du für technisch weniger versierte Leser kurz beschreiben, wie das Ganze funktioniert?

Chatbots sind Computerprogramme, die mir in einem Chat vollautomatisch antworten. Viele kennen ja z.B. Siri von Apple – wir machen etwas ganz ähnliches: DOCYET legt nur keine Erinnerungen an oder wählt Kontakte, unser Bot empfiehlt Ärzte, leistet Hilfestellung bei der Kommunikation und klärt die Abdeckung/Umfang der Krankenversicherung.

Wir versuchen aus den geschriebenen Worten die Situation des Patienten zu identifizieren und dazu passend schlagen unsere Algorithmen dann ein Hilfsangebot vor. Dabei können wir zum einen viel mehr Daten als etwa die Versicherungshotline einbeziehen, zum anderen lernen wir durch jede Empfehlung und das zugehörige Feedback dazu und können unser Angebot weiter verbessern.

 

Kann der Chatbot auch einen Fehler machen oder gar ausfallen? Mit welchen technischen Risiken muss man als Anwender bei der Kommunikation mit einem Chatbot rechnen?

Chatbots sind nur so gut wie sie programmiert und trainiert wurden und können somit auch Fehler machen. Wir versuchen natürlich so viele Situationen wie möglich eindeutig zu erkennen und vollautomatisch weiterzuhelfen. Gelingt das nicht, verbinden wir nahtlos weiter zu einem menschlichen Agenten im Service-Center, der dann per Chat oder Telefon übernimmt. Wir platzieren DOCYET deswegen auch erstmal als niedrigschwellige First-Level-Assistance, die bestehende Serviceangebote ergänzen und nicht sofort ersetzen soll.

Weil wir im medizinischen Bereich unterwegs sind, können Fehler natürlich schlimme Auswirkungen haben. Wir versuchen dabei generell nicht Ärzte zu ersetzen, Diagnosen zu erstellen oder bestimmte Behandlungen aus den Daten abzuleiten. Diese Entscheidungen soll weiterhin medizinisch qualifiziertes Personal treffen – wir wollen dafür nur alle erdenklichen Barrieren aus dem Weg räumen und den Patienten bestmöglich unterstützen. Eine Zertifizierung als Medizinprodukt streben wir später trotzdem an, da wir im Ausland, z.B. durch eine digitale Anamnese, unterstützen wollen.

 

Arbeitet ihr bereits mit Partnern zusammen, die den Chatbot als Assistance-Leistung einsetzen können – sprich, bestehen aktuelle schon Kooperationen mit Versicherern und Krankenkassen?

Die Verhandlungen laufen 😉. Wir sprechen gerade mit verschiedenen Versicherungsunternehmen aus GKV und PKV über Pilotprojekte und führen gemeinsame Workshops durch. Parallel geht die Produktentwicklung weiter: Neben dem Testing integrieren wir für die verschiedenen Funktionen des Bots die Angebote und Daten einer Reihe von externen Partnern, ohne die unser Produkt nicht möglich wäre.

Interessierte (Kranken-) Versicherungen, (analoge) Assisteure oder Gesundheitsstakeholder können sich aber natürlich gerne bei uns melden und wir schauen ob eine Kooperation Sinn macht.

 

Sie haben die letzten Start-up Interviews verpasst? Hier finden Sie die Interviews mit unseren Rockstar-Award-Anwärtern:

„Tech’s outside the box“ – Im Interview mit den Start-ups baningo und advocado

„Wie InsurTechs der Lebensversicherung wieder Leben einhauchen“ – Im Interview mit den Start-ups Getsurance und Penseo

Absichern mit wenigen Klicks: Wie Start-ups Versicherungsprodukte neu denken“ – Im Interview mit den Start-ups hepster und inxure.me

„Start-ups und Kooperationen – Vorteile, Learnings und Hürden“ – Im Interview mit den Start-ups Liimex und Kasko.

 


 

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