Technologien für das Altern in den eigenen vier Wänden

Die überalternde Bevölkerung ist Realität und betrifft viele Länder auf der ganzen Welt. Der Umgang mit dieser Entwicklung, z.B. durch die Schaffung flächendeckender Pflegeleistungen, ist eine große Herausforderung. Smart-Home-Technologien können an dieser Stelle einen wichtigen Beitrag leisten, ältere Menschen länger unabhängig und selbstständig in den eigenen vier Wänden leben zu lassen. Ein entsprechendes Projekt startete Tata Consultancy Services (TCS) im Juli 2015 in Singapur.

 

Senior Lady in a Wheelchair Holding Hands with her Young Caretaker

 

In Singapur wird sich die Anzahl der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, voraussichtlich von 440.000 (Stand 2015) auf 900.000 Menschen bis zum Jahr 2030 mehr als verdoppeln. Laut Schätzungen des Statistikamts von Singapur wird die Zahl der älteren Menschen, die alleine leben, von 35.000 im Jahre 2012 auf 83.000 bis zum Jahre 2030 ansteigen. Und bei diesen Prognosen sind Senioren, die allein zu Hause sind, während ihre Familien arbeiten, noch gar nicht berücksichtigt. Dieser Trend ist deshalb so gravierend, weil allein lebende Menschen allgemein schlechteren Zugang zur Gesundheitsvorsorge haben und besonders unter sozialer Isolation leiden, was sich oftmals in einem schlechteren Gesundheitszustand und Depressionen äußert.

Die Überalterung der Gesellschaft bringt zudem soziale, ökonomische und steuerliche Herausforderungen mit sich. Die steigende Nachfrage nach Altenpflege, verschärft durch den Mangel an entsprechenden Fachkräften, ruft nach einer radikalen Änderung der Art und Weise, wie Pflegeleistungen heute und in Zukunft erbracht werden müssen. Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat es in den letzten Jahren eine starke Zunahme an häuslichen und örtlichen Pflegeangeboten gegeben, um das Altern in den eigenen vier Wänden möglich zu machen. Der Vorteil dieses neuartigen Konzepts ist, dass ältere Menschen hierbei weiterhin vom Komfort ihres eigenen Zuhauses profitieren und die Vertrautheit ihrer Nachbarschaft genießen können, da sie nicht aus ihrer gewohnten Lebensumgebung gerissen werden.

Unterstützung erhält dieses Vorgehen durch technische Systeme. Die Lösungen reichen von Panik-Knöpfen, die von Senioren im Notfall ausgelöst werden können, sogenannten Wearables, die Lebenszeichen wie z.B. Herzfrequenz und Körpertemperatur aufzeichnen, Monitoring-Systeme, die Aktivitäten alter Menschen aus der Ferne aufzeichnen, Tele-Gesundheitssysteme, die ebenfalls aus der Ferne Pflegeleistungen organisieren, sowie Roboter, die mit älteren Menschen Gymnastikübungen durchführen können.

Ein erster Versuchsaufbau mit Sensoren, die Bewegungen von Senioren aus der Ferne überwachen und automatisch Pflegekräfte benachrichtigen, sobald Abweichungen von vorgegebenen Mustern gemessen werden, hat gezeigt, dass solche Lösungen die Sicherheit und auch das Selbstvertrauen von Senioren, ihr Leben alleine in den eigenen vier Wänden zu bestreiten, verbessern können. Gleichzeitig kann hierdurch die Notwendigkeit menschlicher Arbeitskraft drastisch reduziert werden.

 

Unsere Vision: Eine ganzheitliche und individuelle Lösung für das Altern mit Hilfe von Technologie

Die Singapore Management University hat in Zusammenarbeit mit Tata Consultancy Services (TCS) in Singapur das Projekt „ShineSeniors“ implementiert, in dessen Fokus Senioren stehen, die alleine in Mietwohnungen des Housing Development Boards (HDB) wohnen und sicher und unabhängig im Komfort ihres Zuhauses leben möchten. Jede Mietwohnung besteht aus Küche, Bad, und Wohnzimmer. Jeder Fleck der Wohnung wird von einem Sensor überwacht.

Ein effektiver Lösungsansatz muss die besonderen Umstände und den Lebensstil älterer Menschen gleichermaßen berücksichtigen. So betrachtet, muss die richtige Kombination von Technologie und menschlicher Arbeitskraft gefunden werden, um die besonderen Umstände und Bedürfnisse zu verstehen und ihnen bestmöglich gerecht zu werden. Bei der Technologie wurde darauf geachtet, dass keine aufdringlichen und sehr präsenten Sensoren zum Einsatz kommen, um die Lebensumstände und Privatsphäre zu respektieren.

Um das Konzept des Alterns in den eigenen vier Wänden zu realisieren, bedarf es der Integration von Pflege- und Aktionsmodellen. Durch schnelle Hilfeleistung von Pflegekräften bei Verhaltensabweichungen, die Gesundheitsrisiken bergen, kann das Wohlbefinden der Älteren in Notfallsituationen gewährleistet werden. Das Pflege- und Aktionsmodell zielt auf zwei Anwendungsbereiche ab: bedarfsgesteuerte und präventive Maßnahmen.

 

tcs

 

Beim Einsatz der Technologie sollte auf Folgendes geachtet werden:

  • Unaufdringlichkeit, so dass die Menschen ihren täglichen Aktivitäten nachgehen können, ohne ständig und überall von Technik in ihrem Befinden gestört zu werden,
  • Skalierbarkeit, um die zunehmende Zahl an älteren Menschen mit einer Lösung zu versorgen, die den Informationsaustausch zwischen ihnen und ihren Pflegekräften vereinfacht,
  • Echtzeit-Unterstützung von Datengenerierung und -verarbeitung, sodass Pflege und Hilfe rechtzeitig geleistet werden kann,
  • Zuverlässigkeit, sodass beide Seiten, die ältere Bevölkerung sowie die Pflegekräfte, genügend Vertrauen entwickeln und die Plattform dabei helfen kann, die Sicherheit und das Wohlbefinden ihrer Mitglieder zu überwachen und bei Notfällen Alarm auszulösen,
  • Nachhaltigkeit, so dass der Wartungsaufwand so gering wie möglich ist,
  • Erweiterbarkeit, sodass in Zukunft bessere und fortgeschrittenere Sensoren eingesetzt werden können und letztlich
  • Flexibilität, um Individualisierung zu ermöglichen.

Die vier Schlüsselkomponenten der Technologie für eine ganzheitliche und individuelle Lösung für das Altern zu Hause sind:

  • Monitoring-System zu Hause und in der Gemeinde, bestehend aus Sensoren und Endgeräten, um personen- und umweltbezogene Daten zu sammeln,
  • Plattform für Pflege, die von einer Vielzahl heterogener oder externer Datenquellen nahtlos Daten aufnehmen und speichern kann,
  • Datenanalysen, um das individuelle Profil von jedem einzelnen zu verstehen und eine ganzheitliche und individuelle Pflege zu ermöglichen und
  • Benutzerschnittstellen für die Übermittlung von Informationen an Stakeholder und um eine schnelle und zielgerichtete Hilfe zu ermöglichen.

 

Erste Generation von „smarten“ Häusern für ältere Menschen

Seit Juli 2015 wurde das Zuhause von insgesamt 100 Menschen in Marine Parade, einer Region im Osten von Singapur, mit unauffälligen, multimodalen Sensoren ausgestattet. Zusätzlich wurden 20 dieser Wohnungen mit sensor-basierten Medikamentenboxen ausgestattet, die Menschen daran erinnern sollen, ihre Medikamente einzunehmen. Das System kann Bewegungen von Menschen in der Wohnung erkennen und bei auffallender Inaktivität oder längerer Verweildauer außerhalb der Wohnung Alarm für entsprechende Pflegekräfte auslösen. Durch die Alarmierungsfunktion können Menschen bei Notfällen rechtzeitig Hilfe bekommen. Darüber hinaus können die Daten dafür genutzt werden, Erkenntnisse über tägliche Verhaltensmuster der Menschen zu sammeln, welche dann wiederum verwendet werden, um Anomalien zu aufzudecken. Dabei kann zwischen Anomalien oder plötzlichen Verhaltensänderungen eine direkte Verbindung mit dem Gesundheits- und psychologischen Zustand hergestellt werden. Beispielhafte Verhaltensänderungen wären, wenn Menschen auffällig lang schlafen und weniger oft ausgehen (Anzeichen von Demenz) oder wenn Personen die Toilette weniger oft benutzen als gesunde Menschen (Anzeichen für Diabetes).

 

Fazit

Technologiegestützte und datenbasierte Pflege wird Fachkräfte nicht ersetzen können und strebt das auch nicht an. Der Gesundheitszustand kann zwar über bestimmte Warnsignale oder Symptome assoziiert werden, die jedoch von Person zu Person variieren können. Daher ist es so wichtig, mit gut ausgebildeten Fachkräften zusammenzuarbeiten, um individuelle Benchmarks für den Gesundheitszustand zu definieren. Unsere Vision für das Älterwerden in den eigenen vier Wänden schließt daher Menschen, Technologien und Prozesse ein, deren Realisation die Unterstützung und Teilnahme verschiedener Stakeholder voraussetzt.

Letzten Endes wird der Erfolg technologiebasierter Altenpflege, vor allem aber unsere Vision einer ganzheitlichen Lösung, stark von der Akzeptanz abhängen. Daher müssen wir unsere Plattform weiter entwickeln und testen. Hierfür arbeiten wir eng mit Freiwilligen und Meinungsführern zusammen, um kontinuierliches Feedback zu erhalten und verschiedene Aspekte der Plattform zu verbessern. Mit ihrer Hilfe können wir die älteren Menschen besser erreichen und ihnen die Vorzüge des Alterns in den eigenen vier Wänden näherbringen.


 

Bloggt zu den Themen: Gastartikel, Innovation, Produktmanagement

Eine Antwort zu “Technologien für das Altern in den eigenen vier Wänden”

  1. Ruth sagt:

    Tja, einerseits sehr interessant, was mit Technikeinsatz so alles geht. Andererseits: Wie ist das mit Demenzkranken, wenn sie von technischen Spielereien umgeben sind? Manchmal ist ja schon die Waschmaschine eine echte Herausforderung und der Herd ein Fall für große Notizzettel („Herd aus?“).

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