Neue Wege in der Finanzwelt

„Ich bin eine Technologie, die die Finanzwelt radikal verändern, neue Geschäftsmodelle hervorbringen und etablierte überflüssig machen wird.“

Wie lautet die Frage in Jeopardy-Manier?

„Wer oder was ist eine Blockchain?“

Zweifelsfrei das neue Schlagwort der Finanzbranche für eine Technologie, der unglaubliches Potential nachgesagt wird. Allerdings wissen auch viele Unternehmen (35% laut der Studie “The Future of Retail Financial Services”) mit diesem Begriff nichts anzufangen. Grund genug, einmal etwas genauer zu schauen, was eine Blockchain ist, wie sie funktioniert und was das überhaupt mit Versicherungen zu tun hat.

 

Blockchain in der Versicherungswirtschaft

 

Was ist eine Blockchain?

Eine Blockchain ist ein verteilt geführtes und in sich verkettetes Journal.

Zunächst einmal handelt es sich um eine chronologische Auflistung von Einträgen (sogenannten Blöcken). Die Einträge können Finanztransaktionen (so wie in einem buchhalterischen Grundbuch) oder auch Eigentumsübergänge oder grundsätzlich alles andere, was chronologisch aufgelistet werden soll, beschreiben – dazu aber später mehr (siehe Abschnitt: Wofür braucht man eine Blockchain?).

Als verteilt geführt wird es bezeichnet, weil es keine zentrale, maßgebliche Instanz gibt, sondern weil es aus sehr vielen, grundsätzlich gleichberechtigten Instanzen besteht. Die Instanzen halten sich gegenseitig über neue Einträge auf dem Laufenden. Ein Eintrag gilt erst dann als erfolgt, wenn er von der Mehrheit der Instanzen eingetragen wurde.

Um zu verhindern, dass nachträglich Manipulationen an bestehenden Einträgen vorgenommen werden können, werden die einzelnen Blöcke kryptographisch miteinander verkettet. Das bedeutet, jeder Block enthält eine Prüfziffer, die aus dem vorhergehenden Block berechnet wurde. Falls ein Block manipuliert (oder versehentlich fehlerhaft übertragen) wird, stimmt keine der Nachfolgenden Prüfziffern mehr, sodass der fehlerhafte Eintrag mit wenig Aufwand identifiziert werden kann.

 

Wie funktioniert die Blockchain?

Vereinfacht gesagt, braucht es folgende Komponenten und Akteure, damit die Blockchain funktioniert:

Zunächst mal muss es eine möglichst große Anzahl von Akteuren geben, die jeweils eine Instanz der Blockchain führen. Die große Anzahl soll davor schützen, dass sich einzelne Akteure zusammentun können, um Manipulationen vorzunehmen. Aus diesem Grund sollen möglichst viele Akteure auch auf möglichst vielen verschiedenen Orten der Welt verteilt sein, damit sie unterschiedlichen Jurisdiktionen unterliegen und nicht einfach per einstweiliger Verfügung o. Ä. zur Änderung gezwungen werden können.

Die Akteure brauchen einen Kommunikationskanal, über den neue Einträge bekannt gegeben werden. Dabei kommen elektronische Signaturen zum Einsatz, um eine fehler- und manipulationsfreie Übertragung zu gewährleisten.

Gerade wegen der großen Anzahl der Akteure kann es nun passieren, dass mehrere neue Einträge konkurrierend durch das Netz propagiert werden. Wie oben beschrieben „gilt“ dann jener Eintrag, der zuerst von der Mehrheit akzeptiert wurde. Alle konkurrierenden Einträge müssen rückabgewickelt und durch die gültigen Einträge ersetzt werden.

Es ist allerdings auch möglich, dass einige Akteure bewusst entscheiden, sich dem Mehrheitsvotum ab einem bestimmten Eintrag zu widersetzen und die Kette mit anderen Einträgen weiterzuführen. Dieser Vorgang wird als „Fork“ (Verzweigung, Gabelung) bezeichnet. Damit sich nun nicht permanent Fraktionen bilden, die versuchen, Einträge zu ihrem Vorteil zu verändern, enthalten Systeme wie beispielsweise Bitcoin ein Anreizsystem, dass alle Beteiligten (oder zumindest eine hinreichende Mehrheit) zu einer gewissenhaften Ausführung bringen soll.

 

Wofür braucht man eine Blockchain?

Der Einsatz einer Blockchain ist vor allem dann sinnvoll, wenn mehrere Parteien ein gemeinsames Journal benötigen, aber keine zentrale Instanz mit der Führung betrauen wollen oder können. Der gegenwärtige Hype um die Technologie begann, als im Zuge der Subprime-Krise starke Kritik an der Politik der Zentralbanken aufkam. Um zu verhindern, dass staatliche Akteure Währungen willkürlich auf- oder abwehrten können, sollte mit Bitcoin eine Kryptowährung geschaffen werden, die gegen missbräuchliche Eingriffe von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren geschützt ist. Das manipulationssichere Journal bietet eine wichtige Grundlage dafür (auch wenn es berechtigte Zweifel gibt, ob Blockchain und Bitcoin den postulierten Zweck in allen Fällen erfüllen).

In der Folge sind zahlreiche weitere Vorschläge gemacht worden, wofür manipulationssichere Journale nützlich sein könnten. Häufig genannt wird die Dokumentation von Eigentum oder Besitz, beispielsweise von Immobilien, Fahrzeugen, Wertpapieren oder Edelsteinen. Vernünftig erscheint das allerdings nur dort, wo staatliche Register fehlen oder unzuverlässig sind (sei es durch Korruption, Ressourcenmangel, Ineffizienz oder Inkompetenz).[1]

Auch die transparente Dokumentation von Verträgen und der Vertragsausführung wird erprobt. Die Idee hinter diesen sogenannten Smart Contracts besteht darin, dass nicht nur einfache Transaktionen in einer Blockchain abgebildet werden können, sondern die Transaktionen auch an Bedingungen geknüpft sein können. Ein Eintrag könnte dann (sinngemäß stark vereinfacht) so aussehen: „Alice überträgt an Bob 0,5 Bitcoin, genau dann, wenn der DAX am 11. Dezember 2016 über 10.000 Punkten schließt.“ Die Besonderheit dabei ist nun, dass es abermals keine zentrale Stelle gibt, die diesen Vertrag auswertet. Die Auswertung erfolgt dezentral, wann immer einer der Akteure anhand der Blockchain feststellen möchte, wie viel Geld Alice und Bob zur Verfügung steht. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Bedingung (im Beispiel der Stand des DAX zum Stichtag) durch jeden Akteur einfach und eindeutig geprüft werden kann.

Weitergehende Anwendungen umfassen beispielsweise die Dokumentation von Software-Integritätstests bei militärischen Anwendungen[2] – hierbei soll die Dezentralität vermutlich die Ausfallsicherheit steigern und insbesondere ein gezieltes Blockieren zentraler Sicherheitsressourcen verhindern.

 

Was hat das mit Versicherungen zu tun?

Versicherungen gehören zu den Dingen, die sich grundsätzlich in Smart Contracts abbilden lassen. Sie scheinen auf den ersten Blick sogar attraktiv dafür, da sie ihrerseits ein abstraktes Produkt sind. Daher wird verschiedentlich vermutet, dass es möglich sein müsste, Versicherungsschutz ganz ohne klassische Versicherungsgesellschaften zu produzieren: Mittels Smart Contracts sollen sich dabei Risikokollektive selbst organisieren und das nötige Risikokapital könnte dabei auf dem Weg der Verbriefung aufgebracht werden. Besonders gut würde das bei parametrischen Versicherungen funktionieren, wenn der Leistungsfall anhand von öffentlich verfügbaren Parametern festgestellt werden kann – etwa Temperatur oder Niederschlagswerte an einem bestimmten Datum und einer bestimmten Messstation oder auch die Erdbebenstärke an einem bestimmten Ort in einem bestimmten Zeitraum.

Abgesehen von der offenkundigen Schwierigkeit, ein solches „Produkt“ in Einklang mit den geltenden Gesetzen und Normen zu bringen, ergeben sich dabei noch währungs- und versicherungstechnische Risiken, die den durchschnittlichen Konsumenten oder Anleger böse überraschen können.

Noch komplexer wird es, wenn nicht öffentliche Parameter, sondern eine individuelle Begutachtung des Schadens den Leistungsfall definiert. Auch so etwas ist theoretisch mit Smart Contracts machbar. Im Vertrag muss dann niedergelegt sein, welcher Personenkreis den Schaden feststellen, begutachten oder bezeugen soll. Den entsprechenden Nachweis müsste dann eine der autorisierten Personen ebenfalls in die Blockchain schreiben, damit sie zur Auswertung des Smart Contracts herangezogen werden kann.

Das klingt vor dem heutigen Stand der Kryptowährungen alles noch nicht besonders geeignet für den breiten Einsatz. Aber die Währungen entwickeln sich unentwegt weiter und Menschen scheinen durchaus gewillt, auch riskante Währungsexperimente zu unterstützen.


[1] Befürworter stellen die Anwendbarkeit der Technologie für den jeweiligen Zweck gern universell dar, bisher konnte uns aber noch niemand erklären, warum etwa die Immobiliengrundbücher in einem funktionierenden Rechtstaat in einer Blockchain grundsätzlich (also unabhängig von Implementierungsdetails) besser sein sollen als ein zentral verwaltetes System.

[2] https://guardtime.com/blog/galois-and-guardtime-federal-awarded-1-8m-darpa-contract-to-formally-verify-blockchain-based-inte

Bloggt zu den Themen: Informationstechnologie, Innovation

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