Versicherungsmarkt Brasilien – Ein Land zwischen Triumph und Krise?

In wenigen Tagen ist es soweit, dann richten sich alle Blicke auf Brasilien und das nächste Sportereignis des diesjährigen Sommers. Unter dem Motto Viva sua Paixão (Lebe deine Leidenschaft) wird dann bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gekämpft, gefeiert und gejubelt. Erstmals wird dieses Sporthighlight in Brasilien und auch in Südamerika ausgetragen. Ein Grund mehr, uns einmal den Versicherungsmarkt der Gastgeber näher anzuschauen.

 

Versicherungsmarkt Brasilien, Bild: Aerial view of Christ and Botafogo Bay from high angle. © marchello74 - Fotolia.com

Rio de Janeiro

 

Schattige Zeiten für das sonnige Land

Der südamerikanische Staat ist mit einer Fläche von rund 8.5 Millionen Quadratkilometern das fünftgrößte Land der Welt. Außerdem ist das Land am Zuckerhut Teil der sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China), welche die wichtigsten aufstrebenden Schwellenländer repräsentieren. Mit einem BIP von 2.417 Mrd. USD (2014) ist Brasilien die siebtgrößte Weltwirtschaft. Derzeit durchlebt das Land jedoch beunruhigende Zeiten. So prägen neben den sportlichen Schlagzeilen auch negative Rekordnews die internationale Presseberichterstattung. Mit einem Anstieg von 22 Prozent verzeichnet Brasilien derzeit die weltweit größte Zuwachsrate an Insolvenzen. Die Gründe dafür liegen vor allem in der aktuellen politischen Situation und der gegenwärtigen Rezession. 2015 verzeichnete die brasilianische Wirtschaft ein negatives Wachstum von 3,8 Prozent. Dazu führten nicht nur die niedrigen Rohstoffpreise sowie die hohe Inflationsrate, sondern auch das abgeschwächte Wachstum des wichtigsten brasilianischen Handelspartners China. Ein Ende der Rezession ist laut verschiedener Experten nicht in Sicht.

 

Der brasilianische Versicherungssektor – Flop oder Top?

Der brasilianische Versicherungsmarkt ist in den letzten Jahren allerdings gewachsen. Das liegt zum einen an Präsidentin Dilma Rousseff, die nach ihrem Wahlsieg den Ausbau der brasilianischen Infrastruktur forcierte und damit auch das Wachstum der Versicherungsbranche ankurbelte. Zum anderen trägt die reicher werdende Mittelschicht das Wachstum der Branche. Von 2004 bis 2011 hat sich die Arbeitslosenquote halbiert, was dafür sorgte, dass mehr Brasilianer ihr zusätzliches Einkommen in Versicherungsprodukte investierten. Trotzdem muss die Versicherungsbranche noch deutlich aufholen. Der Versicherungsmarkt trägt zu nur 4 Prozent zum brasilianischen Bruttoinlandsprodukt bei – weltweit sind es im Durchschnitt 8 Prozent.

Die Brasilianer von der Notwendigkeit von Versicherungen zu überzeugen, war in der Vergangenheit keine einfache Aufgabe. So blickten viele Brasilianer relativ optimistisch in die Zukunft und hielten Versicherungen entsprechend für weniger relevant. Mit den steigenden Einkommen sind die Versicherungsnehmer nun jedoch deutlich aufgeschlossener gegenüber Versicherungen, sodass sich die Prämieneinnahmen zwischen den Jahren 2004 und 2014 mehr als verfünffachten. In den letzten zwei Jahren hat sich die Prämienentwicklung aufgrund der wirtschaftlichen Lage jedoch deutlich verlangsamt. Gemessen an den Prämieneinnahmen ist das Land dennoch der größte Versicherungsmarkt Südamerikas und belegt innerhalb der BRIC-Staaten sogar Platz zwei.

 

Prämien im Leben- und Nichtlebenbereich

Die durchschnittliche Wachstumsrate der Lebensversicherungsprämien lag 2015 deutlich über dem Wirtschaftswachstum des Landes. So lag das reale BIP-Wachstum 2015 bei knapp -4 Prozent, das reale Prämienwachstum hingegen bei über 5 Prozent. Für dieses Jahr erwarten Experten eine deutlich geringere Nachfrage und demzufolge auch einen Rückgang des Wachstums. Die starke Konkurrenz, die angespannte Arbeitsmarktsituation und die allgemeine wirtschaftliche Krise werden die Versicherer dieser Sparte in Zukunft vor neue Herausforderungen stellen.

Der Nichtlebenbereich verzeichnete im Jahr 2015 eine negative Entwicklung. Die Prämieneinnahmen sanken von rund 42,6 Mrd. USD im Jahr 2014 auf knapp 32 Mrd. USD im Jahr 2015. Inflationsbereinigt ergibt dies einen Rückgang von -2,6 Prozent der Prämieneinnahmen, was das schwächste Wachstum seit 1996 darstellt. Ein Hauptgrund dafür ist der Rückgang des Fahrzeugabsatzes in der Motorfahrzeugbranche. Experten erwarten, dass das Prämienvolumen im Nichtlebenssektor in den nächsten Jahren aufgrund der wirtschaftlichen Misere und strengeren Kreditkonditionen weiter zurückgehen wird.

 

Mikrokredite sollen einkommensschwache Schichten in schwierigen Zeiten auffangen

Der südamerikanische Staat ist jährlich mehreren Naturkatastrophen (Tornados, Hagelstürme, Überschwemmungen und Dürrezeiten) ausgesetzt. Dabei leiden einkommensschwache Bevölkerungsschichten oftmals stärker unter diesen Risiken, da sie die entstehenden Verluste weniger verkraften können als einkommensstärkere. Neben den Naturkatastrophen führen auch Verluste von Eigentum, Ernteausfälle oder der Tod des Hauptverdieners zu einer hohen Armutsrate. Um diese Bevölkerungsschichten abzusichern, unterstützt der brasilianische Staat seit 2003 aktiv den Ausbau von Mikrokreditversicherungen. Allerdings liegt der tatsächliche Marktanteil dieses Segments noch deutlich unter dem durchschnittlichen Marktanteil der Mikroversicherungen im Südamerika. Als besondere Herausforderung gilt der Vertrieb dieses Produkts, weil der Zugang zu den entsprechenden Zielgruppen oftmals sehr schwierig ist.

 

Ein Ausblick – wie geht es weiter?

Und auch wenn es derzeit nicht so rosig in der Samba-Nation aussieht, hat sich in den letzten Jahren doch viel getan. So hätte wohl nicht mal der optimistischste Brasilianer in den 1990er Jahren damit gerechnet, dass Brasilien eines Tages die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Denn damals war das Land von einer großen sozialen Einkommensungleichheit, etlichen verwirrenden Korruptionsskandalen, einem verschlossenen Markt und einem altmodischen und überbürokratischen Regierungssystem gekennzeichnet.

Fakt ist jedoch, der brasilianische Versicherungsmarkt hinkt im Vergleich zu anderen Märkten noch deutlich hinterher. Der Anteil der Prämieneinnahmen gemessen am BIP liegt in etwa bei 4 Prozent und damit 4 Prozent hinter dem durchschnittlichen BIP der entwickelten Länder. Dennoch verzeichnet der brasilianische Versicherungsmarkt seit Jahren ein deutliches Wachstum. Die Zunahme an Versicherungen hat in Brasilien zu vielen Fusionen geführt. Derzeit teilen sich die zehn größten Versicherer 85 Prozent der Prämieneinnahmen. Zu den Spitzenreitern zählen die Bradesco, Banco do Brasil – Mapfre und SulAmérica. Mit der Allianz findet sich auch ein deutscher Versicherer unter den Top 10. Experten gehen davon aus, dass die fünf größten Versicherer weiterhin ihren Marktanteil ausbauen werden und dass das Interesse ausländischer Versicherer am brasilianischen Markt weiter steigen wird. Nun lehnen wir uns aber erst einmal zurück und freuen uns auf die Olympischen Spiele.


 

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