Mehr als 50 Verkehrsunfälle in fünf Jahren – was nach dem Plot einer Actionserie mit viel zu schnellen Autos und viel zu riskanten Fahrmanövern klingt, ist in Wahrheit eine Serie von Versicherungsbetrugsfällen, die aktuell vor dem Landgericht in Ludwigsburg verhandelt wird. Ein Berufskraftfahrer und seine Ehefrau hatten von 2011 an immer wieder Unfälle mit dem eigenen BMW provoziert und die bereits abgewickelten Schäden jeweils dem neuesten Schadenereignis zugerechnet. Obwohl eine Vielzahl von Versicherungen die Schadenforderungen wegen offensichtlichen Betrugsverdachts ablehnte, ist dennoch eine stattliche Schadensumme zusammengekommen. Für den Angeklagten als Hauptverursacher forderte die Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft.

 

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Dies ist nur ein – zugegebenermaßen extremes – Beispiel von vielen, wie tagtäglich Versicherungen betrogen werden. Die Mehrzahl der Delikte beschränkt sich natürlich auf kleinere Schadensummen und handelt meist von zerbrochenen Brillen, ertränkten Laptops und auf den Boden gefallenen Tablets. Versicherungsbetrug ist für rund ein Fünftel der Bevölkerung noch immer ein Kavaliersdelikt und wird weniger schlimm bewertet, als etwa ein Ladendiebstahl. 67 % der Versicherungsbetrüger haben laut einer Umfrage der GfK den tatsächlichen Schadenhergang bewusst falsch dargestellt, um Anspruch auf Versicherungsleistungen zu haben. Immerhin 33 % der Versicherungsbetrüger geben an, bei der Höhe des Schadens übertrieben zu haben. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass knapp über 40 % der Deutschen der Meinung sind, die Hausrat- und die Haftpflichtversicherung wären besonders leicht zu betrügen. Die Versicherer vermuten in beiden Sparten Betrugsquoten von bis zu 20 %.

Betrachtet man die amtlichen Zahlen wird deutlich, dass trotz zahlreicher Maßnahmen zur Eindämmung von Versicherungsbetrug die Fallzahlen steigen. Der im März dieses Jahres vom Bundesinnenministerium vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2015 ist zu entnehmen, dass der Betrug zum Nachteil von Versicherungen und Versicherungsmissbrauch um 23,2 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist. Auch der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist um 11,2 % gestiegen. Zwar stehen dahinter vergleichsweise geringe Fallzahlen, doch auch hierfür liefert die PKS eine Erklärung: Die Aussagekraft der PKS ist dadurch begrenzt, dass sie de facto nur der Polizei bekannt gewordene Kriminalität, das sog. Hellfeld, erfasst. Die Zahlen im Dunkelfeld können also weitaus höher liegen. Auch prägen Faktoren wie Anzeigeverhalten, insbesondere bei Straftaten mit Bezug zu Versicherungsaspekten, oder Verfolgungsintensität die Statistik. So werden in verschiedenen Regionen die Staatsanwaltschaften bereits bei Fehlverhalten im Gesundheitswesen ab Schadensummen von 50 Euro aktiv, in anderen ab 5.000 Euro, im schlechtesten Falle gar nicht.

Diese Zahlen lassen aufhorchen und zwar deshalb, weil dahinter eine brisante Realität in der Versicherungs- und Gesundheitswirtschaft steht, die nochmals eine ganz andere Dimension besitzt: Versicherungsbetrug entwickelt sich mehr und mehr zu einem illegalen Wirtschaftszweig. Der gesamtwirtschaftliche Schaden, der seit Jahren mit 4 Mrd. Euro (Stand 2011) angegeben wird, dürfte längst überholt sein. Eine gemeinhin gern genutzte Faustformel lautet nicht nur, dass etwa 10 % aller Versicherungsfälle betrügerisch sind, sondern auch, dass das Aufkommen an Versicherungsbetrug jährlich um etwa 10 % steigt. Legt man nur diesen gemäßigten Maßstab an, sind spätestens im Jahr 2016 die 6 Mrd. Euro an Gesamtschaden geknackt. Verschiedene Studien bescheinigen zudem die steigende Tendenz. Bestandsbetrachtungen einzelner Versicherer haben ergeben, dass in den vergangenen Jahren die Schadenfrequenz z. B. in der Kfz- oder Sachversicherung zwar um bis zu 28 % zurückgegangen ist, doch die durchschnittliche Schadenhöhe um bis zu 15 % stieg. Dies liegt auch darin begründet, dass es sich bei der Vielzahl der Betrugsfälle zwar nur um geringe Schadensummen handelt (wie beispielsweise bei Kleinelektronik oder Brillen), gleichzeitig die organisierte Kriminalität im Versicherungsbetrug aber boomt. Ein solcher Fall ist in Österreich aufgeflogen, wo ein Betrügernetzwerk in 22 Fällen mit fingierten Autounfällen die haftenden Versicherer um 250.000 Euro erleichtert hat. Auch im Bereich der Pflegeleistungen ist das Bundeskriminalamt zuletzt einem riesigen Abrechnungsbetrug auf die Spur gekommen. Hier sollen Pflegedienste aus Osteuropa Pflegeprotokolle gefälscht haben, insbesondere bei lukrativen Intensivpflegepatienten. Mit dieser Masche wurden bis zu 15.000 Euro abgezweigt – pro Patient und Monat! Den gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen ist damit immenser finanzieller Schäden entstanden.

Gerade im Bereich organisierter Kriminalität stoßen die bisher gängigen Betrugsabwehrsysteme der Versicherungswirtschaft an ihre Grenzen. Professionelle Banden wissen nur zu gut, wie die Algorithmen funktionieren und folglich auch, wie sie zu umgehen sind. Die Digitalisierung fügt eine weitere Problemdimension hinzu: Einbruch und Diebstahl können plötzlich auch begangen werden, ohne physische Spuren zu hinterlassen. Wie jedoch so oft ist dies nur die eine Seite der Medaille. Die Digitalisierung eröffnet weitaus größere Möglichkeiten zur automatischen Betrugsidentifizierung. Big Data ist hier das Stichwort. Die Entwicklung entsprechender Anwendungen wird bereits seit geraumer Zeit intensiv vorangetrieben. Dass es sich bei aller Euphorie für die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters bei technologiebasierten Betrugsabwehrsystemen jedoch (noch) nicht um die „eierlegende Wollmilchsau“ handelt, sollte anhand folgender zwei Schlussbemerkungen deutlich werden: Datenschutz ist eine Sache, die in Deutschland traditionell restriktiv gehandhabt wird – um eine gesetzliche Regulation des Erhebens und Auswertens großer Datenmengen wird man daher nicht so leicht herumkommen. Zweitens gilt immer noch: Prävention ist besser als Kontrolle. Die Versicherer stehen – wollen sie die Fallzahlen nachhaltig mindern – in der Pflicht, die Anreizstrukturen für Versicherungsbetrug (vor allem die Mehrzahl der privaten Einzelfälle) zu ihren Gunsten zu ändern.


Mehr zu Praxisfällen, den Herausforderungen und Lösungen im Bereich Betrugsabwehr sowie Missbrauchsbekämpfung können Sie am 13. & 14. September 2016 auf unserer Fachkonferenz „Innovative Betrugsabwehr in der Assekuranz“ erfahren!

 

Volker Illguth
Volker Illguth leitete 2011 bis 2016 das Kompetenzfeld „Kooperationsmanagement“ der Versicherungsforen Leipzig. Er beschäftigte sich insbesondere mit den Themen Betrugsabwehr und Datenschutz, E-Business und Innovationen, Kooperationen im Versicherungsmarkt sowie Personenschaden-Management. Im Rahmen seiner Tätigkeit begleitete er Konferenzen und User Groups, wie die Fachkonferenz zum Thema „Versicherungsbetrug“, und arbeitete in verschiedenen Kundenprojekten.