InsurTechs – Innovationsmotor oder Provisionsräuber?!

Das Thema InsurTechs brennt. Und wie! Kein Tag vergeht, ohne dass uns Schlagzeilen neuer Seeding Rounds in Millionenhöhe erreichen und Berichte darüber, wie eine Handvoll Mitzwanziger die Assekuranz revolutionieren werden. Je nachdem, wem man denn glauben mag, sind InsurTechs eigentlich dann auch irgendwie alles: vom Makler mit hübschem Frontend über den hochgradig ineffizienten und manuell arbeitenden Bestandsprovisionsabgreifer bis hin zum Blockchain und Peer-2-Peer beherrschenden Propheten.

 

 

 

Bild:Start up, #89565039 © Sunny studio - Fotolia.com

Wer bist du und wenn ja, wie viele?

Der InsurTech Markt in Deutschland umfasst aktuell schätzungsweise 25 bis 35 relevante Player. Eine genaue Zuordnung ist aber nicht realistisch möglich, da es keine klare Definition eines FinTechs (geschweige denn InsurTechs) gibt. Ist eine digitale Tippgeberplattform schon ein InsurTech? Reicht es, Makler zu sein und online Versicherungen zu vermitteln? Ist MLP dann auch ein InsurTech? Schon bei der Definition wird schnell klar, dass eigentlich nichts klar ist. Bleibt also nichts anderes übrig, als sich die bekannten (und auch weniger bekannten) Exemplare mal etwas näher anzuschauen. Und der Blick unter die Motorhaube der Geschäftsmodelle offenbart einen entscheidenden und oft ignorierten Aspekt: Kein (!) InsurTech ist disruptiv.

 

„Den Letzten beißen die Kunden.“[1]

Da ist es: Disruption – Mein Lieblingswort. Darf ja heute in keinem Artikel und keiner guten Präsentation mehr fehlen. Dabei kennt die Menschheit das Wort gerade mal gut 20 Jahre. Es geht zurück auf Clayton M. Christensen, der es in seinem legendären Buch „The Innovators Dilemma“ geprägt hat. „Eine disruptive Innovation ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung vollständig verdrängt.“[2] Kurze Frage: Werden Vertragsverwaltungsapps, kleinteilige Versicherungsprodukte oder Vergleichsportale die Assekuranz in naher Zukunft ablösen? Nein, davon ist wohl eher nicht auszugehen. Disruption? Weitgefehlt! Und überhaupt: Wer spricht eigentlich immer von diesem vermeintlichen Angriff auf die Assekuranz. Die aktuelle Generation der Start-ups interessiert sich nur für einen kleinen Teil der Wertschöpfungskette: den Vertrieb. Hier sitzt das Geld. Hier ist der Kunde … Nein, die Versicherer sind in ihrer Existenz nicht bedroht. Deren originäre Kernkompetenzen – insb. das Risiko- und Schadenmanagement – sind nur schwer reproduzierbar. Start-ups attackieren diese Bereiche (noch) nicht, zu komplex und risikobehaftet erscheint das Geschäftsmodell. Das primäre Ziel ist die langfristige Separation von Angebot (Versicherungsprodukten) und Nachfrage (Kunden). Hierbei nehmen sie die Position des Intermediärs ein, ohne dabei jedoch die eigentliche Produkthoheit zu besitzen. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Richtig, neu ist das Ganze nicht …

  • Uber – Das größte Taxiunternehmen besitzt keine Autos
  • Facebook – Das größte Medienunternehmen stellt keinen Content her
  • Alibaba – Der Top Online-Händler führt kein Inventar
  • Airbnb – Der größte Unterkunft-Marktplatz besitzt keine Immobilien

Solche Beispiele sollten zumindest hellhörig machen. Haben wir in naher Zukunft eventuell markbeherrschende VERSICHERUNGSANBIETER, die kaum etwas von Risikokalkulation und Schadenmanagement verstehen? Die Antwort hierauf ist offen – aber am Ende auch irrelevant. Denn: Nicht der Anbieter entscheidet über die Relevanz seiner Leistung, der Kunde tut es. Dem Kunden ist es egal, wer ihm seine VersicherungsLÖSUNG „verkauft“. Einzig Qualität (und in zweiter Instanz sicherlich der Preis) sind entscheidend. Und da liegt auch die eigentliche Problematik begründet: Start-ups, FinTechs, InsurTechs – sie alle existieren nur, weil etablierte Unternehmen in der Vergangenheit entscheidende Fehler gemacht haben – sei es nun durch zweifelhafte Beratungspraktiken, fehlende Betreuung nach dem Abschluss oder eine isolierte Produktwelt, die nicht die Problemlage der Versicherungsnehmer widerspiegelt. Schaffen es Start-ups, diese Deltas (zumindest teilweise) zu beseitigen, schaffen sie einen elementaren Nutzen für den Kunden, den dieser mit Loyalität und dem wichtigsten Zahlungsmittel unserer Zeit honoriert – seinen Daten!

 

Kooperieren. Oder verlieren!

InsurTechs machen sicherlich nicht alles richtig, aber eben auch nicht alles falsch. Sie rücken den Kunden und dessen Wünsche in den Mittelpunkt und fördern die Innovationskraft in der Assekuranz. Schon Clayton M. Christensen konstatierte, das externe Impulse unerlässlich sind, um antiquierte Denkmuster aufzubrechen. Die entscheidende Frage, die bleibt, ist wie die Assekuranz auf die neuen Entwicklungen reagiert. Hierbei gibt es zweifelsohne nicht die EINE Lösung! Einige Häuser werden in naher Zukunft auf Kooperationen setzen und eventuell Teile ihrer Wertschöpfungskette an FinTechs outsourcen. Andere Versicherer wiederum werden auf interne Lösungen mit eigenen Innovationszentren und Intrapreneuren setzen. Aus meiner Sicht erscheint eine Kombination beider Ansätze am vielversprechendsten, ermöglicht dies eine einzigartige Symbiose aus externen Impulsen und einer internen Innovationskultur. Welcher Weg auch eingeschlagen wird, eines ist klar: Wer den Aufsprung verpasst und das offensichtlich notwendige Umdenken – weg von Produkten hin zu Kundenlösungen – nicht zeitnah umsetzt, wird langfristig in einem von Veränderung geprägten Markt nicht überleben können.

„Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg.“ – Henry Ford


 

 [1] Klaus Klages (*1938), deutscher Gebrauchsphilosoph

[2] http://www.zukunftpassiert.de/disruptive-innovations-wie-markte-uber-nacht-ihren-mindset-wechseln/

Bloggt zu den Themen: Innovation

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2 Antworten zu “InsurTechs – Innovationsmotor oder Provisionsräuber?!”

  1. Eberhard Witthoff sagt:

    Ein sehr guter Artikel, dessen Fazit ich teile. Ich bin sicher, dass sich InsurTec evolutionär weiterentwickeln wird und wir noch neue Formen sehen werden (z.B. Richtung ReguTec/ClaimsTec). Viele dieser Start Ups werden wieder vergehen, viele aber neue Impulse setzen. Disruptiv mögen die meisten dieser Geschäftsmodelle nicht sein, aber möglicherweise werden sie den ein oder anderen Versicherer mittelfristig verändern und auf jeden Fall den Wettbewerb stimulieren.

  2. Alexander sagt:

    Diese Versicherungsapp werden ein Teil der Zukunft in der Versicherungsbranche werden. Bis sich diese Apps aber letztendlich flächendeckend durchsetzen, werden aber noch ein paar Jahre ins Land gehen. Schlussendlich wird der belohnt werden, der den längsten Atem hat.

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