Telematik über den Tellerrand der Versicherung hinaus denken

Das Thema Telematik begleitet die Assekuranz nun schon seit einigen Jahren. Durch die Trends Digitalisierung und Big Data gerät das Thema noch weiter in den Fokus der Versicherungsunternehmen. Gesucht wird dabei immer nach dem einen Business Case, der die Investition in die „kleinen Boxen“ profitabel macht. Vor allem die den Geschäftsmodellen nahegelegenen „Pay-as-you Drive“-Produkte werden unter die Lupe genommen. Unbeachtet bleiben oftmals Möglichkeiten, die sich darüber hinaus anbieten: Additive Serviceleistungen, also Produkte jenseits der klassischen Versicherung und des konventionellen Geschäftsmodells.

 

Bild: Steering wheel © Sergey Nivens - Fotolia

 

Die Datenanalyse und der Umgang mit den erhobenen Daten stellt für viele Unternehmen eine Hürde dar. Wie aus der Beobachtung des Fahrverhaltes neue Dienstleistungsideen generiert werden können, lässt sich von Unternehmen wie Google, Facebook und Co. ableiten. Die Anwendung auf das Versicherungsgeschäft fällt vielen Versicherern jedoch schwer. Sie fokussieren sich meist zu stark auf das Geschäftsmodell der klassischen Versicherung. Innovative Ansätze können in einem neuen Zeitalter allerdings nur dann entstehen, wenn man sich von den alten Denkmustern löst und Produkte entwickelt, die den neuen Lebens- und Konsumentengewohnheiten entsprechen. Denn Digitalisierung bedeutet, dem Kunden situationsbezogen und bedarfsgerecht Angebote und Mehrwerte zu präsentieren. Sie müssen seinen persönlichen Präferenzen entsprechen und zu seinen digitalen Lebensgewohnheiten passen.

 

Die Black-Box-Daten richtig nutzen

Die Grundlage für die Entwicklung dieser Innovationen bildet die Erhebung telematischer Daten. Die dafür notwendige Innovationskraft hängt dabei maßgeblich von der Fähigkeit der Versicherungsunternehmen ab, die massenhaft erhobenen Daten in Echtzeit auszuwerten, daraus neue Produktansätze und Serviceideen zu generieren und vielleicht sogar das eigene Geschäftsmodell anzupassen.

Das ist oftmals einfacher gesagt als getan – hier ist vor allem Kreativität und Ideenreichtum gefragt. Zwingend erforderlich ist das Verständnis für neue Lebens- und Mobilitätsgewohnheiten. Nur so entwickeln Versicherer ein Vorstellungsvermögen, wie sich ein neuer Bedarf mit technologischen Möglichkeiten abdecken lässt. Sind die Kundenbedürfnisse identifiziert, lassen sie sich per Datenanalyse situationsbezogen neuen Mobilitätskonzepten zuordnen, woraus neue Produkte und Servicedienstleistungen entstehen.

 

Versicherungen müssen sich jetzt positionieren

Wie immer gilt es, schnell zu sein. Der Markt ist hart umkämpft. Allen voran drängen Finanzdienstleister großer Automobilhersteller in den Markt und nutzen ihren Erstkontakt zum Kunden für die situative Angebotserweiterung rund um Finanzierung, Leasing, Garantieleistungen und Versicherungsschutz. Einige Versicherungen haben die Notwendigkeit erkannt und sind dabei, sich mit eigenen Lösungen im Markt zu platzieren.

In einem nächsten Schritt gelingt es vielleicht, die fahrtspezifischen Daten mit Kundeninformationen aus anderen Quellen anzureichern und zu verknüpfen, um einen neuen Service zu generieren. In den USA bereits praktiziert, ist beispielsweise eine Kombination mit Vitaldaten vorstellbar: Bei anormalen Puls- und Blutdruckwerten – direkt am Lenkrad gemessen oder alternativ über Smart Watch und Fitnessarmband – erhält der Fahrer die Empfehlung, bei nächster Gelegenheit anzuhalten, da seine Fahrtüchtigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinträchtigt ist. Auch die Adresse eines nahegelegenen Internisten mit eingebauter Online-Terminvereinbarung ist denkbar. Durch eine solche Kombination gelingt die Blickwinkelerweiterung der bis dato klassischen Kfz-Versicherung.

 

Telematik-Daten als Produktionsfaktor

Es zeigt sich, dass sich das Potenzial von Telematik-Produkten nicht allein in Prämiennachlässen erschöpft, für die es in Deutschland ohnehin nur wenig Spielraum gibt. Entscheidend wird es für Versicherungsunternehmen sein, dem Kunden durch eine intelligente Auswertung von Telematik- und weiterer Daten einen Zusatznutzen anzubieten. Dieser Nutzen sollte so groß sein, dass er bereit ist, dafür zu zahlen – sei es monetär oder in Form einer Erlaubnis zur Verwendung seiner Daten. Denn eines ist klar: Im Zeitalter der Digitalisierung sind die Daten der Produktionsfaktor der Zukunft. Durch ihn wird die Versicherungswirtschaft in der Lage sein, für jeden Kunden individualisierte, bedarfsgerechte und auf einen bestimmten Nutzungskontext zugeschnittene Telematik-Services anzubieten – und das auch außerhalb des eigenen Geschäftsmodells.


 

Bloggt zu den Themen: Gastartikel, Produktmanagement

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Hinterlasse eine Antwort