Koch oder Kellner? – Die Zukunft der Assekuranz

Dass sich für die Assekuranz in den letzten Jahren viel verändert hat, ist nicht zu leugnen. Die gemütlichen Zeiten vor der Deregulierung, in der die Zugehörigkeit zur Branche allein oft reichte, um mehr als auskömmliche Ergebnisse zu erzielen, sind vorbei. Unter dem steigenden Erfolgsdruck haben sich die Akteure der Versicherungsbranche mittlerweile zu echten Wettbewerbern entwickelt.

Die Versicherungsforen Leipzig beobachten den Markt seit 15 Jahren. Zeit also, um einmal den Blick in die Glaskugel zu wagen und zu schauen, was der Assekuranz in den nächsten 15 Jahren bevorsteht und welche Chancen und Möglichkeiten sich ihr bieten.

 

Weitblick, Urheber: Katja Xenikis, Fotolia

 

Der wesentliche Treiber zukünftiger Entwicklungen ist die Digitalisierung. Mit Blick auf Produktinnovationen und zunehmende Kooperationen mit branchenfremden Unternehmen hat sich in den letzten Jahren schon einiges bewegt, trotzdem steht die Branche im Kontext der Digitalisierung noch ganz am Anfang. Ich bin ich überzeugt, dass es schon bald ganz neue Geschäftsmodelle in der Versicherungswirtschaft geben wird – Geschäftsmodelle, die das traditionelle Versicherungsunternehmen vielleicht gar nicht mehr benötigen.

So könnte der Versicherungsschutz zum einen viel umfassender werden und die Grenzen von Versicherungszweigen überwinden, um Lösungen für komplette Haushalte zu schaffen. Dabei muss das Versicherungsprodukt gar nicht mehr als solches beim Kunden wahrgenommen, sondern kann einfach in weitere Produkte eingebaut werden. Andererseits ist auch mit einer Spreizung der Produktwelt zu rechnen. Es könnte viel mehr Kleinstprodukte und Einzeldeckungen mit Prämien im Cent- oder Eurobereich geben, die sich den individuellen Bedürfnissen der Kunden anpassen. Auch im Kontext Peer-to-Peer können ganz neue Arten von Versicherungsprodukten entstehen. Zudem wird die Veränderung von Risiken durch das Internet of Things, also vernetzte stationäre Endgeräte, vorangetrieben, die als Frühwarnsysteme für Risiken eingesetzt werden können, die bisher von der Versicherungswirtschaft ganz normal abgedeckt wurden.

Diese Möglichkeiten und Entwicklungen ziehen gewaltige Veränderungen in der kompletten Arbeitsorganisation eines Versicherungsunternehmens nach sich. In der Vergangenheit übliche Produktlebenszyklen, in denen allein die Entwicklung neuer oder die Justierung bestehender Produkte sechs Monate, ein Jahr oder länger in Anspruch genommen haben, müssen der Vergangenheit angehören. Für die Versicherungsbranche sollten ab sofort Schlagworte wie Höchstmaß an Flexibilität, Vereinfachung von Produktgestaltung und Schnelligkeit oberste Priorität besitzen und mit Leben gefüllt werden.

Dies ist umso wichtiger, da das Bedürfnis der Gesellschaft nach Vertrauen und Sicherheit und damit auch nach Versicherungsschutz trotz aller Fortschritte bleiben wird. Ob dieses Schutzbedürfnis jedoch durch die Versicherungswirtschaft oder gänzlich neue Marktteilnehmer erfüllt wird, ist derzeit noch offen. Es wird immer Veränderungsgewinner und Veränderungsverlierer geben, die Größe eines Versicherungsunternehmens spielt dabei jedoch nicht mehr die entscheidende Rolle. Perspektivisch werden wir womöglich über Player nachdenken, die heute vielleicht noch ganz klein sind, die aber groß werden können oder Player, die heute noch gar nicht im Versicherungsmarkt tätig sind. Ebenso kann es große Unternehmen und Konzerne geben, die in 10 bis 20 Jahren gar keine Rolle mehr spielen, weil sie die Zeichen der Zeit nicht oder zu spät erkannt haben.

Versicherer sollten also die Chance ergreifen, sich über das Thema Sicherheit oder über noch unbesetzte Themen (z.B. im Bereich Wohnen/Lebensgestaltung) als kompetenter Partner für jede Lebenslage zu positionieren, Komplettlösungen für den Kunden zu schaffen und bestenfalls die Wertschöpfung anderer Industrien in die eigene Wertschöpfung zu integrieren. Dazu muss sie sich jedoch ihrer Rolle klar werden, ob sie Koch oder Kellner, Hammer oder Amboss sein möchte.


 

Bloggt zu den Themen: Produktmanagement, Versicherungsbetrieb

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