Peer-to-Peer- und Friend-to-Friend-Versicherungsmodelle und die Herausforderungen aus IT-Sicht

Ein bisschen klingt es wie eine Mischung aus Sozialromantik und „Back to the Roots“: Anstatt Sicherheit in einem riesigen Versichertenkollektiv über das Gesetz der großen Zahl zu suchen, soll sich eine überschaubare Anzahl von Freunden gegenseitig absichern. In Kalifornien beginnt gerade das Startup „Peercover“ mit dem produktiven Betrieb und verspricht nicht weniger als „anything and everything“ versichern zu können – und zwar weltweit.

Das Konzept erinnert ein wenig an Lloyd’s Kaffeehaus im 18. Jahrhundert. Im NewScientist wird bereits gemutmaßt, ob so die Lösung für die US-Amerikanische Krankenversicherung aussehen könnte, selbst wenn noch einige „obvious regulatory hurdles“ bestünden. So viel Optimismus ist bewundernswert. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Pläne der Kalifornier in Einklang mit den kontinentaleuropäischen Vorschriften für Versicherungen gebracht werden können. Das heißt aber nicht, dass Innovationen im Sinne von Peer-to-Peer-Versicherungen hierzulande unmöglich sind: Tatsächlich ist das Berliner Startup Friendsurance den Kollegen von der Westküste mindestens drei Jahre voraus; mit dem zugegebenermaßen etwas bodenständigeren Konzept, eine Versicherung des Selbstbehalts unter Freunden anzubieten. In diesem Beitrag möchte ich dieses Konzept (losgelöst von den konkreten Produkten) etwas näher betrachten und den Zusammenhang zu den veränderten Möglichkeiten der Versicherungs-IT ansprechen.

 

Peer-to-Peer- und Friend-to-Friend-Modelle

Neue Wege, neue Chancen

Was kann die IT leisten?

Peer-to-Peer- und Friend-to-Friend-Modelle

Für viele Versicherte lohnt es sich, eine Versicherung mit einem vergleichsweise hohen Selbstbehalt abzuschließen und so von einer günstigeren Prämie zu profitieren; insbesondere wenn es sich um versicherte Risiken handelt, die keine wirklich bedeutsame Delle im Haushaltsbudget verursachen. Trotzdem entscheiden sich viele Versicherungsnehmer für einen möglichst geringen oder überhaupt keinen Selbstbehalt. Denn ein großer Teil der Versicherungsnehmer ist risikoavers und nicht glücklich damit, im Schadenfall eine Eigenleistung zu erbringen. Für diese Gruppe ist die zusätzliche Absicherung über das kleine Peer-to-Peer-Kollektiv der Freunde interessant. Dabei hinterlegt das Kollektiv gewissermaßen einen gemeinsamen Selbstbehalt. Dieser ist Teil der regulären Prämie und wird offiziell nicht als Selbstbehalt bezeichnet aber, sofern nicht durch einen Schadenfall aufgebraucht, am Ende der Versicherungsperiode wieder ausgezahlt.

Neue Wege, neue Chancen

Durch die Verteilung des Risikos in einer „Peergroup“, auch wenn diese relativ klein ist, kann der „hinterlegte Selbstbehalt“ des Einzelnen vergleichsweise gering ausfallen. Dieses Modell könnte für viele Versicherungsnehmer attraktiv sein. Dabei wirkt besonders ein Effekt, der in der Psychologie als Verlustaversion bezeichnet wird: Menschen sind eher bereit, auf Gewinne zu verzichten, denn Verluste in Kauf zu nehmen – auch wenn rechnerisch möglicherweise kein Unterschied zwischen beidem besteht. In diesem Sinne sind Produkte mit teilweiser Prämienrückgewähr für den Kunden attraktiver als Produkte mit einem Selbstbehalt bei gleichen Margen. Natürlich kommt es auch noch auf die Ausgestaltung im Detail an – nicht ohne Grund sind die Verbraucherschützer beim Thema Rückgewähr schnell misstrauisch.

Zwar steigt mit der Anzahl der versicherten Freunde das Risiko, dass Schäden reguliert werden müssen und es zu keiner oder nur zu einer geringen Rückzahlung kommt, jedoch ist dieser Effekt so abstrakt, dass er entweder quantitativ unterschätzt oder möglicherweise sogar komplett übersehen wird. Und dadurch, dass sich die Mitversicherten untereinander kennen, entsteht ein gewisser sozialer Druck, die Versicherung nur in wirklich berechtigten Fällen in Anspruch zu nehmen. Diese Kontrollfunktion nützt auch dem Versicherungsunternehmen. Ein weiterer Vorteil für den Versicherer ergibt sich auf der Aufwandsseite: Im Falle kleiner Schäden kann er vollständig auf eine eigene Anspruchsprüfung verzichten. Diese sind durch den hinterlegten Selbstbehalt der Peergroup gedeckt und belasten den Versicherer nicht.

Was kann die IT leisten?

Mehrere Aspekte von Peer-to-Peer-Versicherungen können durch eine besondere IT-Unterstützung verbessert oder überhaupt erst ermöglicht werden. Voraussetzung von Peer-to-Peer-Versicherungen ist, dass sich die Versicherten zu einer Gruppe zusammenfinden und sich ein stückweit organisieren müssen; nur so können die beschriebenen positiven Effekte erreicht werden. Im einfachsten Fall stehen die Versicherten als Freunde ohnehin im regen Kontakt, sodass die Selbstorganisation prinzipiell völlig ohne organisatorische und technische Unterstützung erfolgen kann. Der Trend geht aber in eine andere Richtung: Virtuelle soziale Netzwerke erfreuen sich gerade deshalb so großer Beliebtheit, weil sie Menschen mit ähnlichen Interessen oder Lebenslagen schnell und unkompliziert zusammenbringen. Die Einrichtung entsprechender Portale kann also die Gruppenfindung potenzieller Peers mit ähnlichen Zielen, Risiken und Risikopräferenzen erleichtern. Portale, die die Berechnung eines persönlichen, gruppenspezifischen Tarifs ermöglichen, schaffen zusätzlichen Nutzen.

Ein weiterer Aspekt, bei dem eine passende IT-Lösung unterstützen kann, ist der In- und Exkassobereich. Traditionelle Versicherungssysteme sind nicht darauf ausgerichtet, Kleinstbeträge einzuziehen und auszuzahlen. Gerade für Peer-to-Peer-Versicherungen wird es jedoch erforderlich sein, die Transaktionskosten gering zu halten. Dazu sollten die Abrechnungen der Peer-to-Peer-Produkte von den anderen Abrechnungssystemen der Organisation getrennt werden. Das wiederum kann durch Auslagerung im Rahmen eines „Business Process Outsourcings“ erfolgen oder auch durch den Aufbau einer darauf spezialisierten Einheit im eigenen Haus. Die Fähigkeit, kleine und Kleinstbeträge effizient zu verwalten, ist auch für andere neuartige Versicherungsprodukte (situative Versicherungsprodukte etwa für bestimmte Fun-Sportarten oder auch Reiserücktrittsversicherungen) nützlich.

 

 

Wie sehen Sie den Trend von Peer-to-Peer- und Friend-to-Friend-Versicherungsmodellen? Bestehen auch über den Bereich der Selbstbehalte und Kleinbeträge hinaus Einsatzmöglichkeiten? Und bringt die Technik hier neue Chancen oder ist der technische Fortschritt nur ein zufälliger Begleiter, während alte, möglicherweise aus gutem Grund überwundene Deckungsmodelle neu aufgelegt werden?

 

Hinweis: Einen ausführlicheren Beitrag hierzu finden Sie in unserem Themendossierarchiv.


 

Bloggt zu den Themen: Informationstechnologie

Hinterlasse eine Antwort